SCRIPTURA

Sigmund Freud · Totem and Taboo · 2 of 16

I · The Savage’s Dread of Incest · 2 of 2

Translated by A. A. Brill

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But the incest dread of these races does not content itself with the creation of the institutions described, which, in the main, seem to be directed against group incest. We must add a series of ‘customs’ which watch over the individual behaviour to near relatives in our sense, which are maintained with almost religious severity and of whose object there can hardly be any doubt. These customs or custom prohibitions may be called ‘avoidances’. They spread far beyond the Australian totem races. But here again I must ask the reader to be content with a fragmentary excerpt from the abundant material.

Die Inzestscheu dieser Völker begnügt sich aber nicht mit der Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns hauptsächlich gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von »Sitten« hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religiöser Strenge eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote »Vermeidungen« (avoidances) heißen. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen Totemvölker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen, mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb zu nehmen.

Such restrictive prohibitions are directed in Melanesia against the relations of boys with their mothers and sisters. Thus, for instance, on Lepers Island, one of the New Hebrides, the boy leaves his maternal home at a fixed age and moves to the ‘clubhouse’, where he there regularly sleeps and takes his meals. He may still visit his home to ask for food; but if his sister is at home he must go away before he has eaten; if no sister is about he may sit down to eat near the door. If brother and sister meet by chance in the open, she must run away or turn aside and conceal herself. If the boy recognizes certain footprints in the sand as his sister’s he is not to follow them, nor is she to follow his. He will not even mention her name and will guard against using any current word if it forms part of her name. This avoidance, which begins with the ceremony of puberty, is strictly observed for life. The reserve between mother and son increases with age and generally is more obligatory on the mother’s side. If she brings him something to eat she does not give it to him herself but puts it down before him, nor does she address him in the familiar manner of mother and son, but uses the formal address. Similar customs obtain in New Caledonia. If brother and sister meet, she flees into the bush and he passes by without turning his head toward her.

In Melanesien richten sich solche einschränkende Verbote gegen den Verkehr des Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verläßt auf Lepers Island, einer der Neuhebriden, der Knabe von einem bestimmten Alter an das mütterliche Heim und übersiedelt ins »Klubhaus«, wo er jetzt regelmäßig schläft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine Schwester zu Hause ist, muß er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine Schwester anwesend, so darf er sich in der Nähe der Türe zum Essen niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zufällig im Freien, so muß sie weglaufen oder sich seitwärts verstecken. Wenn der Knabe gewisse Fußspuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein geläufiges Wort zu gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese Vermeidung, die mit der Pubertätszeremonie beginnt, wird über das ganze Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem Sohne nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut an, sagt ihm -- nach unserem Sprachgebrauch -- nicht »Du«, sondern »Sie«. Ähnliche Gebräuche herrschen in Neukaledonien. Wenn Bruder und Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden.

On the Gazella Peninsula in New Britain a sister, beginning with her marriage, may no longer speak with her brother, nor does she utter his name but designates him by means of a circumlocution.

Auf der Gazellen-Halbinsel in Newbritannien darf eine Schwester von ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer Umschreibung.

In New Mecklenburg some cousins are subject to such restrictions, which also apply to brothers and sisters. They may neither approach each other, shake hands, nor give each other presents, though they may talk to each other at a distance of several paces. The penalty for incest with a sister is death through hanging.

Auf Neumecklenburg werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von solchen Beschränkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie dürfen sich einander nicht nähern, einander nicht die Hand geben, keine Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten miteinander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwester ist der Tod durch Erhängen.

These rules of avoidance are especially severe in the Fiji Islands where they concern not only consanguineous sisters but group sisters as well. To hear that these savages hold sacred orgies in which persons of just these forbidden degrees of kinship seek sexual union would seem still more peculiar to us, if we did not prefer to make use of this contradiction to explain the prohibition instead of being astonished at it.

Auf den Fiji-Inseln sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge; sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die Gruppenschwester. Um so sonderbarer berührt es uns, wenn wir hören, daß diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufklärung des Verbotes zu verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern.

Among the Battas of Sumatra these laws of avoidance affect all near relationships. For instance, it would be most offensive for a Battan to accompany his own sister to an evening party. A brother will feel most uncomfortable in the company of his sister even when other persons are also present. If either comes into the house, the other prefers to leave. Nor will a father remain alone in the house with his daughter any more than the mother with her son. The Dutch missionary who reported these customs added that unfortunately he had to consider them well founded. It is assumed without question by these races that a man and a woman left alone together will indulge in the most extreme intimacy, and as they expect all kinds of punishments and evil consequences from consanguineous intercourse they do quite right to avoid all temptations by means of such prohibitions.

Unter den Battas auf Sumatra betreffen die Vermeidungsgebote alle nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es wäre für einen Batta z. B. höchst anstößig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind. Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holländische Missionär, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er müsse sie leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem Volke ohne weiteres angenommen, daß ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu ungehöriger Intimität führen werde, und da sie vom Verkehr naher Blutsverwandter alle möglichen Strafen und üblen Folgen erwarten, tun sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote auszuweichen.

Among the Barongos in Delagoa Bay, in Africa, the most rigorous precautions are directed, curiously enough, against the sister-in-law, the wife of the brother of one’s own wife. If a man meets this person who is so dangerous to him, he carefully avoids her. He does not dare to eat out of the same dish with her; he speaks only timidly to her, does not dare to enter her hut, and greets her only with a trembling voice.

Bei den Barongos an der Delagoa-Bucht in Afrika gelten merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schwägerin, der Frau des Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gefährliche Person irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut sich nicht, in ihre Hütte einzutreten, und begrüßt sie nur mit zitternder Stimme.

Among the Akamba (or Wakamba) in British East Africa, a law of avoidance is in force which one would have expected to encounter more frequently. A girl must carefully avoid her own father between the time of her puberty and her marriage. She hides herself if she meets him on the street and never attempts to sit down next to him, behaving in this way right up to her engagement. But after her marriage no further obstacle is put in the way of her social intercourse with her father.

Bei den Akamba (oder Wakamba) in Britisch-Ostafrika herrscht ein Gebot der Vermeidung, welches man häufiger anzutreffen erwartet hätte. Ein Mädchen muß zwischen ihrer Pubertät und ihrer Verheiratung dem eigenen Vater sorgfältig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn auf der Straße begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn hinzusetzen, und benimmt sich so bis zum Moment ihrer Verlobung. Von der Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den Weg gelegt.

The most widespread and strictest avoidance, which is perhaps the most interesting one for civilized races is that which restricts the social relations between a man and his mother-in-law. It is quite general in Australia, but it is also in force among the Melanesian, Polynesian and Negro races of Africa as far as the traces of totemism and group relationship reach, and probably further still. Among some of these races similar prohibitions exist against the harmless social intercourse of a wife with her father-in-law, but these are by far not so constant or so serious. In a few cases both parents-in-law become objects of avoidance.

Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte Völker interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter einschränkt. Sie ist in Australien ganz allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den Negervölkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus. Bei manchen dieser Völker bestehen ähnliche Verbote gegen den harmlosen Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten Fällen werden beide Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung.

As we are less interested in the ethnographic dissemination than in the substance and the purpose of the mother-in-law avoidance, I will here also limit myself to a few examples.

Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für den Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren, werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele beschränken.

On the Banks Island these prohibitions are very severe and painfully exact. A man will avoid the proximity of his mother-in-law as she avoids his. If they meet by chance on a path, the woman steps aside and turns her back until he is passed, or he does the same.

Auf den Banks-Inseln sind diese Gebote sehr strenge und peinlich genau. Ein Mann wird die Nähe seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die seinige. Wenn sie einander zufällig auf einem Pfade begegnen, so tritt das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder er tut das nämliche.

In Vanna Lava (Port Patterson) a man will not even walk behind his mother-in-law along the beach until the rising tide has washed away the trace of her footsteps. But they may talk to each other at a certain distance. It is quite out of the question that he should ever pronounce the name of his mother-in-law, or she his.

In Vanna Lava (Port Patteson) wird ein Mann nicht einmal hinter seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut nicht die Spur ihrer Fußtritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch dürfen sie aus einer gewissen Entfernung miteinander sprechen. Es ist ganz ausgeschlossen, daß er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht oder sie den ihres Schwiegersohnes.

On the Solomon Islands, beginning with his marriage, a man must neither see nor speak with his mother-in-law. If he meets her he acts as if he did not know her and runs away as fast as he can in order to hide himself.

Auf den Salomons-Inseln darf der Mann von seiner Heirat an seine Schwiegermutter weder sehen, noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern läuft, so schnell er kann, davon, um sich zu verstecken.

Among the Zulu Kaffirs custom demands that a man should be ashamed of his mother-in-law and that he should do everything to avoid her company. He does not enter a hut in which she is, and when they meet he or she goes aside, she perhaps hiding behind a bush while he holds his shield before his face. If they cannot avoid each other and the woman has nothing with which to cover herself, she at least binds a bunch of grass around her head in order to satisfy the ceremonial requirements. Communication between them must either be made through a third person or else they may shout at each other at a considerable distance if they have some barrier between them as, for instance, the enclosure of a kraal. Neither may utter the other’s name.

Bei den Zulukaffern verlangt die Sitte, daß ein Mann sich seiner Schwiegermutter schäme, daß er alles tue, um ihrer Gesellschaft auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet, und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem sie sich hinter einem Busch versteckt, während er seinen Schild vors Gesicht hält. Wenn sie einander nicht ausweichen können und das Weib nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der Verkehr zwischen ihnen muß entweder durch eine dritte Person besorgt werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals, zwischen sich haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund nehmen.

Among the Basogas, a negro tribe living in the region of the Nile sources, a man may talk to his mother-in-law only if she is in another room of the house and is not visible to him. Moreover, this race abominates incest to such an extent as not to let it go unpunished even among domestic animals.

Bei den Basoga, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk verabscheut übrigens den Inzest so sehr, daß es ihn selbst bei Haustieren nicht straflos läßt.

Whereas all observers have interpreted the purpose and meaning of the avoidances between near relatives as protective measures against incest, different interpretations have been given for those prohibitions which concern the relationship with the mother-in-law. It was quite incomprehensible why all these races should manifest such great fear of temptation on the part of the man for an elderly woman, old enough to be his mother.

Während Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so daß sie von allen Beobachtern als Schutzmaßregeln gegen den Inzest aufgefaßt werden, haben die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht unverständlich, daß alle diese Völker so große Angst vor der Versuchung zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer älteren Frau entgegentritt, welche seine Mutter sein könnte, ohne es wirklich zu sein.

The same objection was also raised against the conception of Fison who called attention to the fact that certain marriage class systems show a gap in that they make marriage between a man and his mother-in-law theoretically not impossible and that a special guarantee was therefore necessary to guard against this possibility.

Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von Fison erhoben, der darauf aufmerksam machte, daß gewisse Heiratsklassensysteme darin eine Lücke zeigen, daß sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter nicht theoretisch unmöglich machen; es hätte darum einer besonderen Sicherung gegen diese Möglichkeit bedurft.

Sir J. Lubbock, in his book The Origin of Civilization, traces back the behaviour of the mother-in-law toward the son-in-law to the former ‘marriage by capture’. “As long as the capture of women actually took place, the indignation of the parents was probably serious enough. When nothing but symbols of this form of marriage survived, the indignation of the parents was also symbolized and this custom continued after its origin had been forgotten.” Crawley has found it easy to show how little this tentative explanation agrees with the details of actual observation.

Sir J. Lubbock führt in seinem Werke »Origin of civilisation« das Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige Raubehe (marriage by capture) zurück. »Solange der Frauenraub wirklich bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch an, nachdem ihre Herkunft vergessen war.« Es wird Crawley leicht zu zeigen, wie wenig dieser Erklärungsversuch die Einzelheiten der tatsächlichen Beobachtung deckt.

E. B. Tylor thinks that the treatment of the son-in-law on the part of the mother-in-law is nothing more than a form of ‘cutting’ on the part of the woman’s family. The man counts as a stranger, and this continues until the first child is born. But even if no account is taken of cases in which this last condition does not remove the prohibition, this explanation is subject to the objection that it does not throw any light on the custom dealing with the relation between mother-in-law and son-in-law, thus overlooking the sexual factor, and that it does not take into account the almost sacred loathing which finds expression in the laws of avoidance.

E. B. Tylor meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von Seiten der Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der »Nichtanerkennung« (cutting) von Seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder, und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von den Fällen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt, unterliegt diese Erklärung dem Einwand, daß sie die Orientierung der Sitte auf das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht, und daß sie dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung trägt, welcher in den Vermeidungsgeboten zum Ausdruck kommt.

A Zulu woman who was asked about the basis for this prohibition showed great delicacy of feeling in her answer: “It is not right that he should see the breasts which nursed his wife.”

Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbotes gefragt wurde, gab die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, daß er die Brüste sehen soll, die seine Frau gesäugt haben.

It is known that also among civilized races the relation of son-in-law and mother-in-law belongs to one of the most difficult sides of family organization. Although laws of avoidance no longer exist in the society of the white races of Europe and America, much quarrelling and displeasure would often be avoided if they did exist and did not have to be re-established by individuals. Many a European will see an act of high wisdom in the laws of avoidance which savage races have established to preclude any understanding between two persons who have become so closely related. There is hardly any doubt that there is something in the psychological situation of mother-in-law and son-in-law which furthers hostilities between them and renders living together difficult. The fact that the witticisms of civilized races show such a preference for this very mother-in-law theme seems to me to point to the fact that the emotional relations between mother-in-law and son-in-law are controlled by components which stand in sharp contrast to each other. I mean that the relation is really ‘ambivalent’, that is, it is composed of conflicting feelings of tenderness and hostility.

Es ist bekannt, daß das Verhältnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter auch bei den zivilisierten Völkern zu den heikeln Seiten der Familienorganisation gehört. Es bestehen in der Gesellschaft der weißen Völker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen Individuen wieder aufgerichtet werden müßten. Manchem Europäer mag es als ein Akt hoher Weisheit erscheinen, daß die wilden Völker durch ihre Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vornherein ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, daß in der psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen befördert und ihr Zusammenleben erschwert. Daß der Witz der zivilisierten Völker gerade das Schwiegermutterthema so gern zum Objekt nimmt, scheint mir darauf hinzudeuten, daß die Gefühlsrelationen zwischen den beiden außerdem Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich meine, daß dies Verhältnis eigentlich ein »ambivalentes«, aus widerstreitenden, zärtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes ist.

A certain part of these feelings is evident. The mother-in-law is unwilling to give up the possession of her daughter; she distrusts the stranger to whom her daughter has been delivered, and shows a tendency to maintain the dominating position, to which she became accustomed at home. On the part of the man, there is the determination not to subject himself any longer to any foreign will, his jealousy of all persons who preceded him in the possession of his wife’s tenderness, and, last but not least, his aversion to being disturbed in his illusion of sexual over-valuation. As a rule such a disturbance emanates for the most part from his mother-in-law who reminds him of her daughter through so many common traits but who lacks all the charm of youth, such as beauty and that psychic spontaneity which makes his wife precious to him.

Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von Seiten der Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten, das Mißtrauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, die Tendenz, eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen, die vor ihm die Zärtlichkeit seines Weibes besaßen, und -- last not least -- die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der Sexualüberschätzung stören zu lassen. Eine solche Störung geht wohl zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend, Schönheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau wertvoll machen.

The knowledge of hidden psychic feelings which psychoanalytic investigation of individuals has given us, makes it possible to add other motives to the above. Where the psycho-sexual needs of the woman are to be satisfied in marriage and family life, there is always the danger of dissatisfaction through the premature termination of the conjugal relation, and the monotony in the wife’s emotional life. The ageing mother protects herself against this by living through the lives of her children, by identifying herself with them and making their emotional experiences her own. Parents are said to remain young with their children, and this is, in fact, one of the most valuable psychic benefits which parents derive from their children. Childlessness thus eliminates one of the best means to endure the necessary resignation imposed upon the individual through marriage. This emotional indentification with the daughter may easily go so far with the mother that she also falls in love with the man her daughter loves, which leads, in extreme cases, to severe forms of neurotic ailments on account of the violent psychic resistance against this emotional predisposition. At all events the tendency to such infatuation is very frequent with the mother-in-law, and either this infatuation itself or the tendency opposed to it joins the conflict of contending forces in the psyche of the mother-in-law. Very often it is just this harsh and sadistic component of the love emotion which is turned against the son-in-law in order better to suppress the forbidden tender feelings.

Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben. Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder, Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entfällt so eine der besten Möglichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der Mutter leicht so weit, daß sie sich in den von ihr geliebten Mann -- mitverliebt, was in grellen Fällen infolge des heftigen seelischen Sträubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der Schwiegermutter jedenfalls sehr häufig, und entweder diese selbst oder die ihr entgegenarbeitende Strebung schließen sich dem Gewühle der miteinander ringenden Kräfte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht häufig wird gerade die unzärtliche, sadistische Komponente der Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verpönte, zärtliche, um so sicherer zu unterdrücken.

The relation of the husband to his mother-in-law is complicated through similar feelings which, however, spring from other sources. The path of object selection has normally led him to his love object through the image of his mother and perhaps of his sister; in consequence of the incest barriers his preference for these two beloved persons of his childhood has been deflected and he is then able to find their image in strange objects. He now sees the mother-in-law taking the place of his own mother and of his sister’s mother, and there develops a tendency to return to the primitive selection, against which everything in him resists. His incest dread demands that he should not be reminded of the genealogy of his love selection; the actuality of his mother-in-law, whom he had not known all his life like his mother so that her picture can be preserved unchanged in his unconscious, facilitates this rejection. An added mixture of irritability and animosity in his feelings leads us to suspect that the mother-in-law actually represents an incest temptation for the son-in-law, just as it not infrequently happens that a man falls in love with his subsequent mother-in-law before his inclination is transferred to her daughter.

Für den Mann kompliziert sich das Verhältnis zur Schwiegermutter durch ähnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der Objektwahl hat ihn regulärerweise über das Bild seiner Mutter, vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt; infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teuren Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken, aber dieser widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, daß er an die Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualität der Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so daß ihr Bild im Unbewußten unverändert bewahrt werden konnte, macht ihm die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und Gehässigkeit zur Gefühlsmischung läßt uns vermuten, daß die Schwiegermutter tatsächlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, daß sich ein Mann manifesterweise zunächst in seine spätere Schwiegermutter verliebt, ehe seine Neigung auf deren Tochter übergeht.

I see no objection to the assumption that it is just this incestuous factor of the relationship which motivates the avoidance between son-and mother-in-law among savages. Among the explanations for the ‘avoidances’ which these primitive races observe so strictly, we would therefore give preference to the opinion originally expressed by Fison, who sees nothing in these regulations but a protection against possible incest. This would also hold good for all the other avoidances between those related by blood or by marriage. There is only one difference, namely, in the first case the incest is direct, so that the purpose of the prevention might be conscious; in the other case, which includes the mother-in-law relation, the incest would be a phantasy temptation brought about by unconscious intermediary links.

Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, daß es gerade dieser, der inzestuöse Faktor des Verhältnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir würden also in der Aufklärung der so streng gehandhabten »Vermeidungen« dieser primitiven Völker die ursprünglich von Fison geäußerte Meinung bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen den möglichen Inzest erblickt. Das nämliche würde für alle anderen Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe der Unterschied, daß im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die Verhütungsabsicht eine bewußte sein könnte; im anderen Falle, der das Schwiegermutterverhältnis mit einschließt, wäre der Inzest eine Phantasieversuchung, ein durch unbewußte Zwischenglieder vermittelter.

We have had little opportunity in this exposition to show that the facts of folk-psychology can be seen in a new light through the application of the psychoanalytic point of view, for the incest dread of savages has long been known as such, and is in need of no further interpretation. What we can add to the further appreciation of incest dread is the statement that it is a subtle infantile trait and is in striking agreement with the psychic life of the neurotic. Psychoanalysis has taught us that the first object selection of the boy is of an incestuous nature and that it is directed to the forbidden objects, the mother and the sister; pyschoanalysis has taught us also the methods through which the maturing individual frees himself from these incestuous attractions. The neurotic, however, regularly presents to us a piece of psychic infantilism; he has either not been able to free himself from the childlike conditions of psychosexuality, or else he has returned to them (inhibited development and regression). Hence the incestuous fixations of the libido still play or again are playing the main rôle in his unconscious psychic life. We have gone so far as to declare that the relation to the parents instigated by incestuous longings is the central complex of the neurosis. This discovery of the significance of incest for the neurosis naturally meets with the most general incredulity on the part of the grown-up, normal man; a similar rejection will also meet the researches of Otto Rank, which show in even larger scope to what extent the incest theme stands in the centre of poetical interest and how it forms the material of poetry in countless variations and distortions. We are forced to believe that such a rejection is above all the product of man’s deep aversion to his former incest wishes which have since succumbed to repression. It is therefore of importance to us to be able to show that man’s incest wishes, which later are destined to become unconscious, are still felt to be dangerous by savage races who consider them worthy of the most severe defensive measures.

Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt zu zeigen, daß die Tatsachen der Völkerpsychologie durch die Anwendung der psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verständnis gesehen werden können, denn die Inzestscheu der Wilden ist längst als solche erkannt worden und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung hinzufügen können, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug und eine auffällige Übereinstimmung mit dem seelischen Leben des Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, daß die erste sexuelle Objektwahl des Knaben eine inzestuöse ist, den verpönten Objekten, Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt, auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei macht. Der Neurotiker repräsentiert uns aber regelmäßig ein Stück des psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von den kindlichen Verhältnissen der Psychosexualität zu befreien, oder er ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In seinem unbewußten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die inzestuösen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verhältnis zu den Eltern für den Kernkomplex der Neurose zu erklären. Die Aufdeckung dieser Bedeutung des Inzests für die Neurose stößt natürlich auf den allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung wird z. B. auch den Arbeiten von Otto Rank entgegentreten, die in immer größerem Ausmaß dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte des dichterischen Interesses steht und in ungezählten Variationen und Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind genötigt zu glauben, daß solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdrängung verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden Völkern zeigen zu können, daß sie die zur späteren Unbewußtheit bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und der schärfsten Abwehrmaßregeln für würdig halten.