SCRIPTURA

Johann Wolfgang von Goethe · Faust, Part Two · 12 of 29

Act II · Classical Walpurgis-Night · II. Peneus · Am untern Peneios

Translated by Bayard Taylor

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FAUSTTake me with thee, then, I pray!

PENEIOS:Rege dich, du Schilfgeflüster!Hauche leise, Rohregeschwister,Säuselt, leichte Weidensträuche,Lispelt, Pappelzitterzweige,Unterbrochnen Träumen zu!...Weckt mich doch ein grauslich Wittern,Heimlich allbewegend ZitternAus dem Wallestrom und Ruh'.FAUST:Hör' ich recht, so muß ich glauben:Hinter den verschränkten LaubenDieser Zweige, dieser StaudenTönt ein menschenähnlichs Lauten.Scheint die Welle doch ein Schwätzen,Lüftein wie--ein Scherzergetzen.NYMPHEN:Am besten geschäh' dir,Du legtest dich nieder,Erholtest im KühlenErmüdete Glieder,Genössest der immerDich meidenden Ruh;Wir säuseln, wir rieseln,Wir flüstern dir zu.FAUST:Ich wache ja! O laßt sie walten,Die unvergleichlichen Gestalten,Wie sie dorthin mein Auge schickt.So wunderbar bin ich durchdrungen!Sind'd Träume? Sind's Erinnerungen?Schon einmal warst du so beglückt.Gewässer schleichen durch die FrischeDer dichten, sanft bewegten Büsche,Nicht rauschen sie, sie rieseln kaum;Von allen Seiten hundert QuellenVereinen sich im reinlich hellen,Zum Bade flach vertieften Raum.Gesunde junge Frauenglieder,Vom feuchten Spiegel doppelt wiederErgetztem Auge zugebracht!Gesellig dann und fröhlich badend,Erdreistet schwimmend, furchtsam watend;Geschrei zuletzt und Wasserschlacht.Begnügen sollt' ich mich an diesen,Mein Auge sollte hier genießen,Doch immer weiter strebt mein Sinn.Der Blick dringt scharf nach jener Hülle,Das reiche Laub der grünen FülleVerbirgt die hohe Königin.Wundersam! auch Schwäne kommenAus den Buchten hergeschwommen,Majestätisch rein bewegt.Ruhig schwebend, zart gesellig,Aber stolz und selbstgefällig,Wie sich Haupt und Schnabel regt...Einer aber scheint vor allenBrüstend kühn sich zu gefallen,Segelnd rasch durch alle fort;Sein Gefieder bläht sich schwellend,Welle selbst, auf Wogen wellend,Dringt er zu dem heiligen Ort....Die andern schwimmen hin und widerMit ruhig glänzendem Gefieder,Bald auch in regem prächtigen Streit,Die scheuen Mädchen abzulenken,Daß sie an ihren Dienst nicht denken,Nur an die eigne Sicherheit.

CHIRONMount! and I thus can ask, at leisure,Whither thy way. Thou standest on the shore;I’ll bear thee through the flood, with pleasure.

NYMPHEN:Leget, Schwestern, euer OhrAn des Ufers grüne Stufe;Hör' ich recht, so kommt mir's vorAls der Schall von Pferdes Hufe.Wüßt' ich nur, wer dieser NachtSchnelle Botschaft zugebracht.FAUST:Ist mir doch, als dröhnt' die Erde,Schallend unter eiligem Pferde.Dorthin mein Blick!Ein günstiges Geschick,Soll es mich schon erreichen?O Wunder ohnegleichen!Ein Reuter kommt herangetrabt,Er scheint von Geist und Mut begabt,Von blendend-weißem Pferd getragen...Ich irre nicht, ich kenn' ihn schon,Der Philyra berühmter Sohn!--Halt, Chiron! halt! Ich habe dir zu sagen...CHIRON:Was gibt's? Was ist's?FAUST:Bezähme deinen Schritt!

Faust (mounting):Whither thou wilt. I thank thee evermore. …The mighty man, the pedagogue, whose placeAnd fame it was, to teach a hero-race,—The splendid circle of the Argonauts,And all whose deeds made quick the Poet’s thoughts.

CHIRON:Ich raste nicht.FAUST:So bitte! nimm mich mit!CHIRON:Sitz auf! so kann ich nach Belieben fragen:Wohin des Wegs? Du stehst am Ufer hier,Ich bin bereit, dich durch den Fluß zu tragen.FAUST:Wohin du willst. Für ewig dank' ich's dir...Der große Mann, der edle Pädagog,Der, sich zum Ruhm, ein Heldenvolk erzog,Den schönen Kreis der edlen ArgonautenUnd alle, die des Dichters Welt erbauten.

CHIRONWe will not further speak of these!As Mentor even Pallas is not venerated;And, after all, they manage as they please,As if they’d not been educated.

CHIRON:Das lassen wir an seinem Ort!Selbst Pallas kommt als Mentor nicht zu Ehren;Am Ende treiben sie's nach ihrer Weise fort,Als wenn sie nicht erzogen wären.

FAUSTThe leech, who knoweth flower and fruit,Whose lore can sound the deepest root,—Who heals the sick, and soothes the wounded place,Him, here, in mind and body I embrace!

FAUST:Den Arzt, der jede Pflanze nennt,Die Wurzeln bis ins tiefste kennt,Dem Kranken Heil, dem Wunden Linderung schafft,Umarm' ich hier in Geist- und Körperkraft!

CHIRONWhen heroes, near me, felt the smart,My helpful knowledge failed them seldom;But, at the last, I left mine artTo priest and simple-gathering beldam,

CHIRON:Ward neben mir ein Held verletzt,Da wußt' ich Hülf' und Rat zu schaffen;Doch ließ ich meine Kunst zuletztDen Wurzelweibern und den Pfaffen.

FAUSTThy speech the true great man betrays,Who cannot hear a word of praise;His modesty would fain confound usTo think his equals still were round us.

FAUST:Du bist der wahre große Mann,Der Lobeswort nicht hören kann.Er sucht bescheiden auszuweichenUnd tut, als gäb' es seinesgleichen.

CHIRONThou seemest skilled to feign such matter—People and Prince alike to flatter.

CHIRON:Du scheinest mir geschickt zu heucheln,Dem Fürsten wie dem Volk zu schmeicheln.

FAUSTBut surely thou wilt grant to meThat thou the greatest of thy time didst see,Upon their paths of proud achievement trod,And lived thy days, a serious demigod.Among those grand, heroic forms of old,Whom didst thou for the best and worthiest hold?

FAUST:So wirst du mir denn doch gestehn:Du hast die Größten deiner Zeit gesehn,Dem Edelsten in Taten nachgestrebt,Halbgöttlich ernst die Tage durchgelebt.Doch unter den heroischen GestaltenWen hast du für den Tüchtigsten gehalten?

CHIRONOf those beneath the Argonauts’ bright banner,Each worthy was in his peculiar manner,And by the virtue of his strength selectiveSufficed therein, where others were defective.Castor and Pollux were as victors hailed,Where beauty and the grace of youth prevailed:Decision, the swift deed for others’ aid,Gave the fair crown before the Boreads laid:Reflective, prudent, strong, in council wise,So Jason ruled, delight of women’s eyes:Then Orpheus, gentle, silent, brooding, lowering,But when he struck the lyre, all-overpowering.Sharp-sighted Lynceus, who by day and darkThrough shoreward breakers steered the sacred bark.Danger is best endured where men are brothers;When one achieves, then praise him all the others,

CHIRON:Im hehren ArgonautenkreiseWar jeder brav nach seiner eignen Weise,Und nach der Kraft, die ihn beseelte,Konnt' er genügen, wo's den andern fehlte.Die Dioskuren haben stets gesiegt,Wo Jugendfüll' und Schönheit überwiegt.Entschluß und schnelle Tat zu andrer Heil,Den Boreaden ward's zum schönsten Teil.Nachsinnend, kräftig, klug, im Rat bequem,So herrschte Jason, Frauen angenehm.Dann Orpheus: zart und immer still bedächtig,Schlug er die Leier allen übermächtig.Scharfsichtig Lynceus, der bei Tag und NachtDas heil'ge Schiff durch Klipp' und Strand gebracht...Gesellig nur läßt sich Gefahr erproben:Wenn einer wirkt, die andern alle loben...

FAUSTBut Hercules thy speech is wronging —

FAUST:Von Herkules willst nichts erwähnen?

CHIRONAh, me! awaken not my longing!…I had not seen, in Fields Elysian,How Phœbus, Arês, Hermes, shine;But there arose before my visionA form that all men called divine.A king by birth, as ne’er another,A youth magnificent to view;Though subject to his elder brother,And to the loveliest women, too.No second such hath Gza granted,Or Hebe led to Heaven again;For him the songs are vainly chanted,The marble hewn for him in vain.

CHIRON:O weh! errege nicht mein Sehnen...Ich hatte Phöbus nie gesehn,Noch Ares, Hermes, wie sie heißen;Da sah ich mir vor Augen stehn,Was alle Menschen göttlich preisen.So war er ein geborner König,Als Jüngling herrlichst anzuschaun;Dem ältern Bruder untertänigUnd auch den allerliebsten Fraun.Den zweiten zeugt nicht Gäa wieder,Nicht führt ihn Hebe himmelein;Vergebens mühen sich die Lieder,Vergebens quälen sie den Stein.

FAUSTThough ever to his form addicted,His grace the sculptors could not wreak.The fairest Man hast thou depicted,Now of the fairest Woman speak!

FAUST:So sehr auch Bildner auf ihn pochen,So herrlich kam er nie zur Schau.Vom schönsten Mann hast du gesprochen,Nun sprich auch von der schönsten Frau!

CHIRONWhat!—Little worth is woman’s beauty,So oft an image dumb we see:I only praise, in loving duty,A being bright and full of glee.For Beauty in herself delighteth;And irresistibly she smitethWhen sweetly she with Grace uniteth,Like Helena, when her I bore.

CHIRON:Was!... Frauenschönheit will nichts heißen,Ist gar zu oft ein starres Bild;Nur solch ein Wesen kann ich preisen,Das froh und lebenslustig quillt.Die Schöne bleibt sich selber selig;Die Anmut macht unwiderstehlich,Wie Helena, da ich sie trug.

FAUSTHer didst thou bear ?

FAUST:Du trugst sie?

CHIRONThis back she pressed.

CHIRON:Ja, auf diesem Rücken.

FAUSTWas I not wild enough, before?And now such seat, to make me blest!

FAUST:Bin ich nicht schon verwirrt genug?Und solch ein Sitz muß mich beglücken!

CHIRONJust so she grasped me by the hairAs thou dost.

CHIRON:Sie faßte so mich in das Haar,Wie du es tust.

FAUSTO, I scarcely dareTo trust my senses!—tell me more!She is my only aspiration!Whence didst thou bear her—to what shore?

FAUST:O ganz und garVerlier' ich mich! Erzähle, wie?Sie ist mein einziges Begehren!Woher, wohin, ach, trugst du sie?

CHIRONNot difficult is the relation.’T was then, when came the Dioscuri boldTo free their sister from the robbers’ hold;But these, accustomed not to be subdued,Regained their courage and in rage pursued.The swamps below Eleusis did impedeThe brothers’ and the sister’s flying speed:The brothers waded: splashing through the reed,I swam: then off she sprang, and pressing meOn the wet mane, caressing me,She thanked with sweetly-wise and conscious tongueHow charming was she!—dear to age, so young!

CHIRON:Die Frage läßt sich leicht gewähren.Die Dioskuren hatten jener ZeitDas Schwesterchen aus Räuberfaust befreit.Doch diese, nicht gewohnt, besiegt zu sein,Ermannten sich urd stürmten hintendrein.Da hielten der Geschwister eiligen LaufDie Sümpfe bei Eleusis auf;Die Brüder wateten, ich patschte, schwamm hinüber;Da sprang sie ab und streichelteDie feuchte Mähne, schmeichelteUnd dankte lieblich-klug und selbstbewußt.Wie war sie reizend! jung, des Alten Lust!

FAUSTBut seven years old!—

FAUST:Erst zehen Jahr!...

CHIRONPhilologists, I see,Even as they cheat themselves, have cheated thee.’T is curious with your mythologic dame:The Poet takes her when he needs her name;She grows not old, stays ever young and warm,And of the most enticing form;Seduced in youth, in age enamoring still,—Enough! no time can bind the Poet’s will.

CHIRON:Ich seh', die Philologen,Sie haben dich so wie sich selbst betrogen.Ganz eigen ist's mit mythologischer Frau,Der Dichter bringt sie, wie er's braucht, zur Schau:Nie wird sie mündig, wird nicht alt,Stets appetitlicher Gestalt,Wird jung entführt, im Alter noch umfreit;Gnug, den Poeten bindet keine Zeit.

FAUSTThen let no bonds of Time be thrown around her!Even as on Phere’s isle Achilles found her,Beyond the bounds of Time. What blessing rare,In spite of Fate such love to win and wear!And shall not I, by mightiest desire,Unto my life that sole fair form acquire,That shape eternal, peer of Gods above,Tender as grand, sublime as sweet with love?Thou saw’st her once; to-day I saw her beam,The dream of Beauty, beautiful as Dream!My soul, my being, now is bound and chained;I cannot live, unless she be attained.

FAUST:So sei auch sie durch keine Zeit gebunden!Hat doch Achill auf Pherä sie gefunden,Selbst außer aller Zeit. Welch seltnes Glück:Errungen Liebe gegen das Geschick!Und sollt' ich nicht, sehnsüchtigster Gewalt,Ins Leben ziehn die einzigste Gestalt?Das ewige Wesen, Göttern ebenbürtig,So groß als zart, so hehr als liebenswürdig?Du sahst sie einst; heut hab' ich sie gesehn,So schön wie reizend, wie ersehnt so schön.Nun ist mein Sinn, mein Wesen streng umfangen;Ich lebe nicht, kann ich sie nicht erlangen.

CHIRONThou, Stranger! feel’st, as man, such ecstasy;Among us, Spirits, mad thou seem’st to be.Yet, as it haps, thy fortune now is omened;For every year, though only for a moment,It is my wont to call at Manto’s dwelling,—She, Esculapius’ child, whose prayers are swellingUnto her father, that, his fame to brighten,The brains of doctors he at last enlighten,And them from rashly dealing death may frighten.I like her best of all the guild of Sibyls,—Helpful and kind, with no fantastic fribbles;She hath the art. if thou the time canst borrow,With roots of power to give thee healing thorough.

CHIRON:Mein fremder Mann! als Mensch bist du entzückt;Doch unter Geistern scheinst du wohl verrückt.Nun trifft sich's hier zu deinem Glücke;Denn alle Jahr, nur wenig Augenblicke,Pfleg' ich bei Manto vorzutreten,Der Tochter äskulaps; im stillen BetenFleht sie zum Vater, daß, zu seiner Ehre,Er endlich doch der ärzte Sinn verkläreUnd vom verwegnen Totschlag sie bekehre...Die liebste mir aus der Sibyllengilde,Nicht fratzenhaft bewegt, wohltätig milde;Ihr glückt es wohl, bei einigem Verweilen,Mit Wurzelkräften dich von Grund zu heilen.

FAUSTBut I will not be healed! my aim is mighty:I will not be, like others, meanly flighty!

FAUST:Geheilt will ich nicht sein, mein Sinn ist mächtig;Da wär' ich ja wie andre niederträchtig.

CHIRONThe noble fountain’s cure neglect thou not:But quick dismount! We’ve reached the spot.

CHIRON:Versäume nicht das Heil der edlen Quelle!Geschwind herab! Wir sind zur Stelle.

FAUSTAnd whither, in this dreary night, hast thouTo land through pebbly rivers brought me now?

FAUST:Sag an! Wohin hast du, in grauser Nacht,Durch Kiesgewässer mich ans Land gebracht?

CHIRONHere Rome and Greece in battle tried their powers;Here flows Peneus, there Olympus towers,—The greatest realm that e’er was lost in sand.The monarch flies, the conquering burghers stand.Look up and see, in moonlight shining clear,The memorable, eternal Temple near!

CHIRON:Hier trotzten Rom und Griechenland im Streite,Peneios rechts, links den Olymp zur Seite,Das größte Reich, das sich im Sand verliert;Der König flieht, der Bürger triumphiert.Blick auf! hier steht, bedeutend nah,Im Mondenschein der ewige Tempel da.

Manto (dreaming within):From horse-hoofs trembleThe sacred steps of the Temple!The Demigods draw near.

MANTO:Von Pferdes HufeErklingt die heilige Stufe,Halbgötter treten heran.

CHIRONQuite right!Open your eyes, and see who’s here!

CHIRON:Ganz recht!Nur die Augen aufgetan!

Manto (awaking):Welcome! Thou dost not fail, I see.

MANTO:Willkommen! ich seh', du bleibst nicht aus.

CHIRONAnd still thy temple stands for thee!

CHIRON:Steht dir doch auch dein Tempelhaus!

MANTOAnd speedest thou still unremitting?

MANTO:Streiftst du noch immer unermüdet?

CHIRONAnd thou in peaceful calm art sitting,While I rejoice in restless heels?

CHIRON:Wohnst du doch immer still umfriedet,Indes zu kreisen mich erfreut.

MANTOI wait, and Time around me wheels.And he?

MANTO:Ich harre, mich umkreist die Zeit.Und dieser?

CHIRONThe vortex of this nightHath whirled him hither to thy sight.Helen, with mad, distracted senses,Helen he’d win by all pretences,And knows not how or where the task commences;But he deserves the Esculapian cure.

CHIRON:Die verrufene NachtHat strudelnd ihn hierher gebracht.Helenen, mit verrückten Sinnen,Helenen will er sich gewinnenUnd weiß nicht, wie und wo beginnen;Asklepischer Kur vor andern wert.

MANTOTo whom the Impossible is lureI love.

MANTO:Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt.

(Chiron is already far away.)MANTORash one, advance! there’s joy for thee!This dark way leads thee to Persephone.Under Olympus’ hollow foot,Secret, she waits prohibited salute.I smuggled Orpheus in to her, of old:Use thy chance better! On!—be bold![They descend.]

MANTO:Tritt ein, Verwegner, sollst dich freuen!Der dunkle Gang führt zu Persephoneien.In des Olympus hohlem FußLauscht sie geheim verbotnem Gruß.Hier hab' ich einst den Orpheus eingeschwärzt;Benutz es besser! frisch! beherzt!