SCRIPTURA

Johann Wolfgang von Goethe · The Sorrows of Young Werther · 54 of 89

Book II · May 9

Translated by R. D. Boylan

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May 9

Am 9. Mai

I have paid my visit to my native place with all the devotion of a pilgrim, and have experienced many unexpected emotions. Near the great elm tree, which is a quarter of a league from the village, I got out of the carriage, and sent it on before, that alone, and on foot, I might enjoy vividly and heartily all the pleasure of my recollections. I stood there under that same elm which was formerly the term and object of my walks. How things have since changed! Then, in happy ignorance, I sighed for a world I did not know, where I hoped to find every pleasure and enjoyment which my heart could desire; and now, on my return from that wide world, O my friend, how many disappointed hopes and unsuccessful plans have I brought back! As I contemplated the mountains which lay stretched out before me, I thought how often they had been the object of my dearest desires. Here used I to sit for hours together with my eyes bent upon them, ardently longing to wander in the shade of those woods, to lose myself in those valleys, which form so delightful an object in the distance. With what reluctance did I leave this charming spot; when my hour of recreation was over, and my leave of absence expired! I drew near to the village: all the well-known old summerhouses and gardens were recognised again; I disliked the new ones, and all other alterations which had taken place. I entered the village, and all my former feelings returned. I cannot, my dear friend, enter into details, charming as were my sensations: they would be dull in the narration. I had intended to lodge in the market-place, near our old house. As soon as I entered, I perceived that the schoolroom, where our childhood had been taught by that good old woman, was converted into a shop. I called to mind the sorrow, the heaviness, the tears, and oppression of heart, which I experienced in that confinement. Every step produced some particular impression. A pilgrim in the Holy Land does not meet so many spots pregnant with tender recollections, and his soul is hardly moved with greater devotion. One incident will serve for illustration. I followed the course of a stream to a farm, formerly a delightful walk of mine, and paused at the spot, where, when boys, we used to amuse ourselves making ducks and drakes upon the water. I recollected so well how I used formerly to watch the course of that same stream, following it with inquiring eagerness, forming romantic ideas of the countries it was to pass through; but my imagination was soon exhausted: while the water continued flowing farther and farther on, till my fancy became bewildered by the contemplation of an invisible distance. Exactly such, my dear friend, so happy and so confined, were the thoughts of our good ancestors. Their feelings and their poetry were fresh as childhood. And, when Ulysses talks of the immeasurable sea and boundless earth, his epithets are true, natural, deeply felt, and mysterious. Of what importance is it that I have learned, with every schoolboy, that the world is round? Man needs but little earth for enjoyment, and still less for his final repose. I am at present with the prince at his hunting lodge. He is a man with whom one can live happily. He is honest and unaffected. There are, however, some strange characters about him, whom I cannot at all understand. They do not seem vicious, and yet they do not carry the appearance of thoroughly honest men. Sometimes I am disposed to believe them honest, and yet I cannot persuade myself to confide in them. It grieves me to hear the prince occasionally talk of things which he has only read or heard of, and always with the same view in which they have been represented by others. He values my understanding and talents more highly than my heart, but I am proud of the latter only. It is the sole source of everything of our strength, happiness, and misery. All the knowledge I possess every one else can acquire, but my heart is exclusively my own.

Ich habe die Wallfahrt nach meiner Heimat mit aller Andacht eines Pilgrims vollendet, und manche unerwarteten Gefühle haben mich ergriffen. An der großen Linde, die eine Viertelstunde vor der Stadt nach S... zu steht, ließ ich halten, stieg aus und hieß den Postillon fortfahren, um zu Fuße jede Erinnerung ganz neu, lebhaft, nach meinem Herzen zu kosten. Da stand ich nun unter der Linde, die ehedem, als Knabe, das Ziel und die Grenze meiner Spaziergänge gewesen. Wie anders! Damals sehnte ich mich in glücklicher Unwissenheit hinaus in die unbekannte Welt, wo ich für mein Herz so viele Nahrung, so vielen Genuß hoffte, meinen strebenden, sehnenden Busen auszufüllen und zu befriedigen. Jetzt komme ich zurück aus der weiten Welt--o mein Freund, mit wie viel fehlgeschlagenen Hoffnungen, mit wie viel zerstörten Planen!--Ich sah das Gebirge vor mir liegen, das tausendmal der Gegenstand meiner Wünsche gewesen war. Stundenlang konnt' ich hier sitzen und mich hinüber sehnen, mit inniger Seele mich in den Wäldern, den Tälern verlieren, die sich meinen Augen so freundlich-dämmernd darstellten; und wenn ich dann um die bestimmte Zeit wieder zurück mußte, mit welchem Widerwillen verließ ich nicht den lieben Platz!--Ich kam der Stadt näher, alle die alten, bekannten Gartenhäuschen wurden von mir gegrüßt, die neuen waren mir zuwider, so auch alle Veränderungen, die man sonst vorgenommen hatte. Ich trat zum Tor hinein und fand mich doch gleich und ganz wieder. Lieber, ich mag nicht ins Detail gehn; so reizend, als es mir war, so einförmig würde es in der Erzählung werden. Ich hatte beschlossen, auf dem Markte zu wohnen, gleich neben unserem alten Haus. Im Hingehen bemerkte ich, daß die Schulstube, wo ein ehrliches altes Weib unsere Kindheit zusammengepfercht hatte, in einen Kramladen verwandelt war. Ich erinnere mich der Unruhe, der Tränen, der Dumpfheit des Sinnes, der Herzensangst, die ich in dem Loche ausgestanden hatte.--Ich tat keinen Schritt, der nicht merkwürdig war. Ein Pilger im heiligen Lande trifft nicht so viele Stätten religiöser Erinnerungen an, und seine Seele ist schwerlich so voll heiliger Bewegung.--Noch eins für tausend. Ich ging den Fluß hinab, bis an einen gewissen Hof; das war sonst auch mein Weg, und die Plätzchen, wo wir Knaben uns übten, die meisten Sprünge der flachen Steine im Wasser hervorzubringen. Ich erinnerte mich so lebhaft, wenn ich manchmal stand und dem Wasser nachsah, mit wie wunderbaren Ahnungen ich es verfolgte, wie abenteuerlich ich mir die Gegenden vorstellte, wo es nun hinflösse, und wie ich da sobald Grenzen meiner Vorstellungskraft fand; und doch mußte das weiter gehen, immer weiter, bis ich mich ganz in dem Anschauen einer unsichtbaren Ferne verlor. --Sieh, mein Lieber, so beschränkt und so glücklich waren die herrlichen Altväter! So kindlich ihr Gefühl, ihre Dichtung! Wenn ulyß von dem ungemeßnen Meer und von der unendlichen Erde spricht, das ist so wahr, menschlich, innig, eng und geheimnisvoll. Was hilft mich's, daß ich jetzt mit jedem Schulknaben nachsagen kann, daß sie rund sei? Der Mensch braucht nur wenige Erdschollen, um drauf zu genießen, weniger, um drunter zu ruhen. Nun bin ich hier, auf dem fürstlichen Jagdschloß. Es läßt sich noch ganz wohl mit dem Herrn leben, er ist wahr und einfach. Wunderliche Menschen sind um ihn herum, die ich gar nicht begreife. Sie scheinen keine Schelmen und haben doch auch nicht das Ansehen von ehrlichen Leuten. Manchmal kommen sie mir ehrlich vor, und ich kann ihnen doch nicht trauen. Was mir noch leid tut, ist, daß er oft von Sachen redet, die er nur gehört und gelesen hat, und zwar aus eben dem Gesichtspunkte, wie sie ihm der andere vorstellen mochte. Auch schätzt er meinen Verstand und meine Talente mehr als dies Herz, das doch mein einziger Stolz ist, das ganz und alles Elendes. Ach, was ich weiß, kann jeder wissen--mein Herz habe ich allein.