SCRIPTURA

Johann Wolfgang von Goethe · The Sorrows of Young Werther · 76 of 89

Book II · November 15

Translated by R. D. Boylan

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November 15

Am 15. November

I thank you, Wilhelm, for your cordial sympathy, for your excellent advice; and I implore you to be quiet. Leave me to my sufferings. In spite of my wretchedness, I have still strength enough for endurance. I revere religion—you know I do. I feel that it can impart strength to the feeble and comfort to the afflicted, but does it affect all men equally? Consider this vast universe: you will see thousands for whom it has never existed, thousands for whom it will never exist, whether it be preached to them, or not; and must it, then, necessarily exist for me? Does not the Son of God himself say that they are his whom the Father has given to him? Have I been given to him? What if the Father will retain me for himself, as my heart sometimes suggests? I pray you, do not misinterpret this. Do not extract derision from my harmless words. I pour out my whole soul before you. Silence were otherwise preferable to me, but I need not shrink from a subject of which few know more than I do myself. What is the destiny of man, but to fill up the measure of his sufferings, and to drink his allotted cup of bitterness? And if that same cup proved bitter to the God of heaven, under a human form, why should I affect a foolish pride, and call it sweet? Why should I be ashamed of shrinking at that fearful moment, when my whole being will tremble between existence and annihilation, when a remembrance of the past, like a flash of lightning, will illuminate the dark gulf of futurity, when everything shall dissolve around me, and the whole world vanish away? Is not this the voice of a creature oppressed beyond all resource, self-deficient, about to plunge into inevitable destruction, and groaning deeply at its inadequate strength, "My God! my God! why hast thou forsaken me?" And should I feel ashamed to utter the same expression? Should I not shudder at a prospect which had its fears, even for him who folds up the heavens like a garment?

Ich danke dir, Wilhelm, für deinen herzlichen Anteil, für deinen wohlmeinenden Rat und bitte dich, ruhig zu sein. Laß mich ausdulden, ich habe bei aller meiner Müdseligkeit noch Kraft genug durchzusetzen. Ich ehre die Religion, das weißt du, ich fühle, daß sie manchem Ermatteten Stab, manchem Verschmachtenden Erquickung ist. Nur--kann sie denn, muß sie denn das einem jeden sein? Wenn du die große Welt ansiehst, so siehst du Tausende, denen sie es nicht war, Tausende, denen sie es nicht sein wird, gepredigt oder ungepredigt, und muß sie mir es denn sein? Sagt nicht selbst der Sohn Gottes, daß die um ihn sein würden, die ihm der Vater gegeben hat? Wenn ich ihm nun nicht gegeben bin? Wenn mich nun der Vater für sich bahalten will, wie mir mein Herz sagt?--Ich bitte dich, lege das nicht falsch aus; sieh nicht etwa Spott in diesen unschuldigen Worten; es ist meine ganze Seele, die ich dir vorlege; sonst wollte ich lieber, ich hätte geschwiegen: wie ich denn über alles das, wovon jedermann so wenig weiß als ich, nicht gern ein Wort verliere. Was ist es anders als Menschenschicksal, sein Maß auszuleiden, seinen Becher auszutrinken? --Und ward der Kelch dem Gott vom Himmel auf seiner Menschenlippe zu bitter, warum soll ich großtun und mich stellen, als schmeckte er mir süß? Und warum sollte ich mich schämen, in dem schrecklichen Augenblick, da mein ganzes Wesen zwischen Sein und Nichtsein zittert, da die Vergangenheit wie ein Blitz über dem finstern Abgrunde der Zukunft leuchtet und alles um mich her versinkt und mit mir die Welt untergeht? Ist es da nicht die Stimme der ganz in sich gedrängten, sich selbst ermangelnden und unaufhaltsam hinabstürzenden Kreatur, in den innern Tiefen ihrer vergebens aufarbeitenden Kräfte zu knirschen: "mein Gott! Mein Gott! Warum hast du mich verlassen?" und sollt' ich mich des Ausdruckes schämen, sollte mir es vor dem Augenblicke bange sein, da ihm der nicht entging, der die Himmel zusammenrollt wie ein Tuch?