SCRIPTURA

Johann Wolfgang von Goethe · The Sorrows of Young Werther · 86 of 89

Book II · December 12

Translated by R. D. Boylan

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December 12

Am 12. Dezember

Dear Wilhelm, I am reduced to the condition of those unfortunate wretches who believe they are pursued by an evil spirit. Sometimes I am oppressed, not by apprehension or fear, but by an inexpressible internal sensation, which weighs upon my heart, and impedes my breath! Then I wander forth at night, even in this tempestuous season, and feel pleasure in surveying the dreadful scenes around me.

Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglücklichen gewesen sein müssen, von denen man glaubte, sie würden von einem bösen Geiste umhergetrieben. Manchmal ergreift mich's; es ist nicht Angst, nicht Begier--es ist ein inneres, unbekanntes Toben, das meine Brust zu zerreißen droht, das mir die Gurgel zupreßt! Wehe! Wehe! Und dann schweife ich umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahrszeit.

Yesterday evening I went forth. A rapid thaw had suddenly set in: I had been informed that the river had risen, that the brooks had all overflowed their banks, and that the whole vale of Walheim was under water! Upon the stroke of twelve I hastened forth. I beheld a fearful sight. The foaming torrents rolled from the mountains in the moonlight,—fields and meadows, trees and hedges, were confounded together; and the entire valley was converted into a deep lake, which was agitated by the roaring wind! And when the moon shone forth, and tinged the black clouds with silver, and the impetuous torrent at my feet foamed and resounded with awful and grand impetuosity, I was overcome by a mingled sensation of apprehension and delight. With extended arms I looked down into the yawning abyss, and cried, "Plunge!'" For a moment my senses forsook me, in the intense delight of ending my sorrows and my sufferings by a plunge into that gulf! And then I felt as if I were rooted to the earth, and incapable of seeking an end to my woes! But my hour is not yet come: I feel it is not. O Wilhelm, how willingly could I abandon my existence to ride the whirlwind, or to embrace the torrent! and then might not rapture perchance be the portion of this liberated soul? I turned my sorrowful eyes toward a favourite spot, where I was accustomed to sit with Charlotte beneath a willow after a fatiguing walk.

Gestern abend mußte ich hinaus. Es war plötzlich Tauwetter eingefallen, ich hatte gehört, der Fluß sei übergetreten, alle Bäche geschwollen und von Wahlheim herunter mein liebes Tal überschwemmt! Nachts nach eilfe rannte ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel, vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichte wirbeln zu sehen, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte, und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichem Widerschein rollte und klang: da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund und atmete hinab! Hinab! Und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzustürmen! Dahinzubrausen wie die Wellen! O!--Und den Fuß vom Boden zu heben vermochtest du nicht, und alle Qualen zu enden! --Meine Uhr ist noch nicht ausgelaufen, ich fühle es! O Wilhelm! Wie gern hätte ich mein Menschsein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde sie Wolken zu zerreißen, die Fluten zu fassen! Ha! Und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zuteil?

Alas! it was covered with water, and with difficulty I found even the meadow. And the fields around the hunting-lodge, thought I. Has our dear bower been destroyed by this unpitying storm? And a beam of past happiness streamed upon me, as the mind of a captive is illumined by dreams of flocks and herds and bygone joys of home! But I am free from blame. I have courage to die! Perhaps I have,—but I still sit here, like a wretched pauper, who collects fagots, and begs her bread from door to door, that she may prolong for a few days a miserable existence which she is unwilling to resign.

--Und wie ich wehmütig hinabsah auf ein Plätzchen, wo ich mit Lotten unter einer Weide geruht, auf einem heißen Spaziergange,--das war auch überschwemmt, und kaum daß ich die Weide erkannte! Wilhelm! Und ihre Wiesen, dachte ich, die Gegend um ihr Jagdhaus! Wie verstört jetzt vom reißenden Strome unsere Laube! Dacht' ich. Und der Vergangenheit Sonnenstrahl blickte herein, wie einem Gefangenen ein Traum von Herden, Wiesen und Ehrenämtern. Ich stand!--Ich schelte mich nicht, denn ich habe Mut zu sterben.--Ich hätte--nun sitze ich hier wie ein altes Weib, das ihr Holz von Zäunen stoppelt und ihr Brot an den Türen, um ihr hinsterbendes, freudeloses Dasein noch einen Augenblick zu verlängern und zu erleichtern.