SCRIPTURA

Alfred Kubin · Die andere Seite · 11 of 30

Zweiter Teil · Perle · Drittes Kapitel – Der Alltag · 3 of 3

„Nun, das Ei, die Nuss, Brot, Käse, Honig, Milch, Wein und Essig sind besonders geweiht.“

„Aha!“ rief ich frohlockend, „ein hygienischer Kult auf der Magenbasis. Vortrefflich!“ Eines leichten Spottes konnte ich mich nicht enthalten. „Warum denn nicht gleich Tee, Kaffee und Zucker?“

Da wandte mir Brendel den Rücken und zahlte. Ein Windstoss riss die Tür zum Café auf, die warme feuchte Erdluft drang herein, stark gemischt mit dem aufregenden Traumgeruch. Brendel ging mit kurzem Gruss, ich sah ihm durch die hohen, angelaufenen Scheiben nach. — Draussen war es dunkel.

Nein, so hätte ich es nicht machen sollen, da hatte ich mir etwas verscherzt. Ein anderes Mal würde ich vorsichtiger sein.

Speise und Trank allein konnten diese Religion übrigens nicht erschöpfen. Bald darauf erfuhr ich, dass Haare, Horn, Tannenzapfen, Pilze, Heu ebenfalls heilig seien. Sogar Pferde- und Kuhmist hatten höhere Bedeutung. Von den inneren Organen galten Leber und Herz, unter den Tieren die Fische für besonders wichtig. Gegerbte Häute nahmen auch einen mysteriösen Rang ein. Hingegen waren Stahl und Eisen und einzelne Metall-Legierungen sozusagen Antipoden jener Schätzungen. Hier traf das Gegenteil zu: sie schienen Gefahren zu symbolisieren. All diese Einzelheiten habe ich von Bauern und Jägern in Erfahrung gebracht; um sie zu erlangen, sind weite Spaziergänge ins freie Land nötig gewesen. Ich notierte mir alles, was ich diesen wortkargen Menschen im Laufe der Zeit abgerungen habe, eine komplette Liste will ich aber, um unnütze Längen zu vermeiden, nicht hierher setzen. Nur eines dürfte vielleicht noch interessieren: Es gab einsame Orte in Wäldern und an Sümpfen, wohin sich in der Dämmerung kein Wanderer wagte. Sie waren als unheimlich verschrien, und jeder Träumer war froh, der dort nichts zu suchen hatte.

Vielleicht hätte ich mehr Klarheit erworben und würde nicht so im Dunkel tappen, wenn ich nur ein einziges Mal den Tempel am See mit eigenen Augen erblickt hätte. Dieses Heiligtum muss nach allem was ich gehört habe ein märchenhaftes Wunder gewesen sein. Eine gute Tagereise von Perle entfernt, war er am Traumsee gelegen. Künstliche Wasserterrassen und ein stiller Park umgaben ihn. In diesem Tempel sollen die grössten Kostbarkeiten des Traumstaates aufbewahrt worden sein. Er war aus edelstem Material so kunstvoll erbaut, dass der Beschauer den Eindruck einer schwebenden Architektur erhielt. Die grösste Halle war in Braun, Grau und Grün, den Farben Pateras gehalten. In unterirdischen, geheimnisvollen Gelassen waren die symbolischen Statuen aufgestellt. Leider war er nur einmal im Jahre dem Besuche zugänglich und selbst dann waren gute Protektionen nötig. Anfangs hatte ich die Hoffnung, meine persönlichen Beziehungen zu Patera würden mir Einlass verschaffen. Doch mein Besuch bei ihm verzögerte sich immer mehr, und später kamen dann: die Ereignisse.

So unermüdlich ich auch der wahren Traumreligion nachforschte, so wenig habe ich gerade hier erreicht. Es war ein Verhängnis, wie oft ich Anstoss erregte!

Einmal war ich bei Bankier Blumenstich geladen. Da waren eine Menge Leute, und es herrschte eine sehr heitere Stimmung. Der Hausherr war dekoriert worden für die Badeanstalt, welche er ins Leben gerufen hatte. Diese Auszeichnung wurde nach Gebühr gefeiert.

Das Diner war vorüber. — Alles rauchte und man sass gemütlich bei Kaffee und Likör zusammen. „Hier sind die gescheitesten Leute von ganz Perle versammelt, wenn ich heute nichts erfahre, erfahre ich nie etwas“, dachte ich, und voll Mut platzte ich plötzlich heraus. Ich erzählte von meinem Ärger und den fruchtlosen Bemühungen, den wahren Kultus der Traumleute kennen zu lernen. Sehr schön klangen meine Worte, sehr glatt; wie getrieben von innen flossen sie von meiner Zunge. Endlich glaubte ich, alle von meinem brennenden Wissensdurst überzeugt zu haben, und bat die Anwesenden, mich ein wenig aufzuklären. Dann verstummte ich. Ich hätte auch nicht mehr weiter gekonnt, denn die Kehle war mir ausgetrocknet. Alles war sprachlos, verwirrt, beklommen. Zwei alte würdige Herren mit geistvollen Köpfen, in eleganter Biedermeierkleidung, verzogen sich bereits ins Nebenzimmer. Auf sie hatte ich meine Haupthoffnung gesetzt. Endlich sprach der Hausherr und kratzte sich dabei die schwarzen Koteletten:

„Junger Mann, waren Sie schon einmal in der Vorstadt drüben? Sehen Sie sich immerhin das alte Nest an.“ Seine Stimme klang scharf, und etwas abweisend.

Man war wie von einem dumpfen Druck erlöst. Wenigstens einer hatte gesprochen! Die Unterhaltung erstreckte sich jetzt über die gleichgültigsten Themen. Mich beachtete kein Mensch mehr. Nur mein Redakteur, der auch anwesend war, meinte besänftigend:

„Ja, ja, diese Zeichner!“

Damit war mir aber auch nicht gedient. In Gedanken versunken ging ich bald heim. „Niemals werde ich dahinter kommen!“ rief ich in die Nacht.

Beim Uhrturm riss es mich. Sollte vielleicht der Uhrbann damit zusammenhängen? Über den durfte auch nicht gesprochen werden. Das war doch auch unanständig! Woher käme wohl sonst die Verlegenheit? Ich war scheint’s wieder einmal ein „enfant terrible“ gewesen! Aber was soll’s mit der Vorstadt, diesem alten Dörfchen über der Brücke, um das sich kein Mensch kümmerte? Faule Ausflüchte! Ich wollte schon noch hinter den Schwindel kommen! Das gelobte ich mir und ballte die Faust.

VIII

Es ist nun an der Zeit, auch die Schattenseiten unseres Lebens ein bisschen zu zeigen. Sonst könnte am Ende gar einer glauben, hier sei es nur amüsant gewesen. Das kurzweilige Leben brachte auch viel Widerwärtiges mit sich. Um gleich einmal mit dem Hause anzufangen, worin wir wohnten: unter unsern Zimmern hatte sich ein altes Fräulein einquartiert, eine Prinzessin von X. Sie war hässlich wie eine kranke Ratte und dabei zanksüchtig. Dieses Wesen verursachte besonders meiner Frau viel Ärger. Sie war ein Geizhals, verfügte über viel Geld, doch war ihr Leben so verschlossen, dass kein Mensch Näheres darüber wusste. Sicher fand das alte Weib im ewigen Händelsuchen Befriedigung. Wenn ich nach neun Uhr abends im Zimmer noch umherging, klopfte sie regelmässig an die Decke — ein Zeichen, dass sie Ruhe wünsche. — Sah sie uns die Stiege herabkommen, ertönte jedesmal ihr Gekeife. Vor ihrer Wohnungstür stand immer eine Reihe von Töpfen und Schüsseln, für Milch und ähnliche Lieferungen bestimmt. Einmal habe ich ihr in der Dunkelheit einen irdenen Hafen zerschlagen; na, da war’s ganz aus! Erklärte Feindschaft! Sogar beim Friseur wollte sie mich anschwärzen. Dieser hatte trotz seiner Philosophie noch einigen Respekt vor der „Hoheit“. Als sie es aber zu arg trieb, und meine Frau im Stiegenhause insultierte, fuhr ich sie einmal tüchtig an:

„Wie Sie dastehen, sind Sie für mich die Dreckprinzessin!“ — Das alte Ferkel war unfrisiert. — Ein wenig half’s. Die adelstolze Dame verzog sich von jetzt an in ihren Bau, wenn sie mich hörte. Dies geschah einmal so hurtig, dass einer ihrer geflickten Pantoffeln vor mir liegen blieb. Ich stiess ihn von mir fort, und zu meiner Überraschung klimperten Goldstücke die Stiege hinab. „Einbrecher, Mörder!“ kreischte sie und machte das ganze Haus rebellisch.

Solche Sachen kamen oft vor; sie verbitterte uns gehörig das Leben. Noch gründlicher aber besorgte dies: „Der Student.“

Dieser hatte auf demselben Flur wie wir zwei Zimmer inne und war ein Saufaus. Ein ausdrucksloses, aufgedunsenes Gesicht mit einer Schramme auf jeder Wange, so dass es aussah, als hätte er einen dreifachen Mund. Dafür schien sein Verstand nur ein Drittel des Menschenmasses zu erreichen. Unser Nachbar mit ausgesprochener Nachtexistenz irrte sich jedesmal in der Tür, wenn er, bis oben hin voll, sein Lager aufsuchte. Fast jede Nacht fuhren wir erschrocken auf bei seinem Fluchen und Herumhämmern. Unzählige Male stellte ich ihn darob zur Rede. Aber was halfen uns seine Entschuldigungen? Es blieb beim alten. — Nur um des lieben Friedens willen fügten wir uns schliesslich ins Unvermeidliche.

Dann gab es noch anderes. Es war manchen Tag rein wie verhext. Um nur einiges herauszugreifen:

Da läutete früh um fünf Uhr ein Maurer mit einem Kübel Mörtel und Handwerkszeug und behauptete steif und fest, er hätte den Auftrag, in unserer Wohnung die Fenster zuzumauern. Ein andermal brachte man uns am späten Abend ein Ständchen. Eine Zigeunerkapelle konzertierte vor unserer Tür; natürlich lag ein Irrtum vor. Besucher mit den verschiedensten Anliegen kamen, fremde Gegenstände wurden abgeliefert und nicht wieder geholt. Ein Paket mit alten Käserinden lag einmal vierzehn Tage bei uns. Als ich es schliesslich fortgeschmissen hatte, kamen drei Offiziere und forderten barsch ihr Eigentum. Der Hausbettel trieb in Perle die schönsten Blüten. Oft wurde es aber noch viel unangenehmer. Es schleppten z. B. eines Abends in der Dämmerung mehrere schwarzgekleidete Männer einen Sarg zu uns. Er sei wohl hier bestellt? frugen sie höflich. Meine arme Frau hat sich dabei recht aufgeregt.

Über all diese Missverständnisse und das ewige Türklappen will ich nicht einmal so sehr klagen. Es kamen jedoch unheimliche und schwer glaubliche Dinge vor. Als Hilfe hatten wir eine Zugeherin, ein älteres Weib. Sie litt ewig an Zahnschmerzen und nie habe ich ihren Kopf frei von Tüchern gesehen. Sie kochte sehr gut und schmackhaft, was übrigens bei den frischen, ausgezeichneten Lebensmitteln im Traumreich keine grosse Kunst war. Nach ein paar Wochen hätte ich geschworen, unter den alten Röcken stecke jetzt eine andere Person; es war nicht mehr die frühere Aufwärterin. Ich sagte natürlich zu meiner Frau nichts davon, aber leider fiel ihr selbst manches auf.

„Du,“ fing sie einmal an, „die Anna färbt sich, glaube ich. Seit gestern ist sie blond, sie war doch immer brünett?“

„Schau, schau, die liebe Eitelkeit!“ meinte ich mit gekünstelter Arglosigkeit. Mir war es selbst nicht recht geheuer, schon lange nicht. Einmal aber war es zu auffallend. Tags vorher hatte uns eine rüstige Person in mittleren Jahren bedient, und heute stellte eine geschäftige Alte mit einem Greisengesicht die Schüsseln auf den Tisch. Meine Frau klammerte sich an mich, wir waren beide wie versteinert. „Aber es ist doch dasselbe Kopftuch?“ stotterte ich und blickte in die vor Schreck erweiterten Augen meiner Gattin. Flüsternd tauschten wir unsere Entdeckungen aus, auch sie hatte schon seit einem Monat die grässlichsten Vermutungen. „Nein, und wenn sie für zehn arbeitete, ich will sie nicht! Lieber mache ich alles allein!“

Ich musste die Anna entlassen. Ein paar Tage blieb ich daheim. Ich verabredete mit dem Friseur, dass Giovanni Battista morgens beim Zimmeraufräumen gegen Entgelt helfen sollte. Es ging vorzüglich, meine Frau befreundete sich richtig mit dem gelehrigen Tier; nur an den Zeichentisch durfte er nicht, da hiess es aufpassen, denn er fühlte sich selbst so ein wenig als Künstler, wollte nachhelfen, ausbessern. So weit es anging, namentlich beim Einkaufen, machte ich mich auch nützlich. Aber scharf musste man dabei den Leuten auf die Finger sehen, sonst brachte man was Schönes heim! Wie einmal, da ich auf dem Markt ein paar Hammelskoteletten kaufte, sehr billig kaufte, und sie voll Stolz zu Hause auspackte, waren anstatt des Fleisches kleine Schlageisen im Papier; es hingen noch Mauseschwänzchen darin. „Also untergeschoben, ei du Verdammtes!“ dachte ich.

IX

Und dann diese Geräusche! Diese Unruhe die ganze Nacht hindurch, das war perfid!

Aus dem französischen Viertel kamen verlotterte Banden mit Dirnen der Freudenhäuser bis in unsere Gegend. Wüstes Gebrüll, Pfeifen, Johlen näherte sich den Fenstern und entfernte sich wieder. Betrunkene, die das Café verliessen, hielten lange Monologe, furchtbar klangen die Lästerworte der Säuferwahnsinnigen. Daran konnte man sich nicht gewöhnen! Die Häuser ragten schief und winklig in die Strassen, die dadurch gebildeten Ecken und Vorsprünge warfen jedes laut gesprochene Wort mehrfach als Echo zurück. Gellende Rufe hallten aus der inneren Stadt; bald schärfer, bald leiser wurden sie aufgenommen und weitergegeben. Man wusste keine Ursache dafür. Dann war es wieder still, bis merklich ein Hüsteln und Kichern anhub. Nachts durch die Gassen Perles zu wandern war eine Qual. Hier taten sich schauerliche Abgründe für geschärfte Sinne auf. Aus den vergitterten Fenstern und Kellerlöchern klagte und stöhnte es in allen Tonarten. Hinter halb geöffneten Türen hörte man ein gepresstes Ächzen, so dass man unwillkürlich an Erdrosselungen und Verbrechen denken musste. Ging ich mit angstvollen Schritten nach Hause, höhnte es hinter mir her in tausend- — nein zehntausendfacher Weise. Die Torwege gähnten den Eiligen an, als wollten sie ihn verschlingen. Unsichtbare Stimmen lockten zum Flussufer, Blumenstichs Magazin lächelte schadenfroh, die Molkerei glich einer verborgenen, heimtückischen Falle, selbst die Mühle war nicht still, geschwätzig plapperte sie die ganze Nacht. Vor Angst gejagt flüchtete ich mich noch manches Mal auf dem Heimweg ins Kaffeehaus. Meine arme Frau fürchtete sich inzwischen allein zu Hause. Da knisterte ein Schrank oder es sprang ein Glas entzwei. Aus allen Ecken des Zimmers glaubte sie furchtbare Worte zu hören; oft fand ich sie beim Nachhausekommen in krankhaften Einbildungen feucht vor Angstschweiss. Diese schlaflosen Nächte wirkten zerstörend auf ihre Nerven, bald sah sie überall lebende Schatten und Gespenster.

Immer wieder war es die undefinierbare Substanz, man roch und fühlte sie schliesslich mit dem ganzen Körper. Bei Tage wollte niemand etwas gesehen haben, die Stadt war wie gewöhnlich tot, leer, träge.