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title: "Die andere Seite"
author: "Alfred Kubin"
title_de: "Die andere Seite"
languages: [de]
shelf: "Literature"
section: 12 of 30
url: https://scriptura.si/works/kubin-die-andere-seite/12/
cite: "Alfred Kubin, Die andere Seite, section 12. Scriptura (scriptura.si), https://scriptura.si/works/kubin-die-andere-seite/12/"
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# Die andere Seite

*Alfred Kubin*

German: Die andere Seite

A dream kingdom in Central Asia, built from bought antiques, sinks slowly into its own nightmare.

## 12. Zweiter Teil · Perle · Viertes Kapitel – Im Bann · 1 of 5

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### I

[¶1] Einmal kam ich aus dem Kaffeehaus und kletterte die Stufen zu meiner Wohnung empor. Auf unser verabredetes Zeichen öffnete meine Frau. Sie sah verweint und angegriffen aus. Auf dem Tische lag das Lederetui mit dem Bilde Pateras.

[¶2] „Warum liegt das hier? Ist etwas passiert?“

[¶3] „Ich habe ihn gesehen — ja — diesen da!“ sie sprach abgerissen und verwirrt. „Ich begreife noch gar nichts, aber eine Täuschung ist unmöglich, diese Augen kann es nicht zweimal geben.“

[¶4] „Aber ich bitte dich, erkläre dich genauer.“

[¶5] Und nun erzählte sie stossweise mit fliegendem Atem:

[¶6] „Vom Markte kommend wollte ich gerade in die Lange Gasse einbiegen — es dämmerte schon stark, daher beeilte ich mich heimzukommen. — Da hörte ich hastige Schritte hinter mir, es war ein Laternenanzünder — beim Überholen streifte er mich fast. — Zugleich wandte er sich einen Augenblick um und sprach leise: Entschuldigung! Doch wie entsetzlich, denke dir — — dein Freund Patera war es.“ — —

[¶7] Die letzten Worte schrie sie förmlich, Tränen rannen ihr die Wangen hinab. Schluchzend barg sie ihren Kopf an meiner Schulter. Selbst aufs höchste erschrocken, mühsam mich beherrschend, suchte ich sie zu beruhigen. „Du täuschst dich“, ich sprach so gleichgültig als es mir möglich war, „du täuschst dich bestimmt! Die Dämmerung ... im Zwielicht ist das so leicht möglich. Und dann, wo denkst du hin? Patera, der Eigentümer von allem hier, er wird doch nicht als gewöhnlicher Laternenanzünder herumlaufen?“

[¶8] Meine Stimme war unsicher, mir war selbst sehr bange.

[¶9] „O sprich nicht so, du machst es nur noch schlimmer! Sein Gesicht war ganz bewegungslos wie eine Wachsmaske, nur die Augen!..... Es lag ein blinder Glanz darin!..... Ein Schauder verfolgt mich noch, denke ich daran!“ Ihre Hand war heiss und fiebrig, ich drang darauf, dass sie zu Bett ging. Dabei suchte ich sie durch dummen Kaffeehausklatsch zu erheitern. Es war mir aber unmöglich, ihre Gedanken von dem Erlebnis abzulenken. — Auch ich hatte Angst.

[¶10] Das Leben wurde jetzt immer verteufelter und aufreibender. Trotz der schleichenden Gleichförmigkeit der Tage gab es kein Ausruhen, nicht einmal der nächsten Stunde war man sicher.

[¶11] Ich bekam das Traumreich allmählich satt. Natürlich das Erlebnis meiner Frau war Halluzination. Ha, Patera, mein Freund, der hatte anderes zu tun, als Fastnachtsscherze auszuführen. Gleichviel, eine Halluzination ist immer ein Mahnruf, die gepeinigten Nerven melden sich.

### II

[¶13] Nik. Castringius habe ich auch kennen gelernt. Ich weiss eigentlich nicht recht, ob ich ihm sympathisch war. Die Stellung beim Traumspiegel hatte er aufgeben müssen und arbeitete jetzt auf eigene Faust. Ich fand ihn recht originell, viel netter als seine beiden Freunde, mit denen er ins Café kam: de Nemi und den Photographen, meine ich. Castringius konnte sich nicht gut verstellen; seinen Neid und seine Eifersucht sah ihm jeder am Gesicht an. Gerade deshalb blieb er ganz ungefährlich und man freute sich an seinen Lichtseiten. Ein wirklich schlechter Kerl wird ein Künstler selten sein, hie und da eine kleine Gemeinheit, dabei bleibt es. Unsere Sensationen lassen gar keine Zeit zu gross angelegten Gaunereien. Wir legen unsere Seelen offen in die Arbeiten, so dass jeder deutlich sehen kann, was für ein Lump unter Umständen aus einem Künstler hätte werden können. Die Kunst ist ein Sicherheitsventil!

[¶14] Bevor ich kam, hatte Castringius seine einfachste Periode. Drei bis vier Linien und das Bild war fertig. Er nannte das „Grösse“. Die bedeutendsten Sachen hiessen: Der Kopf, Er, Sie, Wir, Es! Da war freilich der Einbildungskraft keine Schranke gesetzt. Z. B. ein Kopf in einer Blumenvase, — alles konnte man sich darunter denken. Als ich dann Anklang fand, musste sich Castringius auch zu etwas mehr aufschwingen. „Das Sujet vertiefen, darin liegt es!“ war seine halsstarrige Meinung. Und jetzt kamen dann Blätter wie: „Der wahnsinnige Papst Innozenz beim Tanze der Kardinals-Quadrille.“

[¶15] Der Zeichner hatte ein kleines Dachatelier im französischen Viertel inne. In diesem Stadtteil konnte er seinen Eigenheiten gemäss leben. Da fand er auch de Nemi. Dieser war ein Schwein und Leutnant bei der Fusstruppe, Stammgast bei M Adrienne. Seine Vorstellungen bewegten sich ausschliesslich um die dort geübten Beschäftigungen. Seine Gespräche verliessen prinzipiell niemals dieses Gebiet. Die Uniform war stets unsauber, seine Augen immer entzündet.

[¶16] Von dem Photographen kann ich nicht viel sagen. Er war Engländer, hatte ein langes Gesicht, strohblonde Haare, Samtrock und einen wehenden Schlips. Er arbeitete noch nach dem alten, nassen Verfahren mit Kollodiumplatten und zehn Minuten Expositionszeit. Weiter war man darin in Perle noch nicht. Im übrigen war er schweigsam und mischte sich Liköre.

[¶17] Wir sprachen vom Theater. Ich habe es nur ein einziges Mal besucht. Es wurde Orpheus in der Unterwelt gegeben; das Publikum bildeten nur drei Leute. Obgleich gut gespielt wurde, war es doch ein unbehaglicher Abend. Die drei Zuschauer machten den grossen Raum noch verlassener. Unheimlich hallte die Musik ins Leere. Die Schauspieler schienen zur eigenen Unterhaltung zu spielen. — Ich sass auf der Galerie. Auf einmal überkam es mich, als wäre dieser geschwärzte Saal das alte, längst abgerissene Stadttheater in Salzburg. Als elfjähriger Bub ist es für mich der Inbegriff aller Herrlichkeit gewesen. Was ich jetzt sah, waren glatt gewetzte Holzbänke, zerschlissene, dunkelrote Polstersitze und zersprungene Stukkaturen. Der Bühne gegenüber befand sich eine finstere, grosse Loge, darüber in goldenen Buchstaben: „Patera!“ In ihrem Dunkel bildete ich mir manchmal ein, zwei Punkte leuchten zu sehen, zwei Punkte ganz nahe aneinander.

[¶18] De Nemi, welcher sich hinter der Bühne recht gut auszukennen schien, erzählte umständlich, dass das Theater nicht reüssieren wolle. „Was brauchen wir in Perle ein Theater? Wir haben selbst Theater genug!“ sagten die Leute und gingen nicht hin. Nun war der Bankerott da. Das Ensemble wurde aufgelöst, die niedern weiblichen Kräfte wanderten allmählich unter Beibehaltung ihrer Charge als Choristinnen, Balletteusen usw. ins Freudenhaus, der Rest bildete ein Varieté; Blumenstich gab Geld dazu. De Nemi frohlockte, er schwärmte für das Tingeltangel. Ich hatte für das Thema nur wenig Interesse. Der Wirt ging von Tisch zu Tisch und begrüsste die Gäste mit dummem, schlauem Lächeln. Bei den Schachspielern verankerte er sich, hier wurde er ernst. Dabei hatte der Mann keine Ahnung vom Schach, es war zu einfältig! — Ich gähnte und sah zum Fenster hinaus. Bei der Mühle lud man Getreidesäcke ab. Deutlich konnte ich die zwei Eigentümer erkennen: den ewig lachenden, heiteren, und den verschlossen und finster dreinschauenden. Äusserlich waren die beiden die Rückständigsten in der ganzen Stadt. Sie trugen noch Haarbeutel und Schnallenschuhe wie vor alten Zeiten.

[¶19] Eine Equipage fuhr vorbei. Darin lehnte eine elegante Dame. „Kennen Sie die?“ fragte de Nemi und stiess mich an. „Das ist Ihre Hausfrau, Frau Dr. Lampenbogen.“ Er lachte zynisch, auch die anderen Gäste schmunzelten. Der Wagen fuhr zur Badeanstalt.

[¶20] Ich rief den Kellner, um zu zahlen. Anton, ein Eskamoteur ersten Ranges, wollte mir schlechtes Geld — Assignaten der ersten Republik — unterschieben. Heute gings nun einmal nicht, mit frechem Grinsen musste er abziehen.

### III

[¶22] Meine arme Frau konnte sich von ihren Angstzuständen gar nicht mehr erholen. Sie wurde zusehends blässer, ihre Wangen fielen immer mehr ein und bei jedem Wort, das ich unvermutet an sie richtete, zuckte sie nervös zusammen. Das konnte so nicht länger weiter gehen, nur der Umstand, dass es mir noch immer nicht gelungen war, Patera zu besuchen, verzögerte unsere Abreise. Ohne seine spezielle Erlaubnis war an ein Fortkommen überhaupt nicht zu denken. Zehn Gesuche von mir lagen im Archiv, aber nur ein paar geschraubte Vertröstungen kamen von oben herab, wie: „In der gegebenen Jahreszeit hat das Departement für Audienzen Ferialtage.“ Oder: „Der Bittsteller wurde wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass nur eine normale, bürgerliche Gesellschaftsstellung einige Aussichten auf Gewährleistung einer Audienz zu verleihen vermag. Er möge also nicht von diesen üblichen Gepflogenheiten abweichen, und sehe sich um eine solche“ etc. etc. Ich war vor Gift und Galle geschwollen und gewillt, meinem Freunde reinen Wein über diese gemeinschädliche Beamtenkaste einzuschenken. „Die sollen’s büssen!“ ....

[¶23] Noch etwas fiel für unsere Heimreise schwer ins Gewicht: — Unser Geld war fort —! — Jawohl, einfach fort —! Kein Pfennig von den Hunderttausend war mehr da.

[¶24] „So, da haben wirs, hab ich’s doch vorausgesehen!“ sprach ich erbittert zu meiner Frau, als ich dahinter kam. Die Ärmste konnte wahrhaftig nichts dafür, deshalb verschonte ich sie auch mit weiteren Lamentationen. Genug, Diebstahl oder nicht, das Geld blieb verschwunden und wir waren jetzt allein auf meinen Verdienst angewiesen.

[¶25] So ging unser zweites Jahr im Traumreich seinem Ende entgegen. Meine Frau wurde jetzt auch bei Tage von Furchtvorstellungen gequält. Die Küche lag auf der Rückseite unserer Wohnung, durch ein Fenster sah man auf den Hof der Molkerei hinab; in dessen Mitte befand sich ein Brunnenschacht, weiter hinten ein paar Stalltüren.

[¶26] „In diesem Brunnen spukt es“, behauptete sie. Seltsames Fauchen und Klopfen wollte sie oft gehört haben. Mir fiel nichts auf. Um ihr aber einen Gefallen zu erweisen, nahm ich mir vor, einmal nachzusehen, und ich ging. Unter dem Vorwand, die Molkerei besichtigen zu wollen, klopfte ich einen schwerhörigen Schweizer heraus. Seine Begriffsstutzigkeit reduzierte ich durch ein schönes Trinkgeld. Ich solle ansehen, was mir passe, schrie er mir ins Ohr und verzog sich wieder in seine Kammer. Mir selbst überlassen, konnte ich also meine Untersuchung leicht ins Werk setzen. Rasch durchschritt ich eine ganze Flucht schlecht erleuchteter Räume. Das Gebäude war ziemlich tief in die Erde eingelassen, das bisschen Licht zwängte sich hoch oben durch kleine vergitterte Fenster. Auf langen Holzgestellen standen viele flache, runde Gefässe, in den Winkeln befanden sich hölzerne Kübel. Alle waren bis an den Rand mit Milch gefüllt. Ein Gewölbe diente lediglich zur Aufbewahrung verschiedener Werkzeuge. Da hingen die Wände voll von Blechgeschirren, hölzernen Platten, Brettchen. Ich suchte eilig den Hof; anstatt aber einen Ausgang dorthin zu finden, traf ich jetzt nur noch finstere Kammern, in denen grosse Kessel über erloschenen Feuerstätten hingen. Ein scharfer Geruch von Käsen beizte meine Nase. Da lagen sie, stanken und tropften, regelmässige Reihen in allen Grössen — ein unappetitliches halbdunkles Gelass, schmal und lang, die verschimmelten Wände voll von Spinnenweben. Hier konnte es nicht sein — ich lief wieder zurück. In dieser Gleichförmigkeit von Käse, Butter und Milch kannte ich mich aber nicht mehr aus. Ich verirrte mich und gelangte in einen augenscheinlich ganz unbenutzten Teil des Souterrains. Die gewölbte Decke war niedrig und rostige Eisenketten hingen an schweren Haken herab. Man konnte kaum noch sehen, der schlüpfrige Boden schien sich etwas zu senken. Auf einmal stolperte ich über ein paar glitschige Stufen und stand nun gänzlich im Dunkeln. Tiefe Nacht und eisige Kellerluft — oben hörte ich irgendwo eine Türe zufallen! Gottlob — ich hatte ein paar Wachsstreichhölzer bei mir. — Da vernahm ich mit einem Male von weit, weit her ein Geräusch. Es klang wie entferntes Hämmern, wurde aber mit unheimlicher Schnelligkeit immer deutlicher. Beim Schein eines Streichholzes sah ich, dass ich mich in einem Gang befand. Mich packte tödliche Angst. „Fort von hier — nur fort von hier!“ war mein einziger Gedanke. Ich rannte und stiess manches Mal mit dem Schädel an die triefenden Wände. Hinter mir jedoch schwoll das Tosen — ein furchtbares, taktmässiges Dröhnen wie ein Galopp. Meine Lichtchen wurden immer weniger, die feuchte Luft liess keine Flamme aufkommen. Der Schall kam näher, ich wurde augenscheinlich verfolgt. Jetzt konnte ich deutlich ein Ächzen und Blasen unterscheiden. Das schnitt mir derartig ins Mark, dass ich glaubte, wahnsinnig zu werden. Wie gepeitscht stürzte ich weiter, doch da verliess mich die Kraft und der Ohnmacht nahe fiel ich auf die Knie. Hilflos hielt ich meine Hände der anstürmenden Gefahr entgegen, auf dem Boden flackerten meine letzten Streichhölzer. Da tobte es auch schon heran, — ein kalter Wind erfasste mich, — ich erblickte ein weisses, abgemagertes Pferd. Obwohl ich es nur unscharf sah, bemerkte ich doch seinen entsetzlichen Zustand. Die grosse Mähre war fast verhungert und schleuderte mit verzweifelter Kraft ihre riesigen Hufe. Den knochigen Schädel weit vorgestreckt, die Ohren rückwärts angelegt, so jagte dieses Tier an mir vorüber. Sein trübes, glanzloses Auge traf mich — es war blind. Ich hörte das Knirschen seiner Zähne und als ich ihm aufschaudernd nachblickte, sah ich sein zerschundenes, blutiges Hinterteil glänzen. Der rasende Galopp dieses lebenden Skeletts kannte kein Einhalten. Ich tastete mich weiter, während das Dröhnen verhallte, gequält von dem Anblick dieser schrecklichen Knochen. Bald erblickte ich in der Ferne eine rettende Gasflamme. Nur verschwommen konnte ich sie sehen, denn ein Nervenschock packte mich. Meine Zunge wurde starr und mein Körper wie Stein. Als der Anfall vorüber war, schleppte ich mich dem Lichte entgegen. — Eine Stiege tauchte auf — noch ein Licht —. Dann hörte ich Menschen und betrat einen bekannten Raum. — Ich befand mich im Kaffeehause.

### IV

[¶28] Man hatte mein Kommen nicht bemerkt. Draussen dämmerte es, die Lichter waren angezündet. An einem einsamen Tisch im Hintergrunde wollte ich meine Gedanken sammeln, das Ungeheuere zu begreifen versuchen und das unangenehme Schwindelgefühl los werden. Ich blieb nicht lange allein. Ein älterer würdevoller Herr mit einem weissen Halstuch kam auch in die Ecke und setzte sich zu mir.

[¶29] „Hier ist’s ein wenig ruhiger“, bemerkte er.

[¶30] Von mir kam keine Antwort; in meinem Kopfe schwamm noch alles wild durcheinander. Nach einer Weile sagte er mit weicher, teilnehmender Stimme:

[¶31] „Sie haben ihn das erstemal erlebt; es hat Sie sehr angegriffen!“

[¶32] Jetzt sah ich auf, es lag etwas freundliches, mildes in dem Manne.

[¶33] „Was meinen Sie?“ frug ich müde.

[¶34] „Nun den Klaps! Schauen Sie umher!“ und er machte eine Geste ins Lokal hinein.

[¶35] Da fiel mir erst auf, dass hier etwas passiert sein musste.

[¶36] Für den starken Besuch war es auffallend still. Auf allen Gesichtern lag Erschöpfung, Verstörung. „Ja, was ist denn geschehen?“ Ich hatte schon wieder Angst.

[¶37] „Sehen Sie sich die Leute nur an! Jetzt ist es übrigens vorüber.“

[¶38] Ich fasste Vertrauen zu dem Sprecher, er war harmlos und gewinnend.

[¶39] „Gleich merkte ich Ihnen an, dass es für Sie das erstemal war, es ist ein Fluch!“ Er seufzte. — Die Gäste sassen sämtlich still in sich versunken, einige flüsterten. — Hie und da gab es schon wieder ein paar laute Worte ..... Mitten im Lokal wurden Scherben zusammengekehrt. Die beiden Schachspieler glichen Holzpuppen, sie schienen von einander fasziniert. Ich bat meinen Tischfreund, mich über die seltsame Stimmung ein bisschen aufzuklären, ich wisse von gar nichts. Mit seinen schönen weissen Locken, die zu den sentimentalen, etwas komisch phantastischen Augen gut passten, war er schon ein hoher Sechziger.

[¶40] „Sie sind noch nicht sehr lange im Traumreich, wenigstens noch nicht viele Jahre?“ fing er zu reden an.

[¶41] „Es werden jetzt bald zwei!“

[¶42] Anton, schon wieder ganz munter, brachte auf meinen Wink Kognak herbei. Im Kaffeehaus wurde es allgemach wie gewöhnlich. Der Alte sprach weiter:

[¶43] „Gewiss, man findet sich nur schwer hinein, wenn man es einmal anders gekannt hat. Wir stehen hier alle unter dem Bann. Ob wir wollen oder nicht, es vollzieht sich ein notwendiges Geschick an uns. Wir müssen dabei noch froh sein, es könnte ja viel ärger zugehen. So aber kann man über den grossen Unsinn wenigstens manchmal lachen. Viele, ach wie viele, wollen da nicht immer mittun, besonders Neuankommende stemmen sich dagegen. Wird aber das innerliche Auflehnen gegen das Unabänderliche zu stark, dann kommt der Klaps; den spürt dann jeder; heute war so ein Tag.“

[¶44] Er schwieg; ein trübes, ergebenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Ich war sprachlos. Hier war ich einem Rätsel auf der Spur. Vielleicht ist es das grosse Rätsel, das mich so lange schon beunruhigt? Und jetzt erzählte ich dem alten Manne, was mir für merkwürdige und unangenehme Dinge passiert waren, auch das furchtbare Geheimnis von vorhin, das mir noch das Herz zusammenpresste. Ich liess nichts aus.
