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title: "Die andere Seite"
author: "Alfred Kubin"
title_de: "Die andere Seite"
languages: [de]
shelf: "Literature"
section: 16 of 30
url: https://scriptura.si/works/kubin-die-andere-seite/16/
cite: "Alfred Kubin, Die andere Seite, section 16. Scriptura (scriptura.si), https://scriptura.si/works/kubin-die-andere-seite/16/"
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# Die andere Seite

*Alfred Kubin*

German: Die andere Seite

A dream kingdom in Central Asia, built from bought antiques, sinks slowly into its own nightmare.

## 16. Zweiter Teil · Perle · Viertes Kapitel – Im Bann · 5 of 5

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[¶0] Beim fünften Glase der Entschluss: „Hier mich vollsaufen, dann ins Wasser.“ Von dem vielen Tabakrauchen brannte mir die Zunge und brummte mein Schädel.

[¶1] An dem Nebentische sprach man von der Mühle. Jakob, der abgängige Müller, war Ende voriger Woche noch gesehen worden, er hatte sich von der Fähre weiter unten übersetzen lassen; eine Strasse führt daselbst durch einen endlosen Urwald, ein noch unerforschtes, wildes Gebiet des Traumlandes. Nachts drangen wahre Höllensymphonien bis über den Fluss herüber. „Vielleicht hat sich der Müller verlaufen und ist irgendeiner Bestie zum Opfer gefallen“, das war die Durchschnittsansicht hier. Trotzdem zog man über den andern Bruder her und hängte ihm den schwersten Verdacht auf.

[¶2] Ich trank einen schwarzen Kaffee und konstatierte, dass ich weder zum Selbstmord, noch zum Leben fähig war. „Ich werde ein vegetatives Halbleben zwischen den beiden Möglichkeiten führen und den Todesstoss wie ein Schlachtochse erwarten, lange kann er ja nicht ausbleiben.“ — Ein Blick in den Spiegel zeigte mir ein krankes, aufgeschwollenes Gesicht.

[¶3] Es war drei Uhr morgens, da ass ich drei Portionen Schinken und extra noch einen Rosinenkuchen; ein Wolfshunger hatte mich gepackt. Als späte Gäste erschienen Castringius und de Nemi. Der Zeichner sah mich sofort, ich ergriff aber schnell „die Stimme“, und vertiefte mich darin. Beide verstanden, was ich damit sagen wollte. Gesperrt gedruckt stach mir mein Name in die Augen, ein kurzer Nachruf für meine Frau. Über die Zeitung hinweg musste ich immer auf Castringius’ Hände sehen, jetzt hing eine, die rechte, über die Stuhllehne, ein schauderhaftes Werkzeug; das musste eine Rückbildung sein, vielleicht eine Zwischenform. Aber Castringius gab zu verstehen, dass er zum Menschengeschlechte gezählt werden wolle. Schiffsschrauben nannte ich die kurzen, fleischigen Finger mit den breiten, hornigen Nägeln; sie waren gelb und rissig. Weil ich wusste, dass mich mein Kollege im Grunde nicht mochte, war ich ungemein höflich zu ihm.

[¶4] Der Wirt kam an meinen Tisch; verschlafen frug er mich, ob ich meine Wohnung auch fortan beibehalten würde. „Um des Himmels willen, nein!“ Ich erklärte ihm, dass ich augenblicklich obdachlos sei, ob er etwas wisse? — „Gewiss, bei mir.“ Er hatte ein Zimmerchen, lang und schmal wie ein Gang. Hier schlief ich den Rest dieser Nacht, und hier blieb ich. Durch einen Vorhang abgetrennt stand in einem dunkeln Alkoven das Bett. — Der Raum kam mir so altbekannt vor, als hätte ich nie in einem andern gewohnt, er heimelte mich an mit seinen etwas schadhaften vergilbten Ledertapeten, dem altertümlichen Uhrkasten und dem bauchigen Kachelofen.

[¶5] Todmüde schlief ich ein und wurde erst am übernächsten Tage geweckt, als man mein Zeichenpult herüberschaffte. — — —

[¶6] Es überfiel mich ein Arbeitsdelirium; im nächsten halben Jahre produzierte ich unter dem Drucke des Schmerzes meine besten Sachen. Ich betäubte mich im Schaffen. Meine Blätter, in der düstern und fahlen Stimmung des Traumreiches gehalten, sprachen auf verborgene Weise mein Weh aus. Fleissig studierte ich die Poesie der dumpfigen Höfe, der verborgenen Dachkammern, der schattigen Hinterzimmer, staubigen Wendeltreppen, verwilderten, nesselbestandenen Gärten, die blassen Farben der Ziegel- und Holzpflaster, die schwarzen Schlote und die Gesellschaft der bizarren Kamine. Immer wieder auf neue Art variierte ich den einen melancholischen Grundton, das Elend der Verlassenheit und den Kampf mit dem Unverständlichen. Ausser diesen vielen Blättern, die ich unter die Leute und zum Traumspiegel brachte, machte ich aber auch anderes. Ein paar kleine Serien Arbeiten entstanden, nur für wenige bestimmt. Hier versuchte ich unmittelbar neue Formgebilde nach geheimen mir bewusst gewordenen Rhythmen zu schaffen; sie ringelten, knäuelten sich, und platzten gegeneinander. Ich ging noch weiter. Ich verzichtete auf alles bis auf den Strich und entwickelte in diesen Monaten ein seltsames Liniensystem. Ein fragmentarischer Stil, mehr geschrieben wie gezeichnet, drückte es wie ein empfindliches meteorologisches Instrument die geringsten Schwankungen meiner Lebensstimmung aus. — „Psychographik“ nannte ich dieses Verfahren und wollte später Erläuterungen dazu verfassen. Im Bezirke neuen Schaffens fand ich die Entlastung, die mir so not tat. Doch weit entfernt mit dem Schicksal ausgesöhnt zu sein, führte ich im Grund ein Zwitterleben.

[¶7] Für das Ende meiner Frau habe ich, viele Nächte nachdenkend, nach Erklärungen gesucht. — Mich traf auch etwas die Schuld; sie war eine reale, gesunde Natur, welche in dem Boden dieses gespenstischen Reichs niemals Wurzel fassen konnte. Das hätte ich mir beizeiten sagen und lieber auf das ganze Abenteuer verzichten sollen.

[¶8] Als ich wieder unter Menschen zu gehen anfing, erfuhr ich von allerhand Veränderungen. Im Traumreich ging es womöglich noch ärger drunter und drüber.

[¶9] Eines Tages trug man Frau Goldschläger, die uns seinerzeit bedient hatte, tot aus dem Hause, die dritte Leiche in einem halben Jahr. — Den armen neun Kindern ging es nun schlecht.

[¶10] Hektor von Brendel sollte ein Verhältnis mit der Lampenbogen eingegangen sein; ob die wohl zur „Reife“ gelangen würde? De Nemi ging zu Lampenbogen, weniger der Melitta als eines schlimmen Leidens wegen, einer Folge seiner galanten Anlage. Von Giovanni Battista hörte ich nur Erfreuliches; er war ein Meister seines Faches und der Friseur kaufte ihm eine Altersrente.

[¶11] Ein starker Zuwachs machte sich nicht bemerklich, die paar Neuangekommenen fanden wenig Beachtung. Sie erzählten wohl viel von der Welt da draussen mit ihren Fortschritten und grossartigen Erfindungen. Das interessierte jedoch die Träumer nicht im mindesten, man sagte so obenhin: „Ja, ja, ist schon recht!“ und ging zu etwas anderm über. Uns erschien das Traumreich unermesslich und grandios, die übrige Welt kam gar nicht in Betracht, man vergass sie. Kein Mensch, der sich hier eingelebt, wollte wieder hinaus, „da draussen“, das war Schwindel, das gab’s gar nicht.

[¶12] Eines späten Abends ging ich zum Flusse hinunter. Ich hatte vor, einige Nachtschnüre, zum Fang für Aalrutten bestimmt, auszulegen; Fischerei war eine Jugendleidenschaft von mir.

[¶13] Um die Mühle knisterte und webte noch immer die sonderbare gasartige Substanz. Grünliche phosphoreszierende Streifen sah ich über die Wände huschen. Deutlich fühlbare, unangenehme Störungen beunruhigten mich in ihrer Nähe. Unter der Tür, an der ein Eulenkopf, eine lebendig gekreuzigte Fledermaus und ein Rehlauf als glückbringende Zeichen befestigt waren, unter dieser Tür stand der Müller. Die Glut seiner Pfeife leuchtete. Vor diesem verschlossenen Menschen hatte mich schon immer geschaudert, aber heute ging ich absichtlich kühn an ihm vorbei. Die Plätze für die Angeln hatte ich mir schon ausgedacht, gleich hinter dem grossen Rechen. Als ich eben auslegen wollte, hörte ich leise und deutlich eine Stimme aus nächster Nähe: „Pst, pst, Obacht! bitte mehr links zu gehen!“ Es war niemand zu sehen. Da gewahrte ich mit Schrecken ein dickes, rundes Gesicht in dem Sande zu meinen Füssen. Ich fürchtete schon wieder einen Teufelsspuk, aber es erklärte sich bald auf natürliche Weise: Ein Kriminal hatte sich hier eingegraben und belauschte den Müller. — Ich war erleichtert.

[¶14] Nachdem ich meine Arbeit verrichtet hatte, ging ich wieder heim. An der Brücke blieb ich stehen, — ein eintöniges, gezogenes Singen hallte herüber. — In dieser Richtung lag die Vorstadt mit ihren niedrigen Häuschen. Dorthin war ich noch nie gekommen, ich hatte gerade genug Traumlandunterhaltung gefunden. Der Gesang griff mir eigenartig ans Herz, feierlich monoton klang es, ich lauschte stumm; eine merkwürdige Ruhe lag über dem Wasser. „Ich will doch demnächst hingehen“, nahm ich mir vor, und wieder wie so oft, dachte ich an Pateras grosse Geheimnisse, und was ich darüber wusste. Von solchen Dingen wird im nächsten Kapitel die Rede sein.

[¶15] Dann ging ich auf ein Viertelstündchen ins Kaffeehaus. Anton war nicht zu zitieren. Eifrig sprach er zu einem Tisch voll Gäste und schwang in der Hand den Fremdenanzeiger der letzten Nummer der „Stimme“.

[¶16] „Nun haben wir ihn, gestern ist er angekommen“, schallte es bis zu mir.

[¶17] Endlich bemühte er sich auch dienstbeflissen um mich.

[¶18] „Heute ist der Amerikaner angekommen“, berichtete er wichtig.

[¶19] „Wer?“

[¶20] „Nun der Amerikaner, ein Mann mit vielem Gold.“
