SCRIPTURA

Alfred Kubin · Die andere Seite · 24 of 30

Dritter Teil · Der Untergang des Traumreiches · Drittes Kapitel – Die Hölle · 4 of 7

„Melitta“, sagte er langsam und lachte wieder still vor sich hin. — Ich wusste genug. Der Arme hatte über das Ende seiner Geliebten den Verstand verloren.

Die meisten Feuer erloschen, es wurde stiller. Ich vergewisserte mich, ob ich mich aus meinem Versteck wagen könne. Man hörte nur das Schnarchen der Betrunkenen. Ein grosses Feuer leuchtete noch, es wurde durch das Klavier genährt. In seinem Scheine sah ich jetzt eine breite Gestalt: den Amerikaner.

Er war im Frack, wie bei einem Fest, und rauchte seine unvermeidliche kurze Pfeife. Durch die schlafenden Gestalten bahnte er sich seinen Weg, halbaufgerichtet wollte ihn ein nacktes Weib daran hindern. Aber ratsch! erhielt sie einen Peitschenhieb, worauf auf dem weissen Rücken ein brennend roter Striemen erschien. Dann tauchte er wieder in die Dunkelheit und entfernte sich in der Richtung auf die Stadt zu, von welcher jetzt ein Gedröhne erscholl.

— Die Stunde des Amerikaners war gekommen!

IX

In der Stadt wurden Extrablätter verteilt, die von einem neuen Unglück berichteten: der grosse Tempel war in dem See verschwunden, Mönche hatten die Botschaft gebracht. Man vermutete, dass die Grundfesten längst unterwaschen waren und der weiche Sandboden nun nachgegeben hatte. Einige Priester waren beim Singen ihrer Hymnen ertrunken. Sie müssen vom Tode völlig überrascht worden sein, denn ihre Posaunen ertönten noch, als der Bau schon zur Hälfte im Wasser lag. Es war alles sehr schnell vor sich gegangen, die schweren Marmorwände versanken, ohne einzustürzen. Die mit dem Leben davongekommenen heiligen Brüder waren erst durch das Gurgeln des die bunten Scheiben eindrückenden Wassers auf die Gefahr aufmerksam geworden. Infolge ihres Fettes leicht, konnten sie sich durch Schwimmen retten. Das noch immer brennende Licht erleuchtete tief unter Wasser die Tempelfenster, so dass sie glühten, wie Augen von sagenhaften Seeungeheuern. Langsam erlosch dann eines nach dem andern; nur noch die silbernen und goldenen Kuppeln schimmerten und strahlten, bis endlich auch sie von den eindringenden Wogen verschlungen wurden. Die Leiche des ehrwürdigen Oberpriesters spülten die Wellen ans Land, alles übrige fand im Traumsee sein Grab.

Allgemein betrauerte man die märchenhaften Schätze, die hier untergegangen waren, — und ich besonders, da ich nie Gelegenheit gehabt hatte, diese Pracht mit eigenen Augen zu sehen.

Die grossen Tiere waren nun alle verschwunden. Das brachte einen Nachteil mit sich, den man nicht berechnet hatte. Womit sollte man jetzt seinen Hunger stillen?! Die Herden und Insektenschwärme hatten Felder und Gärten verwüstet. Alle Vorräte wurden schlecht, Eier, gesalzenes und geräuchertes Fleisch verdarben; es stand eine Hungersnot bevor. Da rückten zwei norddeutsche Schwestern mit einem praktischen Vorschlag heraus. Eine von ihnen hatte Chemie studiert und scharfsinnige Versuche angestellt, die ihrer Ansicht nach gelungen waren. Das Paar wollte die vom Negro in Haufen an das Ufer geworfenen Fischleichen durch eine geheime Prozedur entgiften und in essbare Speisen verwandeln. Trotz ihres guten Willens ernteten die zwei Fräuleins schwarzen Undank: sie wurden vom empörten Pöbel gelyncht. —

X

Es war nicht mehr möglich, die Nacht vom Tage zu unterscheiden, in dem gleichmässigen grauen Zwielicht konnte man sich nur notdürftig zurechtfinden. Da alle Uhren eingerostet und stehen geblieben waren, fehlte uns jede Zeitberechnung; daher ist es mir auch unmöglich anzugeben, wie lange sich der Zustand der Auflösung hinauszog. Ab und zu sah man noch ausgemergelte Raubtiere, doch mit eingeklemmtem Schweif und dürren Flanken ergriffen sie bei der Annäherung des Menschen die Flucht. Aus staubigen Winkeln wurden vertrocknete Schlangen gezogen.

Um den Ausbruch einer Seuche zu verhindern erhielten die Traumstädter den Befehl, alle Kadaver in den Fluss zu werfen. Diese Anordnungen waren nur zum geringsten Teile ausführbar, denn in die baufälligen Häuser wagte sich niemand mehr. Es verpestete Kaninchen- und Schlangenbrut in ihren versteckten Gräbern die Stadt. Aus den Torwegen schlug einem Leichengeruch entgegen. — Von dem Lampenbogenschen Miethause war die obere Hälfte zerfallen, ein langer Steinkamin und eine Rückwand ragten in die Luft. Man sah den Querschnitt der Wohnungen; ein paar Bilder hingen noch auf der geblümten Tapete unseres ehemaligen Schlafzimmers. Durch ein grosses, dreieckiges Loch konnte man den schmutzigen Plafond des Staatsgemaches der Prinzessin erblicken.

Die Molkerei war eine Beute des Mauerschwamms geworden; aus Fenstern und Türen wucherte er und deformierte den ganzen Bau, aus den Dachluken hing er in grossen weisslichen Lappen.

Das Holzhäuschen des Flussaufsehers brach unter der Last seines zu Moos gewordenen Daches.

Das Kaffeehaus starb wie eine Kokette, die sich bemüht, den äusseren Schein bis über das Ende hinaus zu wahren. Aussen war es scheinbar gut erhalten; aber innen wurde es von den Trümmern des oberen Stockwerkes und des Dachbodens angefüllt. Sonderbarerweise war eine Fensterscheibe unversehrt geblieben, durch die man zwei hohe Ameisenhaufen gewahren konnte. Man sah darin ein paar weisse Knöchelchen und zwischen beiden stand ein Schachtisch, worauf ein schönes Matt gestellt war.

Ich ging durch die verödeten Strassen meinen Lieblingsweg dem Flussufer zu: auch hier derselbe trostlose Anblick. Beim Wasenmeister ein unerhörter Gestank, so dass ich den Fetzen, der mir als Taschentuch diente, vor Mund und Nase halten musste. Die Umfassungsmauer des Hofes war nach dem Negro zu eingestürzt; hinter dem Geröll lagen, zu Hügeln getürmt, Tierleichen; im weiten Umkreise war ein Summen hörbar und auf Schritt und Tritt rührten sich Millionen von Schmeissfliegen. Ich ging zum Strom hinunter, um Luft zu schöpfen, denn da war es immer noch am erträglichsten. Von der Badeanstalt sah man fast nichts mehr. Ein paar Planken und Pfähle, dick mit grünem Schlamm und Schnecken bedeckt, standen noch im Wasser. Auf einmal wurde es hell, und als ich mich heftig erschrocken umwandte, sah ich, dass die Mühle brannte. Die Fenster waren erfüllt von blendendem Feuerschein. Das morsche Gebälk knisterte und knackte. Aus dem spitzen Schindeldach drang Rauch, eine grosse Stichflamme schlug gegen den Himmel, und mit einem Krach stürzte die vordere Wand ein. — Das von innen erleuchtete Mühlwerk war in Bewegung, man sah wie in den geöffneten Leib eines Menschen. Noch schnurrten die Räder, es drehten sich die Mahlsteine, es erzitterten die Trichter, der Mehlstaub verbreitete einen leichten Nebel durch die Glut. Die Flammen ergriffen gierig die morschen Stiegen und Leitern, und langsam, gleichsam widerstrebend, wurde ein Teil nach dem andern bewegungslos — wie die Organe eines Sterbenden.

Der grosse Mehlkasten stürzte zuletzt in die Flammen. Wo er gestanden, sah ich ein Paar altmodische Stulpstiefel, in denen halbvermoderte Beine steckten — brennende Balken verbargen den Rest. Hinter mir hörte ich eine hohle Stimme: „Ich hab’ es getan! Schon zum vierten Male hab’ ich es getan und ich werde es immer wieder tun!“

Es war der Müller. — Er nahm eine Prise, zog ein Rasiermesser heraus, probierte die Klinge und schnitt sich die Gurgel durch. Er stürzte nieder, wie aus einem Quell rieselte das Blut über seine Brust. Sein Gesicht war zu einer satanischen Grimasse verzerrt. — — —

Diebe schlichen in die Klosterkirche, erbrachen das Tabernakel und stahlen mit frechem Finger die edelsteingeschmückten Reliquien. Die Nonnen konnten den Einbruch nicht verhindern, denn sie befanden sich selbst in übler Lage. Ein Haufen Krüppel und Bresthafter, von seinen Suppengängen her mit allen Winkeln des Klosters vertraut, stürmte das Hospital. Ihre drohenden Forderungen nach Lebensmitteln wurden von den Klosterschwestern, die selbst nichts besassen, abschlägig beschieden. Unter rohem Gelächter verlangten sie andersartige Entschädigungen. Wie bei einem Hexensabbat humpelte und kroch die widerliche Brut immer näher an die Bedrängten. Ein noch ganz junges, schönes Mädchen setzte sich zur Wehr und schlug einem Kerl mit einem Doppelkropf ein Auge aus. Zur Strafe wurde sie auf eine eiserne Bettstelle gebunden. Kreaturen, strotzend vor Ungeziefer, mit abgefressenen Nasen, eiterigen Augen, faustgrossen Geschwüren, Krätzeschorf, beugten sich über die Gefesselte, die während dieser Schändung erst wahnsinnig wurde und dann starb. Die übrigen Nonnen unterwarfen sich gehorsam dem unerforschlichen Schicksale; nur der achtzigjährigen Oberin blieb diese Prüfung erspart, wohl infolge ihrer heissen Gebete.

XI

Der Amerikaner trat überall als Herr der Stadt auf — und doch wäre es auch ihm fast übel gegangen. Er erschien mit seinen Trabanten vor der Bank; jetzt sollten sie entlohnt werden, die Getreuen, so hatte er es versprochen. Alles wunderte sich, dass das massive Tor des grossen, jetzt allerdings etwas ruinenhaften Gebäudes weit offen stand. Bei näherer Untersuchung fanden sich im Haupttresor 83 Kreuzer, Depots waren überhaupt nicht vorhanden. Jaques, de Nemi und die anderen Rottenführer schauten zweifelnd auf den Amerikaner. „Hab’ ich mir’s doch gedacht!“ rief dieser erbost. „Vorwärts zu Blumenstich!“ Den Bankier Blumenstich traf man in seinem Gartensalon mitten unter verfaulten Blumen. Er empfing die Herren ruhig mit einem zwetschenblauen Gesicht — er war tot. — Er hatte sich vor einem ihn verfolgenden Hornissenschwarm hierher geflüchtet; während er aus Leibeskräften schrie, wurde er von einem der Insekten in die Zunge gestochen, woran er erstickt war. — Wieder schaute alles auf den Amerikaner, der sagte dieses Mal nur: „Verdammt!“ — „Du hast uns Geld versprochen, gib uns von deinem Golde!“ schrien ihn die Erbitterten an. „Sucht es euch selber unter den Trümmern des Hotels!“ rief der Amerikaner grollend und enttäuscht.

Jaques wechselte mit den andern tückische Blicke, dann trat er, ein Messer verbergend, auf Bell zu, der jede Bewegung scharf beobachtete und mit einem Hieb seines Totschlägers den Meuchler niederstreckte. Kaltblütig stellte sich Herkules Bell gegen die Wand des Gartengebäudes. In jeder Hand hielt er eine Browningpistole und frug mit schallender Stimme: „Welche von euch wollen die ersten sechzehn sein?“

Die Bande hatte es sich leichter gedacht, sie duckte sich und drängte zurück, wurde aber von den rückwärts Brüllenden wieder nach vorne geschoben. Scharf, hell und rasch hintereinander knallten die Schüsse; um den Amerikaner war ein Wall von Leichen, weit mehr als sechzehn, denn die Projektile drangen durch mehrere Körper zugleich. Barhäuptig stand er im Frack, breit und aufrecht, die kurze Pfeife zwischen den Zähnen. Seine wuchtig in zwei Höckern sich wölbende Stirn gab dem Gesicht etwas Teuflisches, sein starrer Blick wirkte herrisch bändigend auf die Entfesselten. Keiner wagte, ihn anzugreifen oder zu schiessen. Aber immer noch wurde von hinten geschoben. Dem Drucke nachgebend, stürzten die vorderen Reihen über die Erschossenen. Der Menschenknäuel raubte Bell die Freiheit seiner Bewegung. In Brusthöhe, zwei Spannen von seinem Gesicht sah er diese blassen Larven, Parodien auf das Menschenantlitz. Seine Lungen arbeiteten gewaltig, sein Atem keuchte wie eine Dampfmaschine. „Nieder, nieder mit ihm!“ — drangen unheilverkündende Rufe an seine Ohren, — da war ihm ein unvorhergesehener Zufall günstig. Derbe Flüche näherten sich und wurden immer lauter.

„Wer ist es?“ wurde gerufen. „Wer?“

„Gotthelf Flattich, der starke Gotthelf! — Achtung! Obacht!“

Eine kolossale, halbnackte Gestalt bahnte sich einen Weg durch das Gedränge. Die Leute machten murrend Platz für den sich durchdrückenden Neger, der sie um gut anderthalb Kopf überragte. Er war durch das Geschrei angelockt worden und hatte mit einem Blick die Gefahr erfasst, in welcher der Amerikaner schwebte.

„Rührt ihn nicht an!“ brüllte er weithin schallend und schwang drohend mit seinen Riesenarmen eine eiserne Brechstange. Zornig rollten die Augäpfel in seinem schwarzen Gesicht. Die Zunächststehenden riss er zu Boden und rettete so seinem ehemaligen Wohltäter das Leben.

XII

Man war vor dem Archiv versammelt. Da öffneten sich beide Flügel des Haupttores und heraus trat Seine Exzellenz, gefolgt von einer kleinen Suite. Der hohe Herr war in goldstrotzender Gala mit allen Orden und trug einen federbesetzten Sturmhut. Von weitem bot er den Anblick eines Paradiesvogels. Diese prachtvolle Uniform sah man eine kleine, rasch errichtete Kanzel besteigen. Ringsum verstummte das Traumvolk.

„Meine Herren, es wird Ihnen vielleicht aufgefallen sein, dass wir in ungewöhnlichen Zeiten leben. Das muss ein Ende haben und Ordnung wird wieder einkehren. An höchster Stelle wünscht man, die Untertanen glücklich zu sehen. Unser allerhöchster Herr hat sich entschlossen, eine Amnestie auf alle Verbrechen und Vergehen zu erlassen. Ich habe den Befehl erteilt, unser Staatsgefängnis, die Wasserburg, heute noch öffnen zu lassen!“ —

„Schon längst geschehen,“ wurde jetzt höhnisch gerufen, „wir haben sie selber befreit!“ brüllte der Pöbel lachend.

Das Gefängnis befand sich etwa eine kleine Tagereise stromabwärts auf einem Felsenriffe mitten im Negro, unweit des Städtchens Bellamonte.

Nicht ein Wort von der Rede wurde in dem Lärm mehr verstanden — der hohe Redner machte in einem fort den Mund auf und zu. Endlich überzeugte er sich von der Fruchtlosigkeit seiner Beruhigungsversuche, machte eine kleine Verbeugung und wollte die Kanzel wieder verlassen; als er sich umwandte, vernahm er ein schallendes Spottgelächter; Seiner Exzellenz Hose mit den goldenen Streifen hatte den Boden verloren. „Seltsam, — wie das Volk sich freut“, dachte er.

Eine plötzliche Detonation erscholl — Staub — Dampf. — Viele Leute wurden ohnmächtig oder zerquetscht. — Eine Bombe war geschleudert worden — woher, wusste niemand.

Tote und Schwerverwundete mussten auf Bahren fortgeschafft werden; schaudernd sahen die Träumer auf die blutigen Lasten, die in langen Reihen an ihnen vorbeigetragen wurden.

Seiner Exzellenz waren beide Füsse abgerissen worden, ein Stahlsplitter im Leib hatte ihren Tod verursacht.

XIII

Ich hatte von alldem nichts erfahren, denn meine Schritte richteten sich gegen den Friedhof. Beunruhigt durch die Grabschändungen, wollte ich nach der Ruhestätte meiner Frau sehen. Der Hügel war unverletzt, das kleine eiserne Kreuz hatte der Rost gänzlich zerfressen.

Von ferne sah ich die frischen Massengräber — hastig wurden jetzt die Toten verscharrt, vier Schuh Erde mussten genügen. Natürlich zogen die ausströmenden Miasmen Wölfe, Hunde und Schakale an, die in der frisch aufgeworfenen Erde wühlten, und während ihrer Mahlzeiten öfters erlegt werden konnten. Ich müsste mich sehr getäuscht haben, wenn ein dunkles, hochrückiges Geschöpf, das ich hinter den Marmorblöcken der erbrochenen Blumenstichschen Familiengruft sah und das ein wieherndes Lachen ausstiess, keine Hyäne war. Ein bleierner Himmel zog sich über den Gottesacker. Zertretene Immortellen, Zweige und vermoderte Kränze steigerten die gewaltige Melancholie dieses Ortes.

Mich fröstelte, da ich schon lange in keinem Bett mehr gelegen war.

Da fiel mir ein, dass ich vor einiger Zeit eine Ankündigung gelesen hatte, wonach auf den Polizeistationen für Unterkunftslose Decken verteilt wurden. Eine solche Station war an die Leichenhalle angebaut und stand mit dieser in Verbindung. Traurig und mit hängendem Kopf suchte ich sie. Eine weiche Anwandlung durchzog mich, ich hatte das Empfinden, auf nachgiebige Massen, Moos — Heu — Werg — zu treten. Die Zypressen schienen mir auszuweichen; zwischen den hellschimmernden Grabsteinen hindurch sah ich ein niedriges Gebäude aus rohen Ziegelmauern. Ohne viel hinzusehen, las ich das Wort: „Polizeistation“ über der geöffneten Glastüre.

Der Raum, den ich betrat, war sehr notdürftig eingerichtet. Grosse, quadratische Fenster waren in Kopfhöhe angebracht; durch ihre Milchglasscheiben drang spärliches Licht.

An den schadhaften Mauern hingen in schmalen schwarzen Rahmen einzelne Verordnungen, an der Hinterwand über einer geschlossenen Tür sah ich das Bildnis König Ludwigs des Zweiten von Bayern. An der hohen, weissgetünchten Decke waren primitive, rechtwinkelige Gasarme befestigt. Ausserdem befand sich ein langer, schmutziger Tisch in dem Gemach, und darauf lag etwas Grauenerregendes: ein aufgeblähter, kurzer Körper in einer goldüberladenen blutbesudelten Uniform. Er war ganz steif und nur die Beine leicht gekrümmt. Die Füsse fehlten, die Hosen waren unter den Knien zugebunden.

„Das ist der König von Bayern“, schoss es mir durch den Kopf, und da war ich auch schon fest überzeugt davon. Sein schwärzliches, durchsichtiges Kinnbärtchen stand in die Höhe, ich wagte aber das fette Gesicht nicht näher anzusehen, denn ich wusste, dass seine tückischen Augen lebten und mich verfolgten — und von derartigen Blicken hatte ich für immer genug.

Durch eine Glastüre zu meiner Rechten fiel ein schräger Lichtstreif.

„Vielleicht sind hier die Beamten?“ dachte ich und sah durch das Türfenster. Entsetzt fuhr ich zurück; ich hatte in ein langes, schmales Gemach geblickt, in welchem Hunderte von Leichnamen aufgestapelt waren. Sie steckten in grauen Getreidesäcken, die man am Hals zugebunden hatte, so dass nur die Köpfe herausschauten, meistens grünliche Gesichter, die lachten und die Zähne bleckten; — viele wie getrocknet mit staubigen, zerdrückten Augäpfeln — andere waren ganz eingepackt und mit aufgeklebten Adressen versehen. Die vorstehenden Knie und Ellbogen, sowie die Schädelrundungen, liessen die verrenkten Stellungen ahnen. An der Rückwand dieses Leichenmagazins hing eine Tafel, auf der mit grossen Lettern geschrieben stand: