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title: "Die andere Seite"
author: "Alfred Kubin"
title_de: "Die andere Seite"
languages: [de]
shelf: "Literature"
section: 26 of 30
url: https://scriptura.si/works/kubin-die-andere-seite/26/
cite: "Alfred Kubin, Die andere Seite, section 26. Scriptura (scriptura.si), https://scriptura.si/works/kubin-die-andere-seite/26/"
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# Die andere Seite

*Alfred Kubin*

German: Die andere Seite

A dream kingdom in Central Asia, built from bought antiques, sinks slowly into its own nightmare.

## 26. Dritter Teil · Der Untergang des Traumreiches · Drittes Kapitel – Die Hölle · 6 of 7

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[¶0] Lampenbogen lebte gut bis zum letzten Tage, während seine Patienten auf halbe oder gar viertel Diät gesetzt waren. Traummenschen nehmen das übel, und es entstand eine kleine Barackenrevolution, wacker von dem Wärter unterstützt, der lieber frei und bei den grossen Ereignissen draussen gewesen wäre, als dass er hier seinen unangenehmen Dienst versorgte. Der Eisschrank barg noch drei gebratene Hühner, ein Paket Schokolade und einen Laib Käse. Von diesen Privatvorräten verlangten die Kranken einen Anteil, obwohl der Zustand dieser Speisen keineswegs verlockend war. Lampenbogen wollte nichts herausgeben. Dann müsse er sterben — hiess es. — Das wollte er auch nicht. — Die wütenden Patienten verständigten sich rasch untereinander und fielen eines Tages über ihren Arzt her. Die Schwerkranken sahen vom Bett aus zu, wie der Wärter ihn mit den andern überwältigte. Eine arme Frau mit zerschmettertem Kiefer träufelte sorgfältig Chloroform auf den in seinem Fett Stöhnenden. Kranke sind selten mitleidig, dazu haben sie selbst zu viel gelitten. Als der Dicke betäubt war, stärkte man sich an den Köstlichkeiten im erbrochenen Eisschrank. Lampenbogen wurde mit Hilfe eines Gasrohres gepfählt. Den Geschwächten verursachte dieses Werk langwierige Arbeit. Der Wärter legte Feuer an, um die Spuren der Untat zu verwischen. So endete Lampenbogen seine Existenz als Spiessbraten, und zwar als ein schlechter; der obere Teil war grösstenteils roh, kaum gebräunt, die Bauchteile dagegen gänzlich verkohlt. Nur an den Seiten war er richtig knusperig.

### XVIII

[¶2] Mit ängstlichen, schnellen Schrittchen läuft ein alter Mann ohne Hut durch die Lange Gasse zum Fluss. Die Schösse des Hausrockes flattern ihm wie Flügel nach, seine Weste ist nur halb zugeknöpft. Lebhaft nickt der Alte mit dem Kopfe und ist vollständig in Selbstgesprächen verloren. Am Wasser angelangt, bleibt er ein paar Augenblicke unschlüssig stehen. Gravitätisch, einem Reiher ähnlich, steigt er im Sande auf und nieder, sich selbst einen Vortrag haltend. Der Negro raunt — bald ist es, als wäre er hungrig, und seine Wellen lecken löffelweise den Sand vom Ufer, bald klagt er in vielstimmigem, mystischem Gesang. Am Brückenpfeiler leuchtet eine trübe Laterne, bewegte glänzende Flecke tanzen auf dem Wasserspiegel. Der alte Mann watet kurz entschlossen in die Flut. Zunächst reichen ihm die Wellen nur bis zu den Knien, umständlich zieht er ein Futteral heraus und setzt sich eine Brille auf die Nase. Das Futteral schiebt er wieder in die Tasche. Noch ein paar Schritte weiter — das Wasser reicht ihm jetzt schon bis zu den mageren Hüften. Der Alte hat zu kämpfen, sonst reisst ihn die Strömung mit sich fort. Während er aufs heftigste seltsame Liebesschwüre spricht, presst er die Hände auf das Herz. — Jetzt zieht er einen unerkennbaren kleinen Gegenstand heraus, kurzsichtig hält er ihn knapp vor die Augen — dann beugt er sich zum Wasser hinab, das er zu untersuchen scheint — es reicht ihm bereits bis an den Hals, jetzt bis an die Nase — — — gleich darauf ist nur noch ein kleines Inselchen weisser Haare sichtbar — — Wie ein winziges Schiffchen führt der Strom ein glänzendes Dingelchen mit sich, er dreht es im Kreise und lässt es auf seinen Wellen schaukeln ... es ist eine kleine Schachtel mit Silberpapier beklebt ... Acarina Felicitas!...

### XIX

[¶4] Am Bahnhofe frass der Sumpf. Das Gebäude hatte sich geneigt, der Perron war mit Schlamm und Schilf überdeckt, durch die verfaulten Türen kroch der Morast in die Wartesäle, von den Bänken und Polstern ertönten die Wehmutslieder der Unken. Über die Büfetts krabbelten Molche und kleine Käferlarven. Die unzähligen Geschöpfe, welche Perle durchwandert, die Gärten verwüstet und die Menschen geängstigt hatten, alle stammten sie aus dem Sumpfe, der sich viele Meilen ins graue Dunkel erstreckte.

[¶5] Aber er gab nicht nur, er nahm auch Leben. Unzählige Träumer, Bauern, Fischer, schlummerten in seiner nassen Erde. — Der Trügerische! Wie harmlos vermochte er auszusehen, während unter der Moosdecke sich die Schlangen knäulten. Er konnte auch geräuschlos gespenstische haushohe Flammen aufsteigen lassen, und die nistenden Wasservögel erschrecken. Am eigenen Leibe vermochte er sich reichlich zu nähren — seine Tiger frassen seine Schweine — seine Füchse jagten seine Rehe.

[¶6] Diese Wildnis galt im Traumlande für heilig. An gewissen Plätzen befanden sich uralte, bemooste Steine, in denen unverständliche, verwitterte Zeichen eingegraben waren. Hierher pflegten die Jäger die Eingeweide des erlegten Wildbrets zu tragen, die Fischer opferten da die Lebern der Hechte und Welse, Landleute brachten einen Bund Getreide dar oder schichteten Äpfel und Weintrauben zu kleinen Pyramiden. Der Sumpf nahm allezeit diese Gaben gnädig an und verzehrte sie. Patera kam in früheren Jahren oft hierher und wagte sich allein bei Nacht diesen heiligen Orten zu nähern. Wie ich erfahren habe, opferte er im Namen des Traumvolkes „der Sumpfmutter“ — und verband sich aufs neue mit ihr — in Mysterien, in denen Blut und Geschlecht besonders bedeutsam waren. — Nun war er lange nicht mehr dagewesen, und heute wusste jedermann von diesen Geheimnissen und fluchte, und schwur „beim Blut Pateras“ — — — Die Folgen davon wurden überall deutlich. Ein alter Tempelspruch „Auf Blut steht Wahnsinn!“ — war in Erfüllung gegangen. Erwähnen will ich noch, dass der blauäugige Stamm jenseits des Flusses all diesen Bräuchen fern blieb. Weitab von diesen Stätten zwischen den verkümmerten Gebüschen und den niederen Nadelholzbäumen waren buntbemalte Holzsäulen in den weichen Boden gerammt. Das waren auch geweihte Orte, doch anderer Art. Hier wurden die „fröhlichen Nächte“ gefeiert. Die Traumbauern führten zur Erntezeit an bestimmten Abenden Leiterwagen voll Heu und Blumen dahin. Meterhoch wurde der Boden mit der frischen duftenden Ladung bedeckt. Man entfachte ein Feuer — schäumend floss der Most aus dem Spundloch, die Freude der festlich geschmückten Teilnehmer tobte.

[¶7] Nach lustiger Erzählung, Spiel, Tanz und reichlicher Mahlzeit blies meist ein warmer und nach Frucht duftender Wind die Feuer aus. Die Paare blieben, jedes in seinem Nest, bis zum Morgen.

[¶8] In dem grossen, wackligen Maschinenhaus beim Bahnhof roch es noch immer wie in einer Menagerie. Der scharfe Unflat der Tiere, welche hier ihren Unterschlupf gehabt hatten, war gemischt mit dem schwärzlichen Schlammwasser, das in grossen Lachen stand. Heute bewegte sich in der feuchten, versandeten Halle eine Gestalt, in einen Kapuzenmantel gehüllt; emsig klopfte und arbeitete der einsame Heizer an einer rostigen alten Lokomotive herum. Er untersuchte alle Teile genau und ölte verschwenderisch. Dann schürte er wieder und beim Aufreissen der Feuerungstüre wurde sein schwitzendes, tatkräftiges Gesicht vom Glanze der roten Glut erleuchtet: Herkules Bell.

[¶9] Schon Wochen vorher hatte er die Bahnstrecke untersucht und alle Weichen richtig gestellt. Die Maschine, anfangs träge und knirschend, fing nun an zu schnauben, Bell fuhr mit ihr aus dem wackeligen Bau. Ein paar aufgescheuchte Eulen begleiteten ihn. Mit Hilfe einer vorher ausprobierten Drehscheibe gelang es ihm nach und nach, das Hauptgeleise zu erreichen. Sein Kohlenvorrat genügte — schlimmstenfalls konnte er ihn auf einer Zwischenstation ergänzen.

[¶10] Die Anstrengung hatte ihm heiss gemacht, er legte seinen Mantel ab. Nochmals das Feuer speisend, warf er einen Blick auf das Manometer und riss am Hebel. Das alte Vehikel setzte sich in Bewegung. — Es war eine gefährliche Fahrt, denn der niedere Bahndamm war halb zerstört. Zeitweise überschwemmte das Sumpfwasser auf lange Strecken die Geleise, vorne spritzte es hoch auf, die Räder mähten wuchernde Binsen; hinter sich liessen sie eine lange Kielwelle.

[¶11] Der Fahrende atmete die schwefeligen Dünste des aufgewühlten, stagnierenden Morastes. In der Ferne unterschied er die undeutlichen, weisslichen Trümmer einer längst zu Grunde gegangenen altpersischen Niederlassung.

[¶12] Er heizte, dass der Kessel zu springen drohte, die Feuerstelle und die angrenzenden Stahlteile röteten sich, die Lokomotive hüpfte auf den verbogenen und zerfressenen Schienen. Er dampfte an den verlassenen Bauernhöfen vorbei, den ausgestorbenen Landgütern, den dürren Wäldern. — Einmal musste er anhalten, um den Kadaver eines halbausgefressenen Gauls von den Geleisen zu zerren. Dann keuchte und rasselte es wieder und nach zwei Stunden hielt er auf freiem Felde. Er versorgte sein Feuer, spuckte auf den Kessel, dass es zischte und sprang ab. Eine Zeitlang folgte er dem Schienenstrang und verschwand dann in einem kleinen, von Baumriesen bestanden Tale. Die vertrockneten Ranken und die niederhängenden Baumbärte versuchten den Eilenden zu hindern. Nach einer halbstündigen Wanderung bemerkte er ein matt erleuchtetes Fenster, dahinter stieg eine schwarze Wand scheinbar bis in die Unendlichkeit des Himmels. Der Amerikaner öffnete mit sicherer Hand ein Gartenpförtchen, schlich sich an das Fenster und schaute hinein.

[¶13] Auf einem tintenbeklexten Tisch brannte eine Petroleumlampe mit grünem Schirm. Beschriebenes Papier, Formulare, Siegelwachs, Bleiplomben lagen verstreut umher; auf einer niederen Balustrade erblickte man Werkzeuge, Nägel, Bindfaden. Das Prunkstück des engen Raumes stellte das sehr schlechte, von einer Anstalt in Perle verbreitete, lebensgrosse Brustbild Pateras dar. — Das war die Kanzlei des Grenzwächters des Traumreiches. Der alte Mann selbst schlief in einem mit Wachstuch überzogenen Lehnstuhl. Sein bärtiges Haupt war lässig in die eine Hand gestützt, er machte den Eindruck der Schwächlichkeit. Vorschriftsmässig hatte er den Schlüssel zur sogenannten „kleinen Tür“, einem nur für einzelne Personen bestimmten Torausschnitt der grossen Mauer, am Gürtel in einem Karabiner hängen; der meterlange Hauptschlüssel war in einem eisernen Kassenschrank verwahrt. Mit seinen beiden Söhnen versorgte der Bejahrte den schwierigen Dienst; nebenan war die Privatwohnung. Daran schloss sich die Kaserne der Grenzaufseher und Zollbeamten. Beide Gebäude lehnten sich mit ihrer Rückwand gegen die kolossale Umfassungsmauer.

[¶14] Alle Details waren dem Späher genau bekannt. Überraschend schnell verfinsterte es sich jetzt, so dass Bell, an die gleichmässige Dämmerung gewöhnt, sich verwundert umschaute, und hinter den fast bis an den Boden niederhängenden Wolken kaum mehr die Blechdächer der bei der Anfangsstation gelegenen Speicher erkennen konnte. — Katzenhaft geräuschlos trat er in den überhitzten Raum und schob die Kapuze zurück. In der Rechten hielt er den schweren, eisernen Hebel der Lokomotive. „Auf einen mehr oder weniger kommt es jetzt nicht mehr an“, reflektierte er, dabei unverwandt den Schläfer beobachtend. Dieser machte eine unwillkürliche Bewegung mit dem Kopfe und liess ihn hintüber auf die Lehne fallen. — Da, ein wohlgezielter Hieb mit der Eisenstange! — es klang, wie wenn man mit der flachen Hand auf das Wasser klatscht. Der kraftvolle Schlag hatte das Stirnbein genau in der Mitte getroffen und zerschmettert, und beide Augäpfel aus ihren Höhlen getrieben, wodurch der Ermordete mit seinem Barte eine schauerlich groteske Fratze schnitt. Ein tiefes, leises Beben durchfuhr den im Stuhle ruhig Sitzenbleibenden.

[¶15] Komisch geziert verbeugte sich der Amerikaner vor dem Bildnis Pateras. „Doch einmal überlistet!“ Dann nahm er den Schlüssel vom Gürtel des Getöteten, seine Bewegungen waren rasch und sicher. Neben dem Lehnstuhl stand am Boden eine Blendlaterne. Während er sich danach bückte, fühlte er, wie sich etwas fest um sein Handgelenk schloss. Es war der Tote, oder vielmehr nur seine gelben Finger, die er gestreift haben musste. — Die Leiche lag hilflos und still da. Aber in ihren schrecklichen Fingern lebte eine so unermessliche Kraft, dass sie auch ein Stück Stahl wie Teig zerdrückt hätten. Bell schrie: „Das ist Patera!“ Es war ihm deutlich, dass bei diesem mechanischen Anwachsen des Druckes in etlichen Minuten sein Gelenk durchquetscht sein musste. Schon verlor er das Empfinden in dem langsam immer mehr gepressten Glied. — — Er schälte mit den Zähnen das Fleisch von der Handwurzel des grausigen Gegners — aber das ging alles noch viel zu langsam, die Hand war verloren. — In diesem grässlichen Augenblick sah er auf der Balustrade ein geöffnetes Gartenmesser. Ein Sprung — und er war dort; die Leiche flog als lästiges Anhängsel mit. Mit kunstgerechten Schnitten trennte er die Hand des Toten vom Körper ab, — sie fiel sofort schlaff herunter. Bell stiess einen mystisch klingenden Seufzer der Erleichterung aus. Gleichmässig freundlich lächelnd blickte Pateras Bild mit den geölten und gescheitelten Locken auf ihn herab. Mit der Blendlaterne lief er davon.

[¶16] An der Mauer nahm ihn der gewaltige Tunnel auf. Der Amerikaner war in grosser Erregung; jetzt sollte es sich zeigen, ob sein Plan gelungen war, seinen Berechnungen nach musste europäische Hilfe in nächster Nähe sein. Er brauchte sie, musste sie haben; allein konnte selbst er mit dem von Stunde zu Stunde gefährlicher werdenden Traumpöbel nicht fertig werden.

[¶17] Er schloss die „kleine Tür“ auf, und trat in die frische, kalte Nachtluft hinaus. Dann liess er eine mitgebrachte Rakete steigen — eine Fontäne geschmolzenen Goldes schoss gegen den Nachthimmel; ganz oben beschrieb sie einige wunderliche Kurven und zersprühte in einem Büschel Sterne. Fieberhaft wartete der Amerikaner, ob dieses Signal irgendeine Wirkung haben würde; .... Nichts!.... schwarz und still blieb alles rings umher. — Falsch gerechnet! — — Mit enttäuschter Wut betrachtete er beim Schein seiner Laterne das monumentale eherne Tor mit den schweren Eisenbändern. Sollte er wieder zurück? — Noch einen Blick warf er in die Weite. Da huschte mit einem Male eine gespenstische Lichterscheinung über das Firmament, — nur sekundenlang, dann verschwand sie ebenso schnell. Aber nochmals erstrahlte sie in bläulichem Glänze wie ein Komet. — Das waren die Scheinwerfer der Russen. — Wildeste Freude und stolze Genugtuung erfüllte den willensstarken Mann. Gewonnen!! — und Bell lief was er konnte zurück, das Tor für die Truppen offen lassend. Das Lichtpünktchen der Laterne verschwand hinter den Hügeln, atemlos gelangte er zu seiner Lokomotive. — Die Grenzaufseher, echte Söhne des Archivs, hatten von diesen Vorgängen nichts gemerkt.

[¶18] Der Amerikaner liess seine alte Maschine rückwärts fahren, unausgesetzt schürte er nach, ein langer Feuerstreifen, aus dem Rauchfang kommend, bewegte sich rasch durch die vollständig dunkle Wüstenei. Die unternehmende Kühnheit Amerikas hatte triumphiert. Bell setzte in überschäumender Lust die Dampfpfeife in Tätigkeit, schrill, schmerzlich klagend, ertönte ihr Ruf durch die Finsternis. „Und jetzt wollen wir Ordnung in dieses Land bringen!“ gelobte er sich. Der Schmerz in seiner hochgeschwollenen Hand war mittlerweile aufdringlich geworden. Vergeblich trachtete er, ihn durch einreiben mit Maschinenöl zu lindern. Aber seine sieghafte Freude wurde kaum gestört.

[¶19] In der Richtung auf Perle fing der Himmel sich zu röten an — — ein greller Schein, der rasch stärker wurde, sich an der Wolkenbank brach und bald den ganzen Horizont einnahm. Besorgt schaute der Amerikaner auf diese neue Glut. Das rostige Ungetüm schob sich jetzt, ohne seine Geschwindigkeit zu vermindern, durch das Schlammeer. Die schwarze, hohe Bugwelle, die es vor sich hertrieb, überschüttete den Führer mit schleimigem Wasser. Die Stücke einer mitten entzwei gerissenen Natter wurden hereingeschleudert und ringelten sich zu seinen Füssen. Der heisse Aschenkasten, fast zur Hälfte im Wasser, zischte in der fettigen Nässe, das Manometer stand auf 99, jeden Moment konnte der Kessel explodieren. Mit einer schweren Zange drückte der Amerikaner das Ventil nieder, um den überschüssigen Dampf zurückzuhalten.

[¶20] Als die Bahnstation in Sicht kam, hielt er an und sprang ungeduldig ab. Die Lokomotive überliess er ihrem Schicksal und jagte in die Stadt.

[¶21] Da war alles in brennende Röte getaucht, das Archiv stand in Flammen. Fortwährend fanden kleine Staubexplosionen statt, — hoch in die Luft schleuderte die Lohe die brennenden Papierfetzen, die feurigen Vögeln gleich über die Stadt hinflogen. Eine laut heulende und lachende Menge wogte in den heissen Strassen.

[¶22] Den Amerikaner erfasste ein Schauder, er musste sich auf einen Steinhaufen setzen. Matt und kraftlos presste er die Worte heraus:

[¶23] „Patera überlässt seinem Nachfolger nur die Exkremente.“

### XX

[¶25] Als das Archiv mit seinen Schätzen in Flammen aufging, sass ich auf meinem alten Lieblingsplatze am Strom, dessen Gewässer die Himmelsglut spiegelte. Die noch nie dagewesenen Dinge, welche ich in der letzten Zeit mit angesehen, hatten mich aus meiner Apathie aufgerüttelt. Ich fühlte mein erstarrtes Herz tauen — das übermenschliche Unglück der Traumstädter drohte mich zu erdrücken. Ich hoffte auf den Tod, gleichviel in welcher Gestalt er mich überfallen würde. Dass mit dieser Schreckensnacht alles aus sein müsse, schien nur zu klar. Aber warum wartet das Schicksal so lange und übertrifft sich selbst im Anhäufen qualvollster Martern?

[¶26] Störungen des Sehvermögens überfielen nun die Traumleute. Zuerst war es ein Regenbogenschein, der die Gegenstände umgab. Später verschoben sich für ihre Augen alle natürlichen Proportionen, kleine Häuschen hielten sie für vielstöckige Türme, die falschen Perspektiven täuschten sie und verursachten ihnen Bangigkeit, sie glaubten sich eingeschlossen, wo sie es nicht waren. Es kam ihnen vor, als hingen die Gebäude gegen die Strassen hinüber, oder balanzierten auf zu schmalen Fundamenten. Ihnen entgegenkommende Menschen verdoppelten oder vervielfachten sich, wurden zu Ansammlungen! Sie hoben die Beine, um über eingebildete Hindernisse hinweg zu schreiten, tasteten sich auf allen vieren den Boden entlang, stets vor sich einen Abgrund wähnend.

[¶27] Viele Menschen verfielen dem Massenselbstmord. Verfolgt und abgehetzt bis zum äussersten, waren sie die widerstandslose Beute von Träumen geworden, in welchen ihnen der Befehl zur eigenen Vernichtung erteilt wurde. Was noch übrig blieb, war dermassen verwirrt im Kopf, dass sie wahrscheinlich die Bitterkeit ihrer letzten Stunden nicht gespürt haben.

[¶28] Plötzlich hiess es, Patera sei selbst erschienen. Von vier Dienern habe er sich in einer Sänfte auf den Markt tragen lassen, eine spitze Tiara auf dem Haupte, angetan mit einem grünsamtenen Mantel, der reich mit Perlenstickerei verziert war, wie ein Kardinal die Leute segnend. Der Amerikaner, seiner ansichtig werdend, habe einen Pflasterstein ergriffen und sich wie ein Rasender auf den Herrn gestürzt. Zertrümmert flog die Krone in den Staub. Der Kopf — ein Wachspuppenkopf — zerschellte wie eine Eierschale; die Augen waren mit Quecksilber gefüllte Glaskugeln, die Prunkkleider waren mit Stroh ausgestopft gewesen, — der Meister eine Mystifikation, nichts weiter!

[¶29] Das Militär hatte längst seine Patronen verschossen. Es rannte in schmierigen roten Hosen im Sturmschritt mit gefälltem Bajonett auf die zerlumpten Tollwütigen. Durch Schnaps angefeuert, kannten sie kein Pardon. Der Amerikaner stellte sich auf die Seite der Soldaten, welche dem herrisch auftretenden Mann, seitdem sie von der Wachspuppe gehört hatten, zujubelten. Archiv, Post, Bank brannten und erleuchteten die Strassen taghell.

[¶30] Von dem hochgelegenen französischen Viertel schob sich langsam wie ein Lavastrom eine Masse von Schmutz, Abfall, geronnenem Blut, Gedärmen, Tier- und Menschenkadavern. In diesem, in allen Farben der Verwesung schillernden Gemenge stapften die letzten Träumer herum. Sie lallten nur noch, konnten sich nicht mehr verständigen, sie hatten das Vermögen der Sprache verloren. Fast alle waren nackt, die robusteren Männer stiessen die schwächeren Weiber in die Aasflut, wo sie von den Ausdünstungen betäubt, untergingen. Der grosse Platz glich einer gigantischen Kloake, in welcher man mit letzter Kraft einander würgte und biss und schliesslich verendete.

[¶31] Aus Fensterlöchern hingen die starren Leiber entseelter Zuschauer, deren gebrochene Blicke dieses Königreich des Todes spiegelten.

[¶32] Verrenkte Arme und Beine, gespreizte Finger und geballte Fäuste, geblähte Tierbäuche, Pferdeschädel, zwischen den langen gelben Zähnen die wulstige blaue Zunge weit vorgestreckt, so schob sich die Phalanx des Untergangs unaufhaltsam vorwärts. Greller Lichtschein flackerte und belebte diese Apotheose Pateras.

### XXI

[¶34] Unberührt von allem, was sich begab, blieben die Blauäugigen. Sie blickten ruhig über den Fluss. Allerdings musste auch bei ihnen etwas vorgehen, denn vor ihren sonderbaren Wohnstätten hatten sie grosse Kessel aufgestellt. Tag und Nacht sah man sie daran herumhantieren. Augenscheinlich wurde etwas gekocht. Der Wind trug einen beissenden, übelriechenden Qualm herüber, der zum Husten reizte. Der Gestank verwandelte sich bald in Wohlgeruch. Die Blauäugigen, die sonst so ernst und bedächtig waren, tanzten jetzt um die Kessel und sangen monotone, schleppende Chöre. Unsere Banden wollten hinüber. — Längst hatte man herausbekommen, dass man in der Vorstadt lange nicht so unter dem Ungeziefer und dem Schmutz litt. Die Brücke war jedoch eingestürzt und fortgeschwemmt worden. Boote gab es nicht mehr, ein Schwimmversuch zwischen den Reptilien des Stromes wäre Selbstmord gewesen.

[¶35] Ich weilte am Ufer, wo ich auf einem Brückenpfeiler sass. Nicht mehr fähig, diese Szenen, die meine Fassungskraft übertrafen, zu ertragen, wollte ich meinem Leben ein gewaltsames Ende bereiten. Fasziniert starrte ich in die trüben Fluten, die ich mir zum Grabe erkoren hatte. — Im nächsten Augenblick sollten sie mich aufnehmen. Ich hatte das deutliche Gefühl, dass mir etwas ungeheuer Grosses jetzt bevorstehen müsse. Langsam, ganz allmählich liess ich mich hinuntergleiten, — es war wie im Traum!

[¶36] Unter gurgelndem Sausen bildete sich mitten im Wasser ein gähnender Trichter und ein schwarzes Loch saugte den Strom in sich. Die noch immer glimmenden Überreste der Mühle versanken zischend in weissen Dämpfen.

[¶37] Die Lange Gasse stürzte in sich zusammen, ich erblickte infolgedessen den Palast, der von hier aus sonst nicht sichtbar gewesen war. Hellrot beschienen und erhaben ragte seine geschlossene Masse über die Trümmer. Ich dachte, jetzt müssten Posaunen ertönen, das jüngste Gericht sei angebrochen. In tobenden Katarakten stürzte sich der Negro in das gierig geöffnete Maul des schwarzen Strudels, das sich auf seinem Grunde aufgetan hatte. Fische und Krebse zappelten im Schlamm und blieben an den Wasserpflanzen hängen.

[¶38] Da gewahrte ich eine kleine Schar Männer am jenseitigen Ufer, die durch das sandige Flussbett herüberkamen: die Blauäugigen. Gesenkten Hauptes schritten sie an mir vorbei. Zuerst ein gebücktes Wesen mit einem vielfach gefurchten, wie zersprungenen Gesicht, als wäre es tausend Jahre alt. Von dem ungewöhnlich hohen Schädel fielen lange schlichte Silbersträhnen. Es kam mir einen Augenblick in den Sinn, es könne eine Frau sein. Dann die andern! Lauter hohe, abgezehrte Gestalten. Der letzte, ein wenig grösser und aufrechter schreitend, blickte sich nach mir um. Ich schaute in das schönste Gesicht, das ich je gesehen habe, das Antlitz Pateras ausgenommen. Wie aus Porzellan geformt war das reine Eirund des Kopfes. Mit den durchsichtig dünnen Nasenflügeln, dem schmalen, etwas eingedrückten Kinn, kam mir der Mann wie ein überfeinerter Mandschuprinz oder wie ein Engel aus einer buddhistischen Legende vor. Seine schlanken, langen Gelenke sprachen von äusserster Entwicklung der Rasse. Alles Haar war abgeschabt und vollkommen glatt spannte sich seine Haut. Mit einem unvergleichlichen Blick aus seinen blauen Augen sah er mich an. Das konnte keine Zurückweisung sein — ich folgte ihm nach.

[¶39] Da dehnte und streckte sich der Boden wie Kautschuk, ein betäubender Knall wie von vielen hundert Kanonen erschütterte die Luft. Langsam neigte sich die Fassade des Palastes, bog sich wie ein Fahnentuch im Wind und begrub den grossen Platz unter ihrem Angesicht. —

[¶40] Von allen Türmen Perles ertönten die Glocken, melodisch, imposant läuteten sie den Schwanengesang der sterbenden Stadt. Ich war zu Tränen gerührt, mir war als schritte ich im Leichenzug beim Begräbnis des Traumreiches.

[¶41] Ich folgte den blauäugigen Männern durch ein schmales Tor, das in die Felswand eingelassen war. Im trüben Licht einzelner Fackeln führte eine lange Stiege mit ungleichmässigen Stufen empor. Meine Führer verschwanden in einem Felsgeschoss, das seitlich in die Wand gegraben war. Ich aber stieg immer höher, um mich nach einem geschützten Platz umzusehen und gelangte wieder ins Freie und sah den geröteten Himmel über mir. Ich befand mich in der alten Bergfestung. Einzelne Geschütze standen noch auf die Stadt gerichtet, sonst waren die Lafetten zerbrochen und die bronzenen Rohre lagen verstreut auf den Wällen. Schroff fiel hier die Bergwand einige hundert Meter ab. Ich setzte mich. Unter mir sah ich ein Labyrinth von Gängen, ich traute meinen Augen kaum! Die Stadt war vollständig unterminiert gewesen wie ein Maulwurfsbau. Ein breiter Tunnel verband den Palast mit der Vorstadt, andere reichten bis weit in das Land hinein. Diese nun offen daliegenden Gänge füllte jetzt das dunkle Wasser des Negro, alles was noch stand, versank allmählich in ihnen. — Von der anderen Seite flutete der Sumpf immer näher heran.

[¶42] Das Geläute war verstummt, die Türme eingestürzt, nur der grosse Uhrturm stand noch, seine mächtige Glocke summte in tiefen Basstönen. Leben sah ich kaum mehr. Ein kleiner Trupp Menschen schien nur entronnen zu sein. Sie schossen nach allen Richtungen auseinander und fuhren dann wieder auf einen Punkt zusammen, wie Marionetten, von einer einzigen Schnur regiert; so sahen sie von hier oben aus. —

[¶43] Zwecklos schienen die Leute da unten herumgehetzt zu werden. Endlich rasten alle, einem unsichtbaren Kommando folgend, über die Trümmer in erstaunlichen, letzten Sprüngen gegen den Strom, setzten durch sein leeres Bett und warfen sich gegen die Vorstadt.

[¶44] Aus einem grossen Loch in der Erde blies ein eiskalter Wind bis zu mir herauf, so dass die Flüchtenden über den Haufen purzelten. Das unheimliche Loch atmete die ausgestossene Luft wieder ein, Bretter, Balken und Menschen verschwanden in ihm; wie eine Windhose war es anzusehen. — Nur einige wenige entkamen und wollten sich in den Häuschen der Vorstadt verstecken. Dann hörten die Windstösse auf, und vorsichtig streckte sich ein Kamelskopf aus dem dunklen Loche. Er sass an einem endlosen Halse, blickte sich klug um und hob sich bis zur Höhe meines Standortes. Da lachte er lautlos und zog sich wieder zurück.
