SCRIPTURA

Alfred Kubin · Die andere Seite · 30 of 30

Epilog

„Der Mensch ist nur ein selbstbewusstes Nichts“

Julius Bahnsen

In der Heilanstalt musste ich immer wieder dem Zauber der gewaltigen Schauspiele, die ich erlebte, nachsinnen. Mein Traumvermögen war augenscheinlich erkrankt, die Träume wollten meinen Geist überwuchern.

Ich verlor in ihnen meine Identität, sie griffen oft in historische Perioden zurück. Fast jede Nacht brachte mir entlegene Begebenheiten, und ich bin der Meinung, dass diese Traumbilder aufs engste verkettet waren mit Erlebnissen meiner Ahnen, deren seelische Erschütterungen sich vielleicht organisch geprägt und vererbt haben. Noch tiefere Traumschichten öffneten sich mir im Aufgehen in Tierexistenzen, ja im blossen bewussten Hindämmern in Urelementen. Diese Träume waren Abgründe, denen ich mich willenlos preisgegeben sah. Sie hörten auf, als wir besseres Wetter bekamen und klare, schöne Nächte.

Die Tage verliefen nun eintönig. Jetzt plagten mich Untätigkeit und Langeweile. Langsam hatte ich mich kräftigen und wieder arbeiten wollen. Ich sah aber, dass ich zu gar nichts mehr tauglich war. Die Wirklichkeit schien mir eine widerwärtige Karikatur auf den Traumstaat. Mich erquickte nur noch der Gedanke an das Hinschwinden, an den Tod. Mit aller Inbrunst, deren ich noch fähig war, umfing ich ihn.

Ich liebte ihn ekstatisch, wie wenn ich ein Weib gewesen wäre, ich war verzückt. In den nun folgenden, vom Lichte des Mondes erfüllten Nächten gab ich mich ihm völlig hin, schaute ihn an, fühlte ihn und genoss überirdische Wonnen. Ich war der Vertraute dieses ungeheuersten Herrn, dieses glorreichen Weltfürsten, dessen Schönheit unschilderbar ist für alle, die ihn fühlen. Er war mein letztes, mein grösstes Glück. In jedem abgefallenen Blatt, im nassen Rasen, in der Erdkrume selbst erkannte ich ihn. Seinem katzenhaften Werben nachzugeben, seine Zerstörungen als Liebesumarmungen zu fühlen, machte mich glücklich! Bezeichnend für diese Zeit ist eine Vorliebe für halbwelke Blumen.

An mein eigenes Sterben dachte ich wie an die grössten, himmlischen Freuden, die ewige Hochzeitsnacht wäre dann angebrochen.

Wie sträubt sich doch alles gegen ihn, und wie gut meint er es! In jedem Gesicht forschte ich neugierig nach seinen Zeichen, in den Runzeln und Falten des Alters entdeckte ich seine Küsse. Immer wieder neu erschien er mir; wie köstlich waren seine Farben! Seine Blicke gleissten so verführerisch, dass sich der Stärkste ihm ergeben musste, dann warf er seine Vermummung ab und mantellos schaute ihn der Sterbende, umglänzt von Diamanten, in tausend spiegelnden Fazetten.

Als ich mich dann wieder ins Leben wagte, entdeckte ich, dass mein Gott nur eine Halbherrschaft hatte. Im Grössten und im Geringsten teilte er mit einem Widersacher, der Leben wollte. Die abstossenden und anziehenden Kräfte, die Pole der Erde mit ihren Strömungen, die Wechsel der Jahreszeiten, Tag und Nacht, schwarz und weiss — das sind Kämpfe.

Die wirkliche Hölle liegt darin, dass sich dies widersprechende Doppelspiel in uns fortsetzt. Die Liebe selbst hat einen Schwerpunkt „zwischen Kloaken und Latrinen“. Erhabene Situationen können der Lächerlichkeit, dem Hohne, der Ironie verfallen.

Der Demiurg ist ein Zwitter.