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title: "Die andere Seite"
author: "Alfred Kubin"
title_de: "Die andere Seite"
languages: [de]
shelf: "Literature"
section: 5 of 30
url: https://scriptura.si/works/kubin-die-andere-seite/5/
cite: "Alfred Kubin, Die andere Seite, section 5. Scriptura (scriptura.si), https://scriptura.si/works/kubin-die-andere-seite/5/"
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# Die andere Seite

*Alfred Kubin*

German: Die andere Seite

A dream kingdom in Central Asia, built from bought antiques, sinks slowly into its own nightmare.

## 5. Erster Teil · Der Ruf · Zweites Kapitel – Die Reise · 2 of 3

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[¶0] Ein paar Träger, stark wie Bären, hatten inzwischen auf einen Wink das Gepäck auf einen Karren geladen und sich damit entfernt. Wir schritten also neben Herrn Teretatian her. Ein Fuhrwerk, welches uns aufgedrängt werden sollte schlugen wir aus.

[¶1] „Jetzt lieber zu Fuss! Wie weit ist’s in Ihre Wohnung?“

[¶2] „Eine gute halbe Stunde, Herr.“

[¶3] „Also vorwärts, in Gottes Namen!“ —

### III

[¶5] Wie orientalische Städte aussehen, setze ich als bekannt voraus. Es ist genau so wie bei uns, nur orientalisch. Kreuz und quer wanderten wir durch Strassen und über Plätze, uns dabei fortwährend durch Tausendundeinenacht-Szenen schiebend. Nach Verlauf einer halben Stunde wurde es stiller, wir schienen an den Rand der Stadt zu gelangen. Vor einem Hause blieb unser Führer stehen und sagte:

[¶6] „Da sind wir!“

[¶7] Wir sollten in ein ebenerdiges Zimmer eintreten. Das Gepäck war schon da, ich sah es im Hofe. Ein vorzüglicher Imbiss in dem freundlichen Gemach auf teppichbedecktem Boden, nahm mich etwas mehr für unsern Wirt ein. Dieser zweite Agent Pateras war noch weit höflicher als der erste, beinahe unterwürfig.

[¶8] „Na, was gibts Neues im Traumstaat, Herr Teretatian“, rief ich gut gelaunt zwischen Feigen und Weintrauben.

[¶9] „Nichts Neues, nicht viel Neues! Höchstens das Theater. Davon hat der Herr wohl schon gehört?“

[¶10] „Aber keine Ahnung hab ich!“ rief ich da, erpicht auf alles, was mit dem Traumreich zusammenhing.

[¶11] „Ein neuer Einfall des Meisters! — Das Gebäude steht schon seit einem Monat. Einige Wagen voller Kulissen, Hintergründe, alter Perücken, verursachten mir erst vorige Woche viel Kopfzerbrechen beim Durchexpedieren. — Das werden Sie hier lassen müssen, gnädige Frau“, sprach er weiter und deutete auf eine blinkende Kochmaschine, welche meine Gattin gerade von draussen hereinbrachte. Sie überhörte diese Worte, denn sie blickte verzückt einem kleinen Kinde nach, das im Hofe spielte.

[¶12] „Was sagen Sie da?“ rief ich, und stiess meine Frau an.

[¶13] „Ja, leider lässt sich das nicht ändern!“ antwortete er mir bedauernd. — „Erst kürzlich — eine Opernsängerin — sie wurde ganz rabiat, als ich ihre Garderobe ausmusterte. Folgen Sie lieber meinem Rat, Sie ersparen sich viel Scherereien.“

[¶14] Sprachlos, mit aufgerissenen Augen, hörte ich diesem Menschen zu.

[¶15] „Aber ich brauche doch meine Sachen“, rief ich ärgerlich.

[¶16] „Der Herr weiss, dass seine Sorge grundlos ist, Sie sollen um nichts gebracht werden, nichts vermissen. Der Herr kann sich beruhigen.“

[¶17] „Wir können die Sachen vielleicht hier deponieren?“ wandte sich jetzt meine Frau an mich, „ein paar Tage kommen wir auch mit dem Notwendigsten aus. Dann lässt uns dein Freund die Koffer nachkommen.“

[¶18] Der Agent nützte diese Bundesgenossenschaft und versuchte, mich zu bereden:

[¶19] „Auch die Opernsängerin ist jetzt zufrieden. Der Herr reist ja in keine Wildnis, und nach zwei Tagen findet er in Perle alles, was er braucht.“

[¶20] „Wie höre ich? Ich verstehe zwei Tage? Nach der Karte rechnete ich mindestens auf eine Woche!“ — Ich war überaus erstaunt.

[¶21] „Dann ist sich der Herr nicht ganz klar über den Weg“, sagt diskret lächelnd unser Halbarmenier. „Mehr als höchstens drei Tage würden selbst bei öfterem Rasten nicht daraus.“

[¶22] „Was darf denn eigentlich mitgenommen werden?“ liess sich jetzt meine Frau vernehmen.

[¶23] „Unser Agent für Bayern dürfte das wohl schon erwähnt haben, Madame. Es ist die Regel, dass nur gebrauchte Sachen das Tor passieren.“

[¶24] „Plunder habe ich nicht mitgebracht!“ Mir schwand die Geduld. —

[¶25] „Ich sagte ‚gebraucht‘ — nicht ‚ruiniert‘.“

[¶26] „Lass ihn doch! Der Herr wird so liebenswürdig sein, unser Gepäck ein wenig zu sichten.“

[¶27] Wir gingen hinaus und unterwarfen unsere Koffer einer Inspektion. Das Tabakluftkissen nahm ich zur Sicherheit sofort an mich. Stück für Stück wurde geöffnet, eine merkwürdige Musterung.

[¶28] Ein photographischer Apparat samt Zubehör wurde sogleich fortgestellt, dann folgte ein Binocle, ein ausgezeichnetes Glas; beim Rasierapparat sagte der Kerl: „Um Gottes willen!“ Das Necessaire meiner Frau wurde genau durchstöbert. Bei unsern Kleidern schien er zu zweifeln. Als mein schöner Reiseüberzieher nach letzter Mode daran kam — ein Stück, worauf ich stolz war — meinte er: „Den wird sich der Herr gewiss ändern lassen! Man will doch nicht auffallen!“ Als aber die Wäsche meiner Gefährtin an der Reihe war, und der Dummkopf auch da nachsehen wollte, fuhr ich dazwischen:

[¶29] „Das bleibt, da wird nichts fortgenommen!“ Auch die Bücher wurden scharf revidiert, doch liess man mir meine hübschen alten Sachen.

[¶30] „Den Herrschaften soll nichts abgehen!..... nichts abgehen!“ wiederholte in einem fort geschäftsmässig Herr Teretatian. Dabei entging nicht die geringste Kleinigkeit seinen Blicken.

[¶31] „Jetzt ist alles in Ordnung.“ Er verbeugte sich tief. — Mittlerweile war es aber auch vier Uhr geworden.

[¶32] In der letzten Stunde kaufte ich mir in Samarkand noch verschiedene Dinge für die sozusagen konfiszierten. Ich erwarb einen prächtigen alten Samovar, nicht so praktisch, aber schöner als unsere Maschine. Als ich zurückkam, standen zwei geräumige Karren mit riesigen Rädern bereit. Vor jeden war ein Kamel gespannt. Ich blickte zweifelnd auf dies traurige Gefährt.

[¶33] „Die Herrschaften werden gut fahren, wir haben Decken hineingebreitet. Der Führer ist ein verlässiger Mensch und hat die Weisung, Ihren Wünschen nachzukommen.“

[¶34] Beim Einsteigen ein paar reichgefüllte Proviantkörbe erblickend, war ich wieder ganz sanft. Ich dankte und schüttelte unserem Wirt die Hand. — An der Spitze des Zuges ritt auf einem mähnigen Pferde der Führer, ein kleiner Kirgise. Bei jedem Karren ein Mann, zum Schluss zwei Diener mit gelben Mützen und dunklen Kaftanen. — So fuhren wir dahin.

[¶35] — Ich hatte jetzt mein Abenteuer.

### IV

[¶37] Als die Stadt schon längst entschwunden war, sah man noch immer das Grabmal des grossen Timor emporragen. Es hob sich violett von einem lebhaft gefärbten Sonnenuntergangshimmel.

[¶38] Meine Reisegefährtin neben mir glich einem Paket, aus welchem an einer Seite ein Kopf herausschaute. Sie kämpfte mit dem Schlaf und antwortete nur noch undeutlich. Ich gab es daher bald auf, mit ihr zu sprechen. In unserem, mit einem Schutzdach versehenen Karren herrschte Dunkelheit. Die Landschaft wurde kahler, steiniger; ringsumher war alles in ein kaltes Grün getaucht. Eine neuerliche Anwandlung von Reue über unser Wagnis kam gegen die immer stärker werdende Müdigkeit bei mir nicht mehr auf. Wir waren beide sehr erschöpft.

[¶39] In eintöniger grüner Dämmerung schwammen draussen ab und zu entlaubte Bäume, Kakteen und Salzpflanzen vorbei. Der Karren schaukelte gleichmässig, rhythmisch. Von der Spitze des Zuges drang eine langgezogene, klagende Melodie. „Das lässt sich nur mit einem kleinen Instrument hervorbringen“, dachte ich, und schlief dabei wohl ein. — — —

[¶40] Wanderer sind wir alle, ohne Ausnahme, alle. — So lange es Menschen gab, war es so, und es wird immer so bleiben. Vom ältesten Nomadenvolk bis zum heutigen Vergnügungsreisenden, vom Raubzug bis zu den jüngsten Entdeckungsfahrten — so verschieden die Motive, das Wandern bleibt. Fuss, Huf, Rad, Dampf, Elektrizität, Benzin und was alles noch kommen mag, das Mittel ist gleichgültig, das Wandern bleibt. Ob ich ins Gasthaus gehe oder den Erdball umkreise; ich wandere. Und mit mir wandern alle Tiere, einmal dahin und einmal dorthin. Unsere alte Erde geht mit grossem Beispiel voran. Ein Trieb, ein Naturgesetz! Du kannst noch so müde sein, du musst mit, immer weiter. ..... Wirkliche Ruhe gibt es erst, wenn man ausgewandert hat. Und darauf freuen sich alle heimlich — man gesteht sich das nur nicht ein. Viele wissen es nicht einmal. Manche gibt es, die schon weit herumgekommen sind und nicht mehr wandern mögen, oder krank im Bette liegen, oder sonst nicht wandern können, die reisen bei sich selbst im Gehirn, in der Einbildung, auch diese kommen oft weit, weit .... aber still stehen, nein, das gibt es nicht!

[¶41] Einmal wachte ich einen Augenblick auf. Draussen war glänzendes Mondlicht. Man hielt gerade bei einer Zisterne, und ich hörte, wie die Tiere getränkt wurden. Meine Frau, hatte festgeschlossene Augen und einen ganz ernsten Ausdruck.

[¶42] „Es ist gut, dass du schläfst,“ dachte ich, „so wirst du morgen frisch sein.“

[¶43] Es schien mir, als wären wir in den Bergen. Als der Karren wieder rumpelte, schlief ich von neuem ein, dem Traumreich entgegen. Ich hatte noch lange nicht ausgeschlafen!...................

[¶44] Auf einmal war mir, als ginge irgend etwas vor. Die Räder rollten nicht mehr.
