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title: "Die andere Seite"
author: "Alfred Kubin"
title_de: "Die andere Seite"
languages: [de]
shelf: "Literature"
section: 6 of 30
url: https://scriptura.si/works/kubin-die-andere-seite/6/
cite: "Alfred Kubin, Die andere Seite, section 6. Scriptura (scriptura.si), https://scriptura.si/works/kubin-die-andere-seite/6/"
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# Die andere Seite

*Alfred Kubin*

German: Die andere Seite

A dream kingdom in Central Asia, built from bought antiques, sinks slowly into its own nightmare.

## 6. Erster Teil · Der Ruf · Zweites Kapitel – Die Reise · 3 of 3

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[¶0] „Wir sind angelangt, Sie haben lange geschlafen.“ Jemand klopfte mir auf die Beine.

[¶1] Ich wollte von nichts wissen, war noch ganz verschlafen und verhielt mich still.

[¶2] Meine Frau schon ganz munter, liess ihre Verführungskünste spielen:

[¶3] „Steh auf, wir sind da, im Traumreich!“ rief sie mit Sirenenstimme.

[¶4] Ich sagte hilflos:

[¶5] „Ja, ja, ich komme schon!“, blieb aber liegen dabei. So bin ich nun einmal.

[¶6] Neben dem Karren sprach man halbamtlich; auch mir war es jetzt zu dumm. Ich schüttelte den Schlaf ab und kletterte aus dem Gefährt.

[¶7] Das Auge musste sich erst gewöhnen; was man sehen konnte, war ein grauer Nebel. Nur ein paar Lichter im Dunst teilten ihn. Beim ersten Schritt wäre ich fast an den Wagen gerannt, riesenhaft stand er da. Vor ihm bewegte sich ein Monstrum mit unsicheren Formen: das Kamel! Ich sah schon besser.

[¶8] „Bitte näher zu treten!“ liess sich eine kräftige Stimme vernehmen. „Ihr Gepäck ist in Ordnung; haben Sie Ihre Legitimation?“

[¶9] Der Sprecher war ein grosser bärtiger Mann in einer dunkeln Uniform und Dienstmütze. Wir standen bei einem niederen Blockhaus, das durch ein paar Laternen matt erleuchtet war. Der Beamte gab mir mein Bild zurück und forderte uns auf, das Tor rasch zu durchschreiten, damit wir den Zug noch erreichten.

[¶10] „Welches Tor, welchen Zug?“ dachte ich, und tappte mich weiter. „Du, da ist etwas“, hörte ich meinen Reisekameraden. Und da erst entdeckte ich im Dunstschleier eine ungeheure, grenzenlose Mauer. Ganz plötzlich und unerwartet tauchte sie vor mir auf. Irgend jemand schritt uns mit einem Licht voran auf ein gewaltiges, schwarzes Loch zu: Das war das Tor des Traumreiches. — Beim Näherkommen bemerkte ich erst seine kolossalen Dimensionen. Wir traten in einen Tunnel und hielten uns möglichst nahe an den Führer. Da ereignete sich aber etwas Eigentümliches: Als ich schon eine Weile in diesem Gewölbe gegangen war, überkam mich wie auf einen Schlag ein ganz unbekanntes, grässliches Gefühl. Es ging vom Hinterkopfe aus und fuhr das Rückgrat entlang, mein Atem stockte und der Herzschlag setzte aus. Hilfslos sah ich mich nach meiner Frau um, aber die war selbst leichenblass, Todesangst spiegelte sich auf ihrem Antlitz und mit zitternder Stimme flüsterte sie:

[¶11] „Nie mehr komme ich da heraus.“

[¶12] Mich jedoch hatte schon wieder eine frische Welle von Kraft gestärkt, wortlos reichte ich ihr den Arm.
