SCRIPTURA

Sigmund Freud · Group Psychology and the Analysis of the Ego · 6 of 12

VI · Further Problems and Lines of Work

Translated by James Strachey

ContentsMarkdown.md ↓

We have hitherto considered two artificial groups and have found that they are dominated by two emotional ties. One of these, the tie with the leader, seems (at all events for these cases) to be more of a ruling factor than the other, which holds between the members of the group.

Wir haben bisher zwei artifizielle Massen untersucht und gefunden, daß sie von zweierlei Gefühlsbindungen beherrscht werden, von denen die eine an den Führer -- wenigstens für sie -- bestimmender zu sein scheint als die andere, die der Massenindividuen aneinander.

Now much else remains to be examined and described in the morphology of groups. We should have to start from the ascertained fact that a mere collection of people is not a group, so long as these ties have not been established in it; but we should have to admit that in any collection of people the tendency to form a psychological group may very easily become prominent. We should have to give our attention to the different kinds of groups, more or less stable, that arise spontaneously, and to study the conditions of their origin and of their dissolution. We should above all be concerned with the distinction between groups which have a leader and leaderless groups. We should consider whether groups with leaders may not be the more primitive and complete, whether in the others an idea, an abstraction, may not be substituted for the leader (a state of things to which religious groups, with their invisible head, form a transition stage), and whether a common tendency, a wish in which a number of people can have a share, may not in the same way serve as a substitute. This abstraction, again, might be more or less completely embodied in the figure of what we might call a secondary leader, and interesting varieties would arise from the relation between the idea and the leader. The leader or the leading idea might also, so to speak, be negative; hatred against a particular person or institution might operate in just the same unifying way, and might call up the same kind of emotional ties as positive attachment. Then the question would also arise whether a leader is really indispensable to the essence of a group--and other questions besides.

Nun gäbe es in der Morphologie der Massen noch viel zu untersuchen und zu beschreiben. Man hätte von der Feststellung auszugehen, daß eine bloße Menschenmenge noch keine Masse ist, so lange sich jene Bindungen in ihr nicht hergestellt haben, hätte aber das Zugeständnis zu machen, daß in einer beliebigen Menschenmenge sehr leicht die Tendenz zur Bildung einer psychologischen Masse hervortritt. Man müßte den verschiedenartigen, mehr oder minder beständigen Massen, die spontan zustande kommen, Aufmerksamkeit schenken, die Bedingungen ihrer Entstehung und ihres Zerfalls studieren. Vor allem würde uns der Unterschied zwischen Massen, die einen Führer haben, und führerlosen Massen beschäftigen. Ob nicht die Massen mit Führer die ursprünglicheren und vollständigeren sind, ob in den anderen der Führer nicht durch eine Idee, ein Abstraktum ersetzt sein kann, wozu ja schon die religiösen Massen mit ihrem unaufzeigbaren Oberhaupt die Überleitung bilden, ob nicht eine gemeinsame Tendenz, ein Wunsch, an dem eine Vielheit Anteil nehmen kann, den nämlichen Ersatz leistet. Dieses Abstrakte könnte sich wiederum mehr oder weniger vollkommen in der Person eines gleichsam sekundären Führers verkörpern, und aus der Beziehung zwischen Idee und Führer ergäben sich interessante Mannigfaltigkeiten. Der Führer oder die führende Idee könnten auch sozusagen negativ werden; der Haß gegen eine bestimmte Person oder Institution könnte ebenso einigend wirken und ähnliche Gefühlsbindungen hervorrufen wie die positive Anhänglichkeit. Es fragte sich dann auch, ob der Führer für das Wesen der Masse wirklich unerläßlich ist u. a. m.

But all these questions, which may, moreover, have been dealt with in part in the literature of Group Psychology, will not succeed in diverting our interest from the fundamental psychological problems that confront us in the structure of a group. And our attention will first be attracted by a consideration which promises to bring us in the most direct way to a proof that libidinal ties are what characterize a group.

Aber all diese Fragen, die zum Teil auch in der Literatur der Massenpsychologie behandelt sein mögen, werden nicht imstande sein, unser Interesse von den psychologischen Grundproblemen abzulenken, die uns in der Struktur einer Masse geboten werden. Wir werden zunächst von einer Überlegung gefesselt, die uns auf dem kürzesten Weg den Nachweis verspricht, daß es Libidobindungen sind, welche eine Masse charakterisieren.

Let us keep before our eyes the nature of the emotional relations which hold between men in general. According to Schopenhauer's famous simile of the freezing porcupines no one can tolerate a too intimate approach to his neighbour.

Wir halten uns vor, wie sich die Menschen im allgemeinen affektiv zueinander verhalten. Nach dem berühmten Schopenhauer'schen Gleichnis von den frierenden Stachelschweinen verträgt keiner eine allzu intime Annäherung des anderen.

The evidence of psycho-analysis shows that almost every intimate emotional relation between two people which lasts for some time--marriage, friendship, the relations between parents and children--leaves a sediment of feelings of aversion and hostility, which have first to be eliminated by repression.

»Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich, an einem kalten Wintertage, recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme, sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welches sie dann wieder voneinander entfernte. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel, so daß sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung herausgefunden hatten, in der sie es am besten aushalten konnten.« (Parerga und Paralipomena, II. Teil, XXXI., Gleichnisse und Parabeln.)

This is less disguised in the common wrangles between business partners or in the grumbles of a subordinate at his superior. The same thing happens when men come together in larger units. Every time two families become connected by a marriage, each of them thinks itself superior to or of better birth than the other. Of two neighbouring towns each is the other's most jealous rival; every little canton looks down upon the others with contempt. Closely related races keep one another at arm's length; the South German cannot endure the North German, the Englishman casts every kind of aspersion upon the Scotchman, the Spaniard despises the Portuguese. We are no longer astonished that greater differences should lead to an almost insuperable repugnance, such as the Gallic people feel for the German, the Aryan for the Semite, and the white races for the coloured.

Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse hinterläßt fast jedes intime Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen von längerer Dauer -- Ehebeziehung, Freundschaft, Eltern- und Kindschaft -- einen Bodensatz von ablehnenden, feindseligen Gefühlen, der erst durch Verdrängung beseitigt werden muß. Unverhüllter ist es, wenn jeder Kompagnon mit seinem Gesellschafter hadert, jeder Untergebene gegen seinen Vorgesetzten murrt. Dasselbe geschieht dann, wenn die Menschen zu größeren Einheiten zusammentreten. Jedesmal, wenn sich zwei Familien durch eine Eheschließung verbinden, hält sich jede von ihnen für die bessere oder vornehmere auf Kosten der anderen. Von zwei benachbarten Städten wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der anderen; jedes Kantönli sieht geringschätzig auf das andere herab. Nächstverwandte Völkerstämme stoßen einander ab, der Süddeutsche mag den Norddeutschen nicht leiden, der Engländer sagt dem Schotten alles Böse nach, der Spanier verachtet den Portugiesen. Daß bei größeren Differenzen sich eine schwer zu überwindende Abneigung ergibt, des Galliers gegen den Germanen, des Ariers gegen den Semiten, des Weißen gegen den Farbigen, hat aufgehört uns zu verwundern.

When this hostility is directed against people who are otherwise loved we describe it as ambivalence of feeling; and we explain the fact, in what is probably far too rational a manner, by means of the numerous occasions for conflicts of interest which arise precisely in such intimate relations. In the undisguised antipathies and aversions which people feel towards strangers with whom they have to do we may recognize the expression of self-love--of narcissism. This self-love works for the self-assertion of the individual, and behaves as though the occurrence of any divergence from his own particular lines of development involved a criticism of them and a demand for their alteration.

Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte Personen richtet, bezeichnen wir es als Gefühlsambivalenz und erklären uns diesen Fall in wahrscheinlich allzu rationeller Weise durch die vielfachen Anlässe zu Interessenkonflikten, die sich gerade in so intimen Beziehungen ergeben. In den unverhüllt hervortretenden Abneigungen und Abstoßungen gegen nahestehende Fremde können wir den Ausdruck einer Selbstliebe, eines Narzißmus, erkennen, der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich so benimmt, als ob das Vorkommen einer Abweichung von seinen individuellen Ausbildungen eine Kritik derselben und eine Aufforderung sie umzugestalten mit sich brächte. Warum sich eine so große Empfindlichkeit gerade auf diese Einzelheiten der Differenzierung geworfen haben sollte, wissen wir nicht; es ist aber unverkennbar, daß sich in diesem ganzen Verhalten der Menschen eine Haßbereitschaft, eine Aggressivität kundgibt, deren Herkunft unbekannt ist, und der man einen elementaren Charakter zusprechen möchte.

We do not know why such sensitiveness should have been directed to just these details of differentiation; but it is unmistakable that in this whole connection men give evidence of a readiness for hatred, an aggressiveness, the source of which is unknown, and to which one is tempted to ascribe an elementary character.

In einer kürzlich (1920) veröffentlichten Schrift »Jenseits des Lustprinzips« habe ich versucht, die Polarität von Lieben und Hassen mit einem angenommenen Gegensatz von Lebens- und Todestrieben zu verknüpfen, und die Sexualtriebe als die reinsten Vertreter der ersteren, der Lebenstriebe, hinzustellen.

But the whole of this intolerance vanishes, temporarily or permanently, as the result of the formation of a group, and in a group. So long as a group formation persists or so far as it extends, individuals behave as though they were uniform, tolerate other people's peculiarities, put themselves on an equal level with them, and have no feeling of aversion towards them. Such a limitation of narcissism can, according to our theoretical views, only be produced by one factor, a libidinal tie with other people. Love for oneself knows only one barrier--love for others, love for objects. The question will at once be raised whether community of interest in itself, without any addition of libido, must not necessarily lead to the toleration of other people and to considerateness for them. This objection may be met by the reply that nevertheless no lasting limitation of narcissism is effected in this way, since this tolerance does not persist longer than the immediate advantage gained from the other people's collaboration. But the practical importance of the discussion is less than might be supposed, for experience has shown that in cases of collaboration libidinal ties are regularly formed between the fellow-workers which prolong and solidify the relation between them to a point beyond what is merely profitable. The same thing occurs in men's social relations as has become familiar to psycho-analytic research in the course of the development of the individual libido. The libido props itself upon the satisfaction of the great vital needs, and chooses as its first objects the people who have a share in that process. And in the development of mankind as a whole, just as in individuals, love alone acts as the civilizing factor in the sense that it brings a change from egoism to altruism. And this is true both of the sexual love for women, with all the obligations which it involves of sparing what women are fond of, and also of the desexualised, sublimated homosexual love for other men, which springs from work in common.

Aber all diese Intoleranz schwindet, zeitweilig oder dauernd, durch die Massenbildung und in der Masse. Solange die Massenbildung anhält oder soweit sie reicht, benehmen sich die Individuen als wären sie gleichförmig, dulden sie die Eigenart des anderen, stellen sich ihm gleich und verspüren kein Gefühl der Abstoßung gegen ihn. Eine solche Einschränkung des Narzißmus kann nach unseren theoretischen Anschauungen nur durch ein Moment erzeugt werden, durch libidinöse Bindung an andere Personen. Die Selbstliebe findet nur an der Fremdliebe, Liebe zu Objekten, eine Schranke. Man wird sofort die Frage aufwerfen, ob nicht die Interessengemeinschaft, an und für sich und ohne jeden libidinösen Beitrag, zur Duldung des anderen und zur Rücksichtnahme auf ihn führen muß. Man wird diesem Einwand mit dem Bescheid begegnen, daß auf solche Weise eine bleibende Einschränkung des Narzißmus doch nicht zustande kommt, da diese Toleranz nicht länger anhält als der unmittelbare Vorteil, den man aus der Mitarbeit des anderen zieht. Allein der praktische Wert dieser Streitfrage ist geringer, als man meinen sollte, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß sich im Falle der Mitarbeiterschaft regelmäßig libidinöse Bedingungen zwischen den Kameraden herstellen, welche die Beziehung zwischen ihnen über das Vorteilhafte hinaus verlängern und fixieren. Es geschieht in den sozialen Beziehungen der Menschen dasselbe, was der psychoanalytischen Forschung in dem Entwicklungsgang der individuellen Libido bekannt geworden ist. Die Libido lehnt sich an die Befriedigung der großen Lebensbedürfnisse an und wählt die daran beteiligten Personen zu ihren ersten Objekten. Und wie beim Einzelnen, so hat auch in der Entwicklung der ganzen Menschheit nur die Liebe als Kulturfaktor im Sinne einer Wendung vom Egoismus zum Altruismus gewirkt. Und zwar sowohl die geschlechtliche Liebe zum Weibe mit all den aus ihr fließenden Nötigungen das zu verschonen, was dem Weibe lieb war, als auch die desexualisierte, sublimiert homosexuelle Liebe zum anderen Manne, die sich aus der gemeinsamen Arbeit ergab.

If therefore in groups narcissistic self-love is subject to limitations which do not operate outside them, that is cogent evidence that the essence of a group formation consists in a new kind of libidinal ties among the members of the group.

Wenn also in der Masse Einschränkungen der narzißtischen Eigenliebe auftreten, die außerhalb derselben nicht wirken, so ist dies ein zwingender Hinweis darauf, daß das Wesen der Massenbildung in neuartigen libidinösen Bindungen der Massenmitglieder aneinander besteht.

But our interest now leads us on to the pressing question as to what may be the nature of these ties which exist in groups. In the psycho-analytic study of neuroses we have hitherto been occupied almost exclusively with ties that unite with their objects those love instincts which still pursue directly sexual aims. In groups there can evidently be no question of sexual aims of that kind. We are concerned here with love instincts which have been diverted from their original aims, though they do not operate with less energy on that account. Now we have already observed within the range of the usual sexual object-cathexis [Objektbesetzung] phenomena which represent a diversion of the instinct from its sexual aim. We have described them as degrees of being in love, and have recognized that they involve a certain encroachment upon the ego. We shall now turn our attention more closely to these phenomena of being in love, in the firm expectation of finding in them conditions which can be transferred to the ties that exist in groups. But we should also like to know whether this kind of object-cathexis, as we know it in sexual life, represents the only manner of emotional tie with other people, or whether we must take other mechanisms of the sort into account. As a matter of fact we learn from psycho-analysis that there do exist other mechanisms for emotional ties, the so-called identifications, insufficiently-known processes and hard to describe, the investigation of which will for some time keep us away from the subject of Group Psychology.

Nun wird aber unser Interesse dringend fragen, welcher Art diese Bindungen in der Masse sind. In der psychoanalytischen Neurosenlehre haben wir uns bisher fast ausschließlich mit der Bindung solcher Liebestriebe an ihre Objekte beschäftigt, die noch direkte Sexualziele verfolgen. Um solche Sexualziele kann es sich in der Masse offenbar nicht handeln. Wir haben es hier mit Liebestrieben zu tun, die ohne darum minder energisch zu wirken, doch von ihren ursprünglichen Zielen abgelenkt sind. Nun haben wir bereits im Rahmen der gewöhnlichen sexuellen Objektbesetzung Erscheinungen bemerkt, die einer Ablenkung des Triebs von seinem Sexualziel entsprechen. Wir haben sie als Grade von Verliebtheit beschrieben und erkannt, daß sie eine gewisse Beeinträchtigung des Ichs mit sich bringen. Diesen Erscheinungen der Verliebtheit werden wir jetzt eingehendere Aufmerksamkeit zuwenden, in der begründeten Erwartung, an ihnen Verhältnisse zu finden, die sich auf die Bindungen in den Massen übertragen lassen. Außerdem möchten wir aber wissen, ob diese Art der Objektbesetzung, wie wir sie aus dem Geschlechtsleben kennen, die einzige Weise der Gefühlsbindung an eine andere Person darstellt, oder ob wir noch andere solche Mechanismen in Betracht zu ziehen haben. Wir erfahren tatsächlich aus der Psychoanalyse, daß es noch andere Mechanismen der Gefühlsbindung gibt, die sogenannten Identifizierungen, ungenügend bekannte, schwer darzustellende Vorgänge, deren Untersuchung uns nun eine gute Weile vom Thema der Massenpsychologie fernhalten wird.

Public domain in Canada and Hong Kong, where copyright ends fifty years after the author’s death. It may still be under copyright elsewhere: not for use or redistribution outside Canada or Hong Kong.