SCRIPTURA

Johann Wolfgang von Goethe · The Sorrows of Young Werther · 37 of 89

Book I · August 30

Translated by R. D. Boylan

ContentsMarkdown.md ↓

August 30

Am 30. August

Unhappy being that I am! Why do I thus deceive myself? What is to come of all this wild, aimless, endless passion? I cannot pray except to her. My imagination sees nothing but her: all surrounding objects are of no account, except as they relate to her. In this dreamy state I enjoy many happy hours, till at length I feel compelled to tear myself away from her. Ah, Wilhelm, to what does not my heart often compel me! When I have spent several hours in her company, till I feel completely absorbed by her figure, her grace, the divine expression of her thoughts, my mind becomes gradually excited to the highest excess, my sight grows dim, my hearing confused, my breathing oppressed as if by the hand of a murderer, and my beating heart seeks to obtain relief for my aching senses. I am sometimes unconscious whether I really exist. If in such moments I find no sympathy, and Charlotte does not allow me to enjoy the melancholy consolation of bathing her hand with my tears, I feel compelled to tear myself from her, when I either wander through the country, climb some precipitous cliff, or force a path through the trackless thicket, where I am lacerated and torn by thorns and briers; and thence I find relief. Sometimes I lie stretched on the ground, overcome with fatigue and dying with thirst; sometimes, late in the night, when the moon shines above me, I recline against an aged tree in some sequestered forest, to rest my weary limbs, when, exhausted and worn, I sleep till break of day. O Wilhelm! the hermit's cell, his sackcloth, and girdle of thorns would be luxury and indulgence compared with what I suffer. Adieu! I see no end to this wretchedness except the grave.

Unglücklicher! Bist du nicht ein Tor? Betriegst du dich nicht selbst? Was soll diese tobende, endlose Leidenschaft? Ich habe kein Gebet mehr als an sie; meiner Einbildungskraft erscheint keine andere Gestalt als die ihrige, und alles in der Welt um mich her sehe ich nur im Verhältnisse mit ihr. Und das macht mir denn so manche glückliche Stunde--bis ich mich wieder von ihr losreißen muß! Ach Wilhelm! Wozu mich mein Herz oft drängt!--wenn ich bei ihr gesessen bin, zwei, drei Stunden, und mich an ihrer Gestalt, an ihrem Betragen, an dem himmlischen Ausdruck ihrer Worte geweidet habe, und nun nach und nach alle meine Sinne aufgespannt werden, mir es düster vor den Augen wird, ich kaum noch höre, und es mich an die Gurgel faßt wie ein Meuchelmörder, dann mein Herz in wilden Schlägen den bedrängten Sinnen Luft zu machen sucht und ihre Verwirrung nur vermehrt--Wilhelm, ich weiß oft nicht, ob ich auf der Welt bin! Und--wenn nicht manchmal die Wehmut das Übergewicht nimmt und Lotte mir den elenden Trost erlaubt, auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen,--so muß ich fort, muß hinaus, und schweife dann weit im Felde umher; einen jähen Berg zu klettern ist dann meine Freude, durch einen unwegsamen Wald einen Pfad durchzuarbeiten, durch die Hecken, die mich verletzen, durch die Dornen, die mich zerreißen! Da wird mir's etwas besser! Etwas! Und wenn ich vor Müdigkeit und Durst manchmal unterwegs liegen bleibe, manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir steht, im einsamen Walde auf einen krumm gewachsenen Baum mich setze, um meinen verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verschaffen, und dann in einer ermattenden Ruhe in dem Dämmerschein hinschlummre! O Wilhelm! Die einsame Wohnung einer Zelle, das härene Gewand und der Stachelgürtel wären Labsale, nach denen meine Seele schmachtet. Adieu! Ich sehe dieses Elendes kein Ende als das Grab.