SCRIPTURA

Alfred Kubin · Die andere Seite · 1 of 30

Erster Teil · Der Ruf · Erstes Kapitel – Der Besuch · 1 of 3

I

Unter meinen Jugendbekannten war ein sonderbarer Mensch, dessen Geschichte wohl wert ist, der Vergessenheit entrissen zu werden. Ich habe mein möglichstes getan, um wenigstens einen Teil der seltsamen Vorkommnisse, die sich an den Namen Claus Patera knüpfen, wahrheitsgetreu, wie es sich für einen Augenzeugen gehört, zu schildern.

Dabei ist mir etwas Eigentümliches passiert: während ich gewissenhaft meine Erlebnisse niederschrieb, ist mir unmerklich die Schilderung einiger Szenen untergelaufen, denen ich unmöglich beigewohnt und die ich von keinem Menschen erfahren haben kann. Man wird hören, welcherlei seltsame Phänomene der Einbildungskraft die Nähe Pateras in einem ganzen Gemeinwesen hervorbrachte. Diesem Einfluss muss ich meine rätselhafte Hellsichtigkeit zuschreiben. Wer eine Erklärung sucht, halte sich an die Werke unserer so geistvollen Seelenforscher.

Ich lernte Patera vor sechzig Jahren in Salzburg kennen, als wir beide in das dortige Gymnasium eintraten. Er war damals ein ziemlich kleiner, doch breitschultriger Bursche, bei dem höchstens der schöngelockte Kopf antiken Zuschnittes auffallen konnte. Mein Gott, wir waren damals wilde, lümmelhafte Buben, was gaben wir viel auf Äusserlichkeiten? Trotzdem muss ich erwähnen, dass mir heute noch, als betagtem Mann, recht gut die etwas vorstehenden, übergrossen Augen von hellgrauer Farbe im Gedächtnis geblieben sind. Aber wer dachte denn in jenen Zeiten an das „Später“?

Nach drei Jahren vertauschte ich das Gymnasium mit einer anderen Lehranstalt, der Verkehr mit meinen ehemaligen Kameraden wurde immer spärlicher, bis ich schliesslich von Salzburg fort in eine andere Stadt kam und für viele Jahre alles, was mir dort bekannt war, aus den Augen verlor.

Die Zeit floss dahin und mit ihr meine Jugend, ich hatte so manches Bunte erlebt, war nun schon ein Dreissiger, verheiratet und schlug mich als Zeichner und Illustrator schlecht und recht durchs Leben.

II

Da —, es war in München, wo wir damals wohnten, — wurde mir an einem nebligen Novembernachmittag der Besuch eines Unbekannten gemeldet.

„Eintreten!“

Der Besucher war — soweit ich im Dämmerlichte unterscheiden konnte — ein Mann von Durchschnittsäusserem, der sich hastig vorstellte:

„Franz Gautsch; bitte, kann ich Sie eine halbe Stunde sprechen?“

Ich bejahte, bot dem Herrn einen Stuhl an und liess Licht und Tee bringen.

„Womit kann ich dienen?“ und meine anfängliche Gleichgültigkeit wandelte sich erst in Neugier, dann in Erstaunen, als der Fremde ungefähr nachfolgendes erzählte:

„Ich werde Ihnen einige Vorschläge machen. Ich spreche nicht für mich, sondern im Namen eines Mannes, den Sie vielleicht vergessen haben, der sich Ihrer aber noch gut erinnert. Dieser Mann ist im Besitze von für europäische Begriffe unerhörten Reichtümern. Ich spreche von Claus Patera, Ihrem ehemaligen Schulkameraden. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht! Durch einen eigentümlichen Zufall kam Patera zu dem vielleicht grössten Vermögen der Welt. Ihr einstiger Freund ging nun an die Verwirklichung einer Idee, welche allerdings eine gewisse Unerschöpflichkeit der materiellen Mittel zur Voraussetzung hat. — Ein Traumreich sollte gegründet werden! — Der Fall ist kompliziert; ich werde mich kurz fassen.

Zunächst wurde ein geeignetes Areal von 3000 Quadratkilometern erworben. Ein Drittel dieses Landes ist stark gebirgig, den Rest bilden eine Ebene und Hügelgelände. Grosse Wälder, ein See und ein Fluss, teilen und beleben dieses kleine Reich. Eine Stadt wurde angelegt, Dörfer, Meierhöfe; dazu war sofort ein Bedürfnis vorhanden, denn schon die Anfangsbevölkerung bezifferte sich auf 12 000 Seelen. Jetzt zählt das Traumreich 65 000 Einwohner.“

Der fremde Herr machte eine kleine Pause und nahm einen Schluck Tee. Ich war ganz still und sagte nur ziemlich betreten:

„Weiter!“

Und ich erfuhr dann folgendes:

„Patera hegt einen ausserordentlich tiefen Widerwillen gegen alles Fortschrittliche im allgemeinen. Ich sage nochmals, gegen alles Fortschrittliche, namentlich auf wissenschaftlichem Gebiete. Bitte meine Worte hier möglichst buchstäblich aufzufassen, denn in ihnen liegt der Hauptgedanke des Traumreiches. Das Reich wird durch eine Umfassungsmauer von der Umwelt abgegrenzt, und durch starke Werke gegen alle Überfälle geschützt. Ein einziges Tor ermöglicht den Ein- und Austritt und macht die schärfste Kontrolle über Personen und Güter leicht. Im Traumreiche, der Freistätte für die mit der modernen Kultur Unzufriedenen, ist für alle körperlichen Bedürfnisse gesorgt. Der Herr dieses Landes ist weit davon entfernt eine Utopie, eine Art Zukunftsstaat schaffen zu wollen. Anhaltende materielle Not ist, nebenbei erwähnt, dort ausgeschlossen. Die vornehmsten Ziele dieser Gemeinschaft sind überhaupt weniger auf Erhaltung der realen Werte, der Bevölkerung und Einzelwesen gerichtet. Nein, durchaus nicht!....... aber ich sehe Sie ungläubig lächeln, und in der Tat, es ist fast allzu schwer für mich, mit trockenen Worten das zu beschreiben, was Patera mit dem Traumreich eigentlich will.

Zunächst wäre hier zu bemerken, dass jeder Mensch, der bei uns Aufnahme findet, durch Geburt oder ein späteres Schicksal dazu prädestiniert ist. Eminent geschärfte Sinnesorgane befähigen ihre Inhaber bekanntlich zum Erfassen von Beziehungen der individuellen Welt, welche für Durchschnittswesen, abgesehen von vereinzelten Momenten, einfach nicht vorhanden sind. Und sehen Sie, gerade diese sozusagen unvorhandenen Dinge bilden die Hauptessenz unserer Bestrebungen. Im letzten und tiefsten Sinne ist es die unergründliche Weltenbasis, welche die Traumleute, — so nennen sie sich —, keinen Augenblick ausser acht lassen. Normalleben und Traumwelt sind vielleicht Gegensätze und eben diese Verschiedenheit macht eine Verständigung so schwer. Auf die Frage: Was geschieht eigentlich im Traumlande? Wie lebt man dort? müsste ich schlechterdings schweigen. Ich könnte Ihnen nur die Oberfläche schildern, aber zum Wesen des Traummenschen gehört es ja gerade, dass er in die Tiefe strebt. Alles ist auf ein möglichst durchgeistigtes Leben angelegt; Leid und Freud der Zeitgenossen sind dem Träumer fremd. Sie müssen ihm von seinem ganz anderen Wertungsmassstab aus natürlich fremd bleiben. Am ehesten dürfte noch, wenigstens vergleichsweise, der Begriff ‚Stimmung‘ den Kern unserer Sache treffen. Unsere Leute erleben nur Stimmungen, besser noch, sie leben nur in Stimmungen; alles äussere Sein, das sie sich durch möglichst ineinandergreifende Zusammenarbeit nach Wunsch gestalten, gibt gewissermassen nur den Rohstoff. Dass dieser nicht ausgeht, dafür ist selbstverständlich überreichlich gesorgt. Doch glaubt der Träumer an nichts als an den Traum, — an seinen Traum. Dieser wird bei uns gehegt und entwickelt, ihn zu stören wäre unausdenkbarer Hochverrat. Darum auch die strenge Sichtung der Personen, die eingeladen werden, an diesem Gemeinwesen teilzunehmen. Um mich kurz zu fassen und zu Ende zu kommen“ — hier legte Gautsch seine Zigarette fort und blickte mir ruhig ins Gesicht:

„Claus Patera, absoluter Herr des Traumreichs, beauftragt mich als Agenten, Ihnen die Einladung zur Übersiedelung in sein Land zu überreichen.“

Die letzten Worte sprach mein Besucher etwas lauter und sehr förmlich. Und nun schwieg dieser Mensch und auch ich war vorerst still, was jeder meiner Leser begreifen wird. Fast zwingend hatte sich mir nämlich der Gedanke aufgedrängt, einem Irrsinnigen gegenüber zu sitzen. Es war mir wahrhaftig recht schwer, meine Aufregung zu verbergen. Scheinbar spielend rückte ich die Lampe aus dem unmittelbaren Bereich meines Besuchers, zugleich entfernte ich geschickt einen Zirkel sowie ein kleines Radiermesser, — spitze, gefährliche Gegenstände —.

Die ganze Situation war entschieden äusserst peinlich. Beim Anfang der Traumgeschichte hatte ich an einen Scherz gedacht, den sich irgendein Bekannter mit mir erlauben wollte. Leider schwand dieser Hoffnungsschimmer immer mehr, und seit zehn Minuten überlegte ich krampfhaft meine Chancen. Zwar wusste ich, das beste bei Geisteskranken sei immer, auf die fixen Ideen einzugehen. Aber trotzdem! ich bin durchaus kein Riese, ich bin ein schüchterner, ein schwächlicher Mensch im Grunde! Und da sitzt dieser schwere Gautsch, mit korrekter Assessorenphysiognomie, Kneifer und blondem Spitzbart in meinem Zimmer!

So ungefähr waren damals meine Gedanken. Und sagen musste ich nun auch etwas, mein Gegenüber wartete ja darauf. Bei einem Tobsuchtsanfall konnte ich schlimmstenfalls immer noch die Lampe ausblasen und mich leise aus dem mir wohlbekannten Raume stehlen.

„Gewiss, gewiss! ich bin begeistert! ich werde nur noch mit meiner Frau Rücksprache nehmen. Morgen, Herr Gautsch, erhalten Sie dann meine Antwort.“ Ich redete so in begütigendem Tone und erhob mich. Mein Gast blieb aber ganz ruhig sitzen und sagte trocken:

„Sie missverstehen unsere gegenwärtige Lage, das finde ich begreiflich. Höchst wahrscheinlich schenken Sie mir keinen Glauben, wenn nicht gar Ihre mühsam zurückgehaltene Aufregung auf einen noch ärgeren Verdacht mir gegenüber hindeutet. Ich versichere Sie, ich bin ganz gesund, so gesund wie nur je irgendeiner. Was ich Ihnen mitteilte, ist vollster Ernst; dass es merkwürdig, wunderbar klingt, nun ja, gebe ich gerne zu. Vielleicht werden Sie ruhiger, sobald Sie sich dieses angesehen haben.“

Dabei zog er ein kleines Paket hervor und legte es vor mich auf den Tisch. Ich las meine genaue Adresse, erbrach das Siegel, und hielt ein glattes Lederetui von graugrüner Farbe in den Händen. Darin befand sich eine kleine Miniature, ein auffallend charakteristisches Brustbild eines jungen Mannes. Braune Locken umringelten ein Antlitz merkwürdig antiker Prägung; gross, überhell, gerade aus dem Bilde heraus, starrten mich die Augen an: — das war unstreitig Claus Patera!..... In den zwanzig Jahren, die wir uns nicht mehr gesehen, hatte ich kaum einmal an diesen für mich verschollenen Schulfreund gedacht. Beim Anblick seines sehr ähnlichen Porträts schrumpfte diese beträchtliche Zeitpause in meinem Geist zusammen. Vor mir tauchten die langen, gelbgestrichenen Korridore des Salzburger Gymnasiums auf, ich sah wieder den alten Schuldiener mit dem würdigen Kropf, nur mühsam verdeckt durch eine raffinierte Bartkultur. Ich sah mich wieder, mitten unter den Jungen, und mitten drin auch Claus Patera, geschändet durch einen steifen Filzhut, ein Zwangskleidungsstück, dem verworrenen Geschmack seiner Ziehtante entsprungen.

„Woher haben Sie dieses Bild?“ rief ich, unwillkürlich von froher, neugieriger Stimmung gepackt.

„Ich sagte es Ihnen doch!“ antwortete mir mein Gegenüber. „Und Ihre Furcht scheint auch geschwunden zu sein“, fuhr er mit einem gutmütigen, harmlosen Lächeln fort.

„Aber das ist ja ein Unsinn, ein Scherz, ein Schwindel!“ kam es mit Lachen aus mir hervor. Herr Gautsch erschien mir nämlich in diesem Moment als ein durchaus normaler und ehrbarer Mensch. Eben rührte er bedächtig in seiner Teetasse. Sicher steckte irgendein Witz hinter dieser Sache, später wollte ich das schon aufklären! Meine Einbildungskraft hatte mir natürlich da wieder einen netten Streich gespielt! Wie konnte man auch so schnell einen braven Mann für verrückt halten, nur wegen einer solchen Geschichte? Früher hätte ich so etwas mit gleichwertigem Humor pariert. Du lieber Gott, man wird also älter! Ich war völlig heiter und aufgeräumt geworden.

„An das Bild glauben Sie aber wohl?“ sprach Gautsch. „Ihr Freund, den es darstellt, hatte die verschiedensten Schicksale. Er machte nur einige Klassen der Lateinschule in Salzburg durch; mit vierzehn Jahren entlief er seiner Ziehtante und trieb sich in Gesellschaft von Zigeunern in Ungarn und am Balkan herum. Zwei Jahre später gelangte er nach Hamburg — damals war er Tierbändiger — vertauschte diesen Beruf jedoch gegen den eines Seemannes, und liess sich als Schiffsjunge von einem kleinen Kauffahrer heuern. So gelangte er schliesslich nach China. Das Schiff lag mit vielen anderen in Kanton; man brachte Hirse und Reis, um einer drohenden Teuerung zuvorzukommen. Nach gelöschter Ladung musste das Fahrzeug noch einige Tage im Hafen bleiben, weil für Europa bestimmte Güter — menschliches Haar und eine neue Art feiner Porzellanerde — noch nicht versandbereit waren.

Diese Mussezeiten benützte Patera zu häufigen Ausflügen in das Land. Bei einer solchen Gelegenheit rettete er eine vornehme Chinesin, eine ältere Dame, vor dem Tode des Ertrinkens. Im Überschwemmungsschlamm ausgeglitten, hätte die alte Frau in einem Seitenkanal des Kantonflusses bestimmt ihr Ende gefunden. Anwesende Zopfträger — sie können fast nie schwimmen — rangen zwar die Hände und schrien, wagten sich aber doch nicht in die braunen, trüben Fluten. Ihr zufällig vorübergehender Freund — ein Meister im Tauchen — sprang kurz entschlossen ins Wasser, und nach hartem Kampfe mit den Wellen schleppte er die Bewusstlose ans Land. Die Frau wurde ins Leben zurückgerufen. Sie war die Gattin eines der reichsten Männer der Erde. Dieser, ein gebrechlicher Greis, den man in einer Sänfte rasch herbeigetragen hatte, umarmte wortlos den jugendlichen Retter. Patera wurde in ein grosses Landhaus geführt. Welche Verhandlungen dort gepflogen worden sind, wissen wir nicht. Kurz Hi-Yöng, der selbst ohne Nachkommen war, nahm den armen Schiffsjungen an Sohnes Statt an und behielt ihn gleich bei sich im Hause. Nach weiteren drei Jahren, von denen wir nur wissen, dass Reisen in die unbekannten, inneren Teile Asiens unternommen wurden, sehen wir Patera um seine Adoptiveltern trauern: Hi-Yöng und seine Frau waren am gleichen Tage gestorben. Der Erbe befand sich nun im Alleinbesitze von unermesslichen, fabelhaften Schätzen.“

„Und jetzt kommt wohl das Traumreich an die Reihe,“ warf ich immer noch belustigt ein; „die Idee ist entschieden neu; wenn Sie erlauben, so gebe ich sie einem literarischen Freunde, daraus liesse sich sicher etwas ganz Hübsches machen. — Darf ich bitten?“ Und ich offerierte dem Fremden eine Zigarette. Mein Gast dankte, seufzte ein wenig geschäftsmässig auf und bemerkte alsdann in vollkommen ruhigem, klarem Tone:

„Wie schon gesagt, es leuchtet mir wohl ein, dass Sie mich für irgendeinen Aufschneider oder Märchenerzähler halten. Aber schliesslich bin ich nicht gekommen, um Sie von der Tatsache des Traumstaates zu überzeugen, sondern um Sie im Namen eines höheren Auftraggebers einzuladen. Ich habe meine Mission vorläufig erfüllt. Wenn Sie meinen Darlegungen schon absolut keinen Glauben schenken wollen, kann ich heute auch nichts dagegen machen. Auf jeden Fall bitte ich, mir eine Bestätigung über den richtigen Empfang des Bildes zu geben. Es ist sehr möglich, dass ich in allernächster Zeit für Sie weitere Aufträge zu entrichten haben werde.“

Gautsch erhob sich mit einer leichten Verbeugung. Ich muss bekennen, er erschien mir so in seiner Einfachheit durchaus nicht wie ein Schwindler. Und das Etui hielt ich ja in den Händen. Beim nochmaligen Öffnen fühlte ich eine vorher übersehene Lederklappe, darunter standen auf einem Kartonblatt in Tinte die Worte: — Wenn du willst, so komme —!

Und abermals durchzuckte mich ganz leise und traumhaft ein Bild aus längst entschwundener Vergangenheit. So, so auseinanderstrebend, zerfahren und gleichsam unbeholfen, zu gross, so, genau so war doch die Schrift meines alten Schulkameraden gewesen — „desperat“ nannte sie einmal ein Lehrer. Gewiss waren diese fünf Worte in festeren Zügen hingesetzt, doch der Schreiber war offenbar derselbe. Ein seltsames Unbehagen erfasste mich jetzt, — eiskalt starrte dieses schöne Gesicht mich an. In diesen Augen konnte man sich verfangen, es war etwas Katzenhaftes darin. — — — Meine vorherige Lustigkeit war dahin, fremd und unklar war mir zumute. Gautsch stand noch da und wartete, er musste wohl meine innere Erregung bemerkt haben, denn er beobachtete mich aufmerksam.

Wir schwiegen noch immer.

III

Im Grunde kann kein Mensch über sein Temperament hinweg, es wird immer seine Lebensäusserungen bestimmen. Bei dem meinigen, einem ausgesprochen melancholischen, lagen Lust und Unlust ganz nahe bei einander. Seit jeher unterlag ich unvermittelt meist den stärksten Gefühlsschwankungen. Aus dieser eigentümlichen nervösen Anlage, einem Erbteil meiner Mutter, schöpfte ich die grösste Lust, aber auch die bitterste Qual. Diesen Überschwang an Empfindungen erwähne ich jetzt schon, das wird dem Leser mein Verhalten in manchen späteren Lebenslagen verständlicher erscheinen lassen.

Ich musste zugeben, dass Gautsch mir jetzt als ganz vertrauenerweckender Mensch vorkam. Es stand für mich fest, dass er mit Patera in irgendwelchen Beziehungen stehen müsse, und augenscheinlich war an dem Traumreich etwas Wahres. Vielleicht habe ich alles falsch aufgefasst, zu wörtlich genommen? Die Welt ist gross und es ist auch mir schon viel Kurioses vorgekommen. — Patera ist jedenfalls sehr reich, wahrscheinlich handelt es sich hier um irgendeinen Spleen, eine kostspielig und grosszügig betriebene Liebhaberei. Für mich als Künstler war so etwas immer sehr plausibel. In plötzlicher Aufwallung streckte ich Gautsch meine Hand entgegen:

„Verzeihen Sie mir bitte mein sonderbares Benehmen, aber mir wird jetzt vieles begreiflicher. Ihre Erzählung interessiert mich aufs lebhafteste. — Bitte, berichten Sie mir mehr von meinem alten Schulfreund.“ Dabei schob ich ihm wieder seinen Stuhl zu.

Mein Gast setzte sich und sagte sehr höflich: „Gewiss, ich werde meine Angaben von vorhin vervollständigen und Ihnen mehr vom Traumstaate und seinem geheimnisvollen Herrn erzählen.“

„Ich bin gespannt!“

„Vor zwölf Jahren weilte mein jetziger Herr in dem weitläufigen Tien-schan oder Himmelsgebirge, welches zu dem chinesischen Zentralasien gehört. Er oblag dort hauptsächlich der Jagd auf die äusserst seltenen Tiere, die nur in jenen Gegenden noch vorkommen. Er wollte unter anderm einen persischen Tiger erlegen, und zwar sollte es ein Exemplar einer kleineren, ganz besonders langhaarigen Art sein. Nachdem sich wirklich Spuren gefunden, machte er sich eines Abends zur Verfolgung auf. Unter Mithilfe des begleitenden Burjäten gelang es bald, das Tier aufzustöbern. Ehe man aber imstande war, auch nur einen Schuss abzugeben, stürzte sich die gestörte Bestie auf die beiden Angreifer. Der Asiate wich rechtzeitig zurück, Patera wurde niedergeworfen. Da gelang es dem Begleiter noch glücklich, die Gefahr abzuwenden. Mit einem Kopfschuss aus nächster Nähe tötete er das Tier. Patera kam mit einer zerfleischten Hand davon. Die Wunde verursachte einen längeren Aufenthalt in dieser Gegend. Sie wollte nämlich erst heilen, als ein alter Mann, Häuptling eines merkwürdigen, blauäugigen Stammes, seine Kunst an ihr versuchte. Dieser kleine Volksstamm — er zählte nur etwa hundert Mitglieder — zeichnete sich auch durch eine bedeutend hellere Hautfarbe aus. Eingesprengt zwischen eine rein mongolische Bevölkerung — die Ausläufer der grossen Kirgisenhorde — lebte er gänzlich abgeschlossen und vermischte sich auch nicht mit den Nachbarvölkern. — Seltsame, geheimnisvolle Gebräuche sollen schon damals bei ihnen geherrscht haben, — aber leider kann ich Ihnen darüber gar nichts mitteilen. — Jedenfalls steht es fest, dass Patera bei ihnen Einlass fand, und sich für sie interessierte; denn, als er unter Hinterlassung reicher Geschenke wieder fortreiste, geschah das mit dem Versprechen, bald, sehr bald wieder zu kommen. Die Häuptlinge begleiteten ihn eine grosse Strecke, und man sagt, der Abschied sei sehr feierlich gewesen. Unser Herr war tief ergriffen davon. Nach neun Monaten kehrte er für immer in die Gegend zurück. In seinem Gefolge befand sich ein hoher Mandarin, sowie ein ganzer Trupp Ingenieure und Geometer. Man schlug ein grosses Lager in der Nähe der blauäugigen Freunde des Meisters auf. Diese äusserten die grösste Freude, als sie ihn wiedersahen. Ein mir bekannter Ingenieur, welcher heute noch im Traumreiche lebt, schilderte mir einmal diese Begebenheiten. Man war sehr tätig und das Resultat dieser Anstalten war das Abgrenzen und der Kauf eines grossen Landkomplexes. Es waren einige tausend Quadratmeilen, worauf das Traumreich errichtet wurde. Das übrige ist rasch erzählt. Ein ganzes Heer Kuli arbeitete unter verständiger Leitung Tag und Nacht. Der Meister trieb fortwährend zur Eile. Zwei Monate nach seiner Ankunft kamen bereits die ersten Häuser aus Europa, alle von beträchtlichem Alter und verwohnt. Geistvoll in einzelne Stücke zerlegt, wurden sie sogleich zusammengesetzt, und auf die bereits vorher errichteten Fundamente gestellt. Natürlich gab es oft Kopfschütteln beim Anblick dieser schmutzigen und verräucherten alten Wände. Das Gold floss aber in Strömen und alles geschah dem Willen des Herrn gemäss. — Alles klappte. — Ein Jahr darauf muss Perle, die Residenzstadt des Reiches, schon fast so ausgesehen haben wie heute. Alle ehemals ansässigen Stämme zogen mit den Arbeitern ab, die Blauäugigen blieben.“

Gautsch machte eine Pause.