SCRIPTURA

Alfred Kubin · Die andere Seite · 2 of 30

Erster Teil · Der Ruf · Erstes Kapitel – Der Besuch · 2 of 3

„Aber ich begreife noch immer nicht“, warf ich da ein. „Nach welchem System kauft Patera die Häuser?“

„Ja, das weiss ich selbst nicht“, fuhr er fort. „Es sind sämtlich ältere Objekte; manche sind sogar baufällig und für jeden anderen wertlos, andere wieder massiv und gut erhalten. Sie standen früher verstreut über ganz Europa. Diese Stein- und Holzgebäude, aus allen Himmelsgegenden zusammengesucht — der Meister bezeichnete jedes einzelne — müssen für ihn wohl einen ganz besonderen Wert haben, sonst hätte er in diese Gründung schwerlich viele Millionen stecken können.“

„Um des Himmels willen, wieviel besitzt denn dieser Mensch?“ rief ich erschrocken.

„Ja, wer das wüsste?“ klang da die schwermütige Antwort. „Ich stehe zehn Jahre in seinem Dienst, und zahlte sicher annähernd 200 Millionen für Kaufsummen, Entschädigungen, Transportspesen und sonstige Dinge aus. Agenten wie ich, leben aber in allen Teilen der Welt. Man kann sich keine, auch nur halbwegs richtige Vorstellung von dem Reichtum Pateras machen.“ Ich stöhnte.

„Mein Herr, ich glaube Ihnen, aber verstehe nichts. Das klingt alles so rätselhaft! Nun erzählen Sie, erzählen Sie! Wie lebt man dort?“

„Ich werde versuchen, Ihnen manches zu erklären, — alles zu sagen wäre unmöglich, dazu mangelt die Zeit. Ausserdem lebe ich ja nicht ständig im Staate, sondern nur gelegentlich. Bitte über was wollen Sie orientiert werden?“

Ich interessierte mich natürlich für ästhetische Fragen. Gautsch erzählte mir nun das, was er über die Beziehungen zur Kunst im Traumreiche wusste.

„Besondere Museen, Bildergalerien etc. haben wir nicht. Wertvolle Kunstwerke werden nicht aufgestapelt, aber im einzelnen werden Sie gar manches aussergewöhnliche Stück erblicken. Es ist alles verteilt, sozusagen im Gebrauch. Ich erinnere mich übrigens keines Falles, dass ein Gemälde, eine Bronze, oder sonst ein Kunstgegenstand neueren Ursprungs angekauft worden wäre. Die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bildeten die äusserste Grenze. Bemerken will ich Ihnen beiläufig, dass ich selbst vor einigen Jahren eine Kiste guter Holländer — darunter auch zwei Rembrandts — hinuntersandte. Sie müssen also noch dort sein. Patera ist mehr Altertumssammler im allgemeinen als Kunstsammler, das allerdings im grössten Stile. Wie Sie wissen, erwirbt er ja sogar ausgedehnte Baulichkeiten. Aber noch weit mehr! — Mit einem mir unbegreiflichen Gedächtnis ausgestattet, erinnert er sich fast aller Gegenstände in seinem Reich. In seinem Auftrage werden sie von uns Agenten zusammengekauft. Wir erhalten oft Verzeichnisse der gewünschten Sachen mit genauesten Angaben aller äusseren Details, ausserdem wo und bei wem diese Dinge sich befinden. Die oft mit den höchsten Preisen bezahlten Waren wandern dann sorgfältig verpackt nach Perle. Das gibt viel Arbeit!“, meinte er. „Es ist mir selbst oft unerfindlich, woher unser Herr seine exorbitanten Kenntnisse in diesen Dingen nimmt. Trotzdem ich viele Jahre schon in seinem Dienste stehe und an alles mögliche gewöhnt sein könnte, staune ich immer wieder. Wertvolles und offenbar alter Schund werden da mit derselben Hartnäckigkeit verlangt. Wie manches Mal musste ich in Bürgerfamilien oder bei in der Einsamkeit hausenden Gebirgsbewohnern nach irgendeinem alten Schmarrn Keller und Speicher durchwühlen. Die Leute wussten oft selbst gar nicht, dass sie diese Dinge, einen zerbrochenen Stuhl, ein altes Feuerzeug, ein Pfeifengestell, eine Eieruhr oder irgend so etwas überhaupt besassen. Manches Mal, wenn der Gegenstand gar zu unscheinbar war, schenkte man ihn mir lachend. Öfters hatte ich aber einen schweren Stand, indem die Leute behaupteten, sie hätten das Gesuchte nicht. Hinterher fand sich’s dann. Schlaue Bauern machten dabei meist ihren Schnitt. Ja, ich habe viel zu tun. Erst vorige Woche wurde von mir ein Posten alter Klaviere versandt. Es waren sehr hergenommene darunter.“

„Ach, ich liebe ja den alten Kram so —“, warf ich hier ein.

„Jawohl, Sie würden sich sicher sehr wohl und ruhig dabei fühlen. — Es ist alles da, was man braucht, gutes Essen, nicht zu vergleichen mit dem schändlichen Zeug, das dem Reisenden sonst im Orient vorgesetzt wird; man wohnt behaglich und anregende Gesellschaft finden Sie überall. Sogar ein hübsches Kaffeehaus steht Ihnen zur Verfügung. Was wollen Sie mehr?“

„Sie haben recht,“ rief ich warm, „es geht nichts über ein geordnetes einfaches Leben. Aber die Leute, das Volk? Wen trifft man drüben?“ Der Agent räusperte sich, seine Augengläser blinkten und er fuhr fort:

„Es ist wahr, ich habe mit Ihnen noch nicht von den Menschen gesprochen. Nun, gerade wie überall, es gibt reizende Personen unter ihnen!“

„Zum Beispiel?“

„Also da wäre erstens ein gebildeter, solider Bürgerstand, dann die zahlreiche Beamtenschaft. — Auch das Militär ist nett und kommt in Betracht — — — Offiziere sieht man häufig. — — Ferner, nicht zu vergessen, eine grosse Anzahl origineller Privatgelehrter, und endlich die ganze Reihe nicht bestimmt definierbarer Existenzen — Artisten, freie Künstler usw., wie überall .....“

„Und vor allen Dingen mein Freund, der Herr selbst?“ unterbrach ich.

„Den werden Sie wohl nicht so oft treffen. Patera ist zu viel beschäftigt, überladen mit Arbeit. Bedenken Sie, die Verantwortung! — Es sind natürlich alles Menschen, welche in das Ganze hineinpassen“, sprach er rasch weiter. „Sie wurden, so viel ich weiss, erwählt, weil gewisse Ihrer Zeichnungen einigen Eindruck auf den Meister gemacht haben. Sie sehen, Sie sind dort nicht ganz unbekannt ...... Um die Art, den Stil der Lebensführung möglichst rein zu bewahren, ist der erwähnte strenge Abschluss von der Aussenwelt nötig. Des Meisters feine Politik gipfelt in der Durchführung. Es gelang tatsächlich bisher, das Nichthineingehörige von dem Lande fernzuhalten.“

Begeistert pflichtete ich diesen Ideen bei, innerlich bereits entschlossen, der Einladung zu folgen. Erwartete ich doch schon eine reiche künstlerische Ausbeute des Abenteuers.

Ein so schwächliches, zweifelhaftes Ding ist des Menschen Herz! Hätte ich damals, als der Gedanke dieser Zusage in mir keimte, auch nur ein wenig geahnt, welche Schicksale mir daraus erwachsen würden, so wäre ich der Aufforderung nicht gefolgt und wäre wahrscheinlich heute ein anderer Mensch.

IV

An dieser Stelle muss ich einflechten, dass ich in jenem Jahre der Erfüllung eines heissen Lebenswunsches sehr nahe stand. Es war eine Reise nach Ägypten und Indien, welche bislang aus materiellen Gründen unterblieben war. Meine Frau hatte nun gerade eine kleine Erbschaft gemacht, das Geld sollte zu dieser Reise verwendet werden. — Doch es kam, wie immer im Leben, anders, als wir es uns dachten. — Als ich Gautsch diese Pläne erzählte, sprach er sogleich meinen Gedanken aus:

„Sie vertauschen einfach das Reiseprojekt. Anstatt nach Indien, fahren Sie in das Traumreich.“

„Aber meine Frau? Ohne sie mag ich nicht reisen!“

„Es ist meine Instruktion, auch sie mit einzuladen. Wenn ich das vorhin nicht erwähnt habe, so hole ich es nach.“

Jetzt gab es nur noch einige Bedenken: Der etwas kränklichen Konstitution meiner Frau konnten wirklich ernstliche Reisestrapazen nicht zugemutet werden.

„Aber ich bitte Sie,“ beruhigte mich momentan der Agent, „der allgemeine Gesundheitszustand bei uns ist ein ausgezeichneter ...... Perle liegt auf dem gleichen Breitegrad wie München, aber das Klima ist derartig mild, dass sich selbst die nervösesten Menschen in kurzer Zeit ausserordentlich wohl fühlen. Gehörte doch ein grosser Teil der Traumleute früher zu den ständigen Gästen der Sanatorien und Heilanstalten.“

„Das ist etwas anderes, dann schlage ich ein“, und freudig schüttelte ich Gautsch die Hand.

„Und was die Reisekosten betrifft“ — er warf einen raschen Blick durch das Zimmer und bemerkte zuvorkommend —: „ein kleiner Zuschuss wäre Ihnen vielleicht nicht unangenehm?“

Scherzhaft lachend sagte ich:

„Nun, wenn Sie mir tausend Mark dazu geben wollen, warum nicht?“

Da zuckte der Agent nur die Achseln, zog sein Scheckbuch heraus, schrieb hastig ein paar Worte, und überreichte mir das Blatt:

Es war ein Scheck der Reichsbank über 100 000 Mark.

V

Hört man von einer Sache erzählen, welche wunderbar ist und vom Alltäglichen weit abliegt, so bleibt immer ein ungelöster Zweifel in uns. Und das ist recht gut. Wäre man doch sonst ein Belustigungsobjekt für jeden guten Erzähler oder den nächstbesten Betrüger. So aber wirkt eine Tatsache weit stärker als eine Mitteilung. Das war hier der Fall. Gautsch hatte ja gewissermassen schon mein Vertrauen. Aber als ich diese grosse Summe — für mich ein schönes Vermögen — sah und in der Hand hielt, war mir doch seltsam zumute. Ein Zittern durchlief mich, und mit Tränen in den Augen sagte ich:

„Verehrter Herr, entschuldigen Sie, aber es kommt mir schwer an, die richtigen Worte für meinen Dank zu finden. Nicht für dieses viele Geld da! — Ach, nein! — Aber sehen Sie, wenn man das Märchen sein ganzes Leben lang erstrebt und es kommt dann plötzlich zu einem, so ist dieser Augenblick gross und schön. Das habe ich heute durch Ihre Güte erlebt, haben Sie Dank dafür!“

So oder ähnlich drückte ich mich damals in hoher Erregung aus. Gautsch — wie mir schien ebenfalls sehr ernst geworden — entgegnete zartfühlend:

„Mein Herr, ich tue nur meine Pflicht. Wenn ich Ihnen damit Freude mache, dann ist es mir sehr angenehm. Dank schulden Sie mir darum nicht, es ist ein Höherer, für den ich handle. Ich kann Ihnen nur noch raten, über die Dinge, welche Sie heute erfahren haben, zu schweigen. Sprechen Sie mit niemand darüber, Ihre Frau selbstverständlich ausgenommen. Ich kann allerdings nicht wissen, was die Folge einer Verletzung der bei uns eingeführten Regel sein würde. Aber Pateras Macht ist gross, und er will, dass das Traumreich ein Geheimnis bleibe.“

„Da war es aber vielleicht recht unvorsichtig von Ihnen, mir so viel von der Sache zu erzählen? Sie konnten doch unmöglich wissen, wie ich mich dazu stellen würde“, bemerkte ich überschlau.

„Ganz so war es doch nicht, mein Herr, ich wusste, dass Sie kommen würden!“

Damit drückte er mir die Hand, und wandte sich zur Tür:

„Es ist schon spät geworden. Ich komme morgen wieder um diese Zeit, um Ihnen alle Angaben bezüglich der Reise zu machen. Also reden Sie mit Ihrer Gattin und empfehlen Sie mich ihr. Gute Nacht!“

Er war gegangen.

Die zehn Minuten, bis meine Frau von ihren Besorgungen heimkam, erschienen mir endlos. — Ich musste mich aussprechen — über das Unerhörte reden können — brauchte einen Menschen —

....... Jetzt war sie da .......

Der Spass einer Überraschung fiel natürlich ins Wasser, denn meine Frau las mir die Aufregung vom Gesicht. Bei meinen erstaunlichen Mitteilungen horchte sie wohl auf, konnte sich aber doch nicht der spöttischen Frage enthalten:

„Bist du bei Trost?“