Teilnehmend und nachdenklich hörte mich mein Nachbar an. Er schüttelte ein wenig den Kopf und neigte sich zu mir:
„Lieber, junger Freund, grübeln Sie nicht unnötig, sträuben Sie sich niemals gegen Ihre innere Stimme. Gewiss, Sie haben recht. Hier gibt es überall Geheimnisse, aber sie sind unerklärlich. Der zu Neugierige verbrennt sich am ehesten die Finger. Trösten Sie sich mit der Arbeit, arbeiten kann man in Perle vortrefflich. Auch mir ging es früher ähnlich wie Ihnen. Vor Ihnen sitzt ein alter Naturfreund, und so werden Sie mir gewiss glauben, dass ich viel unter dem Unnatürlichen dieses Bodens litt. Aber man findet sich schon mit der Zeit zurecht; ich lebe fast dreizehn Jahre hier, habe mich angepasst und finde viel Interessantes. Nur bescheiden muss man sich, auch das Kleinste kann Freuden bescheren. Ich zum Beispiel sammle Läuse, Staubläuse.“ Seine Augen leuchteten auf und lebhaft, mit geheimnisvollem Lächeln, sprach er weiter: „Ich bin einer neuen Art auf der Spur. Ja, das Archiv enthält Wunder, von denen nur die wenigsten etwas ahnen. Das Amtszimmer No. 69 ist jetzt mein Jagdgebiet. Exzellenz stellten es mir huldvollst zur Verfügung, dort liegen meine Hoffnungen! — Aber jetzt muss ich gehen.“
Nachdem er diese Worte gesprochen, zog er ein altes, grünes Futteral aus der Tasche, entnahm ihm eine Hornbrille und setzte sie auf. Bevor er ging, machte er eine altmodische Verbeugung und stellte sich vor: „Professor Korntheur, Zoologe.“
Ich blickte ihm voll Sympathie nach. Seine originelle Haltung, das volle, schneeweisse Haar mit dem einnehmenden, noch jugendlichen Idealismus verratenden Gesicht, die sorgfältige Sauberkeit der Kleidung bis zu den grauen Gamaschen und Überschuhen hinab, mit einem Wort, sein ganzes Wesen gefiel mir.
Aber ich war zerrissen von den Aufregungen des heutigen Tages. Mit einem dumpfen Druck stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung empor.
Meine Frau lag gänzlich ermattet auf dem Divan, — ich hatte es nicht anders erwartet. Sie sagte nichts, mir zuliebe nahm sie sich zusammen; auch ich schwieg rücksichtsvoll, denn lügen mochte ich nicht.
Ruhelos wälzte ich mich im Bette. Immer vermeinte ich einen tosenden Schall zu hören und ein stieres, aufgerissenes Auge zu sehen. Fast ausschliesslich beschäftigten mich die Mitteilungen des Professors. Also ein Bann — und der Klaps —? Ich grübelte über den Sinn dieser Worte. — Ach ja, Aussergewöhnliches fiel mir genug hier auf; erst neulich sah ich hinter einem Hause einige Burschen, die mit Klappern und Trommeln lärmten. Auf mein Befragen bekam ich zur Antwort: Wir machen Nebengeräusche! — Von jetzt ab ärgerte mich der Blödsinn, ich fand das Narrenhaus in allem. Anfangs war es neuartig gewesen, wir hatten am Fenster gelegen und auf die burlesken Vorgänge da unten gelauert. Seit den letzten Monaten aber gab es kein Lachen mehr in unserm Heim. Mit meiner Frau ging es langsam und stetig bergab. Zu gleicher Zeit nahmen die unheimlichen Vorkommnisse zu. Ich durfte meiner Lebensgefährtin nicht mehr alles sagen, wollte ich sie nicht in unmittelbare Gefahr versetzen. So verschloss ich meine Sorgen in mir, und fühlte mich einsam und dauernd verstimmt. Wohin sollte das noch führen? Ich ging ja selbst zugrunde! —
V
Einige Tage später ging ich auf der Strasse. Neujahr stand vor der Tür, doch das bedeutete in diesem winterlosen Lande nicht viel. Ich schlich die wohlbekannten Häuserreihen entlang; man gewöhnte sich hier in Perle einen eigenen Gang an: leise, schwankend, unsicher, jeden Moment auf ein Missgeschick gefasst. Ein paar einsame Strassenlaternen zeigten mir den Weg. Eine echte Traumlandsbeleuchtung! Aus der allgemeinen Dämmerung, die alles verwischte und riesenhaft vergrösserte, sprangen unnatürlich körperliche Details: Ein Pfosten, ein Ladenschild, ein Gatter.
Ich kam aus dem alten, gotischen Nonnenkloster, dessen einer Trakt ein Kinderspital barg. Dort hatte ich zwei Flaschen stärkenden Medizinalwein für meine Kranke geholt. Als ich an der eingebauten Kirche vorbeikam, bemerkte ich im Schatten des Portals ein schwarzes Bündel. Ich hörte ein paar undeutliche Worte und ein nackter Armstumpf reckte sich bittend empor. Gleichgültig warf ich ein paar Münzen in die dunkle Ecke, blieb aber schon im nächsten Augenblick wie festgewurzelt stehen. Was war das für ein seltsames altes Frauengesicht in diesen schmutzigen Lumpen? Das musste ich mir ansehen, ein geheimer Zwang gebot es. Widerwillig und voll Ekel beugte ich mich zu der Bettlerin. Es war nicht der stinkende Atem oder der zahnlose Mund, welcher mich festhielt, sondern ein scheussliches, helles Augenpaar; wie die Zähne einer Viper bohrte es sich in mein Hirn. Halb tot und geschüttelt kam ich zu Hause an. War das Wirklichkeit oder die Angstgeburt einer überreizten Phantasie? Es war mir, als hätte ich ins Bodenlose geblickt.
Solche Zufälle gingen über meine Nervenkraft. Ich nahm mir fest vor, andern Tags zu Patera zu gehen. Ich wollte mir nötigenfalls Einlass erzwingen, schreien! Er war mein Freund, er hatte mich eingeladen, an ihm lag es, ob wir zugrunde gehen sollten oder nicht! Die kopflosen Traumstädter hatten gewiss eine falsche Vorstellung von ihm. Warum waren sie so scheu und gedrückt und wichen aus, wenn ich von dem Herrn sprach? Das hatte mein Freund nicht verdient.
Über dem heutigen Tag lag ein besonderer Unstern. Meine Frau stöhnte vor Kopfschmerzen, ich machte ihr noch einige kalte Umschläge und warf mich dann erschöpft aufs Lager. Da — es mochte ein Uhr nachts gewesen sein, ertönte ein Läuten und Klopfen an unserer Wohnungstür. Ärgerlich dachte ich: „Der Saufbruder von nebenan!“ Bald hörte ich ihn auch meinen Namen gröhlen, gleich mehrere Male hintereinander. Ich war wütend über diese Rücksichtslosigkeit, sprang auf, schlüpfte in meinen Schlafrock und nahm den Spazierstock aus der Zimmerecke. Jetzt wollte ich es dem Burschen einmal gehörig einbleuen! Ich öffnete die Flurtür, da stand er richtig und blies mir seinen Bierdunst ins Gesicht. Ob ich nicht noch ein paar Zigarren habe, — leihweise — ich sollte ihm doch die Ehre meines Besuches geben, — auch die Frau sei eingeladen, — er wolle Grog machen.
Ich konnte mich vor Zorn kaum mehr halten. „Sie Unverschämter, verschonen Sie andere Leute mit Ihren Lausbübereien. Machen Sie, dass Sie hier fortkommen, sonst werfe ich Sie die Stiege hinab, Frechling!“ Ich schrie was ich konnte, in mir kochte alles. Mit stierem, betrunkenem Lachen stotterte er:
„Na, na, komm nur rüber!“ Dabei fasste er mich am Arm und wollte mich zu sich zerren. Ich verlor die Selbstbeherrschung. Blitzschnell erhielt er einen Tritt vor den Bauch, dass er auf den Boden kollerte. Was erdreistete sich dieser Mensch? In mir wälzte ein Gedanke den andern.
„Jetzt beschwere ich mich aber, das duldet keinen Aufschub, ich werde mir selbst Gerechtigkeit verschaffen. Ich halte es nicht länger aus in diesem verwünschten Nest!“ Man verstehe meine Lage: seit Wochen den grässlichsten Eindrücken preisgegeben, die kranke Frau, welche mir Sorgen machte, das Geld verschwunden, — überall sah ich nur Feinde und Hohn. Ein wilder Hass gegen das ganze Traumland raubte mir die Besinnung und zitternd vor Aufregung sprang ich so wie ich war die Stufen hinunter und lief spornstreichs zum Palast. Genugtuung wollte ich verlangen für die Schmach, die ich fortwährend zu erdulden vermeinte, und wenn ich Patera aus dem Bette holen müsste, es sollte geschehen. So rannte ich die Lange Gasse hinauf dem Platz zu. Ein dicker Nebel war eingefallen, die Gasflammen erschienen als gelbe leuchtende Flecken, ich sah keinen einzigen Passanten, nur das nasse, schmutzige Pflaster. Halb rasend lief ich dahin, einzig damit beschäftigt, wie ich Patera alle diese Gemeinheiten schildern sollte. Ganz laut sprudelte ich meine Anklagen heraus, prachtvolle Redewendungen fielen mir spielend ein und ich fand erschütternde Worte für mein Unglück. — Aber jetzt fror es mich. — Als ich an mir hinab sah, musste ich dann allerdings auch zugeben, dass ich nicht in der geeigneten Toilette war für einen Besuch bei einem vornehmen Herrn. Ein alter, geblümter Schlafrock, darunter ein Nachthemd und ein Pantoffel — den andern hatte ich im Lauf verloren — bildeten meine ganze Kleidung. Auf dem Platze lichtete sich der Nebel etwas: da stand der Palast! Wie ein gigantischer Würfel ragte er in den Himmel. Die helle Scheibe des Uhrturmes täuschte einen Mond vor. Nässe und Kälte brachten mich zur Vernunft; ich erkannte mein Vorhaben als törichtes Beginnen. Nein, das war nicht der richtige Moment und passende Aufzug für eine Beschwerde. Im Schlafrock, mit einem Spazierstock nach ein Uhr nachts, barhäuptig — wie sah ich denn aus? Ernüchtert kehrte ich um und suchte den Heimweg. Durch eine kleine Seitengasse wollte ich ihn verkürzen; die Kälte war recht unbehaglich. Meine Frau würde auch mein Kommen schmerzlich erwarten — morgen aber — morgen sollte der Tag der Vergeltung sein! Um mir warm zu machen, verfiel ich in einen leichten Trab. Ein erleuchtetes Fenster tauchte auf, ich lief darauf zu. Musik, Klaviergeklimper, rauhe Stimmen, Gesang! Ein heller Schein lag über der Strasse. Donnerwetter, so durfte man mich hier nicht sehen! Ich war aber schon bemerkt worden.
„Heda, Sie, nur näher!“ Ein paar verdächtige Gestalten traten zu mir. Jetzt wusste ich, ich hatte mich verirrt: ich war im französischen Viertel.
Hier ging es noch sehr lebhaft zu. Bald erregte ich das grösste Aufsehen. Ich war mürrisch und beschämt; man lachte über meinen merkwürdigen Aufzug. Ich schimpfte und ging rasch weiter, immer mehr Menschen mir nach; man machte rohe Spässe und ich berechnete, wie das alles ablaufen würde. In diesen verrufenen Winkeln und Sackgassen fand ich mich nicht zurecht; es war sehr peinlich, Castringius hätte sich ausgekannt. Wenn ich nur gewusst hätte, wo die Polizeistation sich befand. So sah ich rechts und links nur schmutzige Spelunken und Lasterhöhlen. Aus allen Gossen dampfte und stank es. Ich machte meine grössten Schritte. Ein geschminkter Bursche fasste einen Zipfel meines Schlafrockes und riss ihn mir herunter, — Patsch! sass ihm eine Ohrfeige. Aber das hätte ich lieber nicht tun sollen. Nun hub es erst recht an. Mit Heulen und Hallorufen wurde Jagd auf mich gemacht. Ein aufgedunsenes, riesenhaftes Weib trat mir entgegen und wollte mir ein Bein stellen. Ich sprang leicht über sie hinweg und verlor den Stock dabei. Sie wälzte sich im Strassenkot, mein Hemd blieb ihr als Trophäe. Dadurch hatte ich etwas Vorsprung. Jetzt wusste ich aber auch, es ging ans Leben. Wie ein toller Windhund griff ich aus. Noch nie war ich meiner Kraft so sicher gewesen. Hinter mir aber mehrte sich der wüste Tumult, das halbe französische Viertel war mir auf den Fersen, gellende Pfiffe ertönten, der Boden wurde immer glitschiger, ich musste aufpassen, nicht auszugleiten. „Bald bin ich erschöpft, ich werde kaum entwischen“, sagte ich mir und Angst pochte in meinen Schläfen. Mit Flaschen und Messern warf man nach mir, kreuz und quer lief ich in den Gassen und an jeder Ecke schrie ich, so laut ich konnte: „Hilfe, Polizei!“ Aber niemand half und hinter mir hörte ich den tollen Haufen hohnlachen. Mit aufgerissenem Munde, nackt und verzweifelt, flog ich förmlich dahin; keine Rettung, keine Hoffnung bot sich mir. Endlich — ich war schon ganz matt — sah ich ein schmales hohes Haus; es schloss die Gasse ab. Alle Fenster waren erleuchtet, über der Schwelle hing ein roter Lampion. Das Tor war offen; ich stürzte die hell erleuchtete Stiege hinauf. Die Wände waren bunt bemalt und mit Palmen geschmückt. Im ersten Stock trat mir eine Frau entgegen, eine holde Illusion, festlich, im langen silberglänzenden Hemd mit offenen Haaren und herrlichen Armen. Sie war gar nicht besonders überrascht, mich so zu sehen und sagte lächelnd: „Nicht zu mir! Der Herr hat sich wohl vergriffen, da ist Nummer fünf!“
Beglückt und beschämt von ihrer Freundlichkeit stammelte ich atemlos Entschuldigungen, mit der Hand meine Blösse deckend. Dann öffnete ich die bezeichnete Tür. Verdammt, da waren schon zwei drin, auch splitternackt! — Ich schlug die Tür wieder zu. Von unten tobte jetzt der Pöbel herauf. Zuerst ein Schutzmann — jetzt war einer da — der brüllte: „Wo ist der Kerl? Ich werde Anzeige erstatten! Das Haus muss noch geschlossen werden!“ Dann der Mob. Die Retterin war verschwunden, — meine blutenden Füsse schienen mir wie Zentnergewichte. Tief atemschöpfend kletterte ich noch ein paar Stufen in die Höhe und sah gross angeschrieben das erlösende Wort: „Hier!“ wie ein Befehl. Noch einmal die Hilfe des Himmels! Mit letzter Kraft öffnete ich die Tür und schob den Riegel hinter mir zu. — Vorläufig in Sicherheit — aber die Meute rüttelte schon am Schloss. „Aufmachen, aufmachen!“ gellte es tausendstimmig.
Wie ein gehetztes Raubtier blickte ich mich um, da durchblitzte mich ein verzweifelter, jäher Entschluss. Auf die Gefahr, mich totzustürzen, klemmte ich mich durch ein schmales Fenster und griff mit der Hand nach etwas Fassbarem. Richtig, ein Draht, ein Blitzableiter! — Und mit einer wunderbaren, mir unbegreiflichen Sicherheit kletterte ich an ihm hinunter. Stille und Nacht ringsum — hier sank ich zusammen — meine Beine trugen mich nicht mehr. —
Ich lag auf einer Schutthalde. Ein Kotwagenfahrer bei seinem nächtlichen Gewerbe hob mich auf und fuhr mich in seinem gerücheschwangeren Gefährt zu mir nach Hause. Meine Frau sah aus dem Fenster, wie ich so ankam. Sie hatte eine schreckliche Viertelstunde hinter sich, länger war ich nicht weggewesen.
Nach einigen Tagen erblickte ich auf der Strasse ein paar Hunde, die mit einem bunten Paket spielten, an dem Schnüre mit Quasten hingen. Ich erkannte meinen alten Schlafrock — als herrenloses Gut hatte er sich die ganze Zeit in der Traumstadt herumgetrieben. Mit meiner Begeisterung für die Schöpfung Pateras war es jetzt gründlich vorbei.
VI
Die nächsten Tage wurde wieder nichts aus meinen Beschwerdeplänen. Bei uns sah es trist aus. Meine wunden geschwollenen Füsse waren in Binden und meine Frau verliess nicht das Bett.
Das Lampenbogensche Haus hatte nach hinten eine Kellerwohnung. Hier hungerte eine Familie mit neun Kindern. Neun Kinder! Ein Unikum in Perle! Der Mann war ein wüster Krakehler und Bummler, der sich von seinem abgezehrten, ewig schwangeren Weibe ernähren liess. Diese bediente uns jetzt, denn der Affe kam nur noch hie und da des Abends auf einen Besuch. Da gab’s wenigstens ein paar gemütliche Stunden. Er pflegte sich an das Bett meiner Frau zu setzen, ihr Strickzeug in die Hinterhände zu nehmen und rasch zu stricken. Dabei sah er sich gerne eine alte Nummer des Traumspiegels an, die er in den Vorderhänden hielt.
Unsere jetzige Hilfe brachte öfters ihre zwei ältesten Mädchen herauf, und ich konnte die Entdeckung meiner Gattin bestätigen, dass im Traumreich geborenen Kindern das Nagelglied des linken Daumens mangelte. Das Töchterchen meines Redakteurs, sogar die beiden Söhne Sr. Exzellenz unseres Herrn Regierungspräsidenten hatten denselben Defekt. Die brave Frau Goldschläger vermisste also neun Stück Nagelglieder.
Sobald ich wieder gehen konnte, galt mein erster Besuch dem Arzt. Der fliegende Puls meiner Frau gefiel mir nicht. Ich hatte schon mehrmals darangedacht, den Doktor zu rufen, Lampenbogen als Besitzer kam auch oft ins Haus. Aber ich bin von jeher Ärzten gegenüber misstrauisch gewesen, und hier in diesem Lande der Unsicherheit war Vorsicht vielleicht noch mehr am Platze. — „Ein Arzt ist ein Geschäftsmann wie jeder andere“, sagte ich mir. „Bestellt ein Mensch bei einem Schuster ein Paar Stiefel und dieser verlangt den Preis, ohne sie geliefert zu haben, so wird er einfach ausgelacht werden. Einen Arzt aber muss man zahlen, selbst wenn er nicht geholfen, auch dann, wenn er nur geschadet hat.“ Lampenbogen war ein reicher Mann, er besass eine schöne Villa, eine hübsche Frau, eine Equipage. Das Zinshaus trug ihm viel, da war es kein Wunder, dass er so dick und fett wurde. Wie schlug ihm alles so gut an! Die Frau soll allerdings leichtsinnig sein, heisst es. Ich dagegen mit meinen paar mageren Knochen ...
Nun kam der Doktor, wie ein wandelndes Quadrat in seinem Pelze trat er zur Tür herein. Während er untersuchte, bewunderte ich seinen Nacken, „ein Stück zum braten!“ dachte ich kannibalisch. Er riet Luftveränderung, wir sollten einige Wochen ins Gebirge ziehen. Auch mein Zustand gefiel ihm gar nicht. Auf meinen Einwand, dass ich erst Patera aufsuchen wollte, sprach er: „Das lassen Sie lieber bleiben!“ und ging .....
Unsere kleine Expedition war reisefertig. Frau Goldschläger schob meine Gattin im Rollstuhl vor sich her. Bei dem Postgebäude am Platze warteten die Stellwagen; wir wurden verstaut. Dann knallte die Peitsche. Umschauend gewahrte ich noch Frau Goldschlägers wackelnden Bauch und das Abschiedslächeln auf ihrem reizlosen Gesicht.
Gleich hinter Perle kreuzte man die Eisenbahn. Wir wollten ins Gebirge nach einem Dörfchen, wo uns in einem Forsthause ein gutes Unterkommen in Aussicht gestellt war. Die ziemlich verwahrloste Strasse zog sich in Schlangenwindungen durch die berüchtigten Sümpfe. Auch eine Ruinenstadt, Trümmer aus uralter Vergangenheit, wurde passiert. Ein paar Pelikane waren alles, was wir leben sahen. Nach dieser Wildnis wurde das Land bewohnter. Es kamen ausgedehnte Weidetriften, Kartoffeläcker, sogar Weingärten. An gross angelegten Bauernhöfen mit altersschwarzen Strohdächern fuhren wir vorbei — überall blickten uns die Bewohner nach, manche winkten uns zu. Die rauhen, in Leder gekleideten Gestalten sassen auf den Hausbänken, einige schnitzten Holzfiguren, ebenso vierschrötig wie sie selbst. Trotzdem viele von ihnen gebückten Tieren glichen, gefielen sie mir doch besser als die Städter. Sie schienen weniger zerrissen und gehetzt. Hier hatten sich die seltsamen mystischen Gebräuche entwickelt, hier wurden sie noch genau befolgt und festgehalten. — Die Strasse gabelte sich; wie ein Finger ragte ein dünner Turm über einer Kapelle, welche ganz mit Fresken bedeckt, am Kreuzweg stand. „Rechts geht es zum grossen Tempel“, machte uns der Postillon aufmerksam und deutete mit der Peitsche nach der Richtung.
Nun fuhren wir in ein enges Tal ein. Hoch oben an den steilen Felsen klebten schwer erkennbar graue Hütten, wie ich hörte die Wohnstätten asketischer Einsiedler. — Allgemach wurde es dunkel, die Wolken hingen tiefer herab und ballten sich zu gelbbraunen Klumpen wie vor einem Gewitter. Ernst und grossartig in ihrer Eintönigkeit war jetzt die Landschaft; wir befanden uns am Fusse des Erzberges, zu mancher Jahreszeit wegen der gewaltigen magnetischen Entladungen, eine gefährliche Gegend. Auch heute war die Spannung gross, und wir bemerkten Kugelblitze, die auf der metallischen Kuppe herumrollten. „Der Berg ist fast ganz aus Eisen“, belehrte der Postillon. Es war sonderbar: nicht einmal trockenes Gestrüpp und verdorrte Halme waren auf ihm zu sehen. Dunkel rostfarben lag er da und versperrte das Tal.
Plötzlich wollte meine Frau nicht mehr weiter, die Luft drücke sie hier oben noch mehr als in der Stadt, sie verspreche sich keine Besserung von solchem Landaufenthalt. Ich empfand ebenso, mir sträubten sich die Haare in dieser von Elektrizität erfüllten Atmosphäre. Da war es besser, sofort umzukehren. Ich bedauerte nur, die Kranke hierher geschleppt zu haben. Bei einem Strassenwirtshaus stiegen wir ab und erwarteten den zur Stadt fahrenden Wagen. Die Wirtsleute bemühten sich um die Fiebernde und halfen ihr freundlich beim Einsteigen. Es ging also wieder zurück. Beim Sumpf erreichte uns die Finsternis. Ein fauler, sinnbetäubender Geruch stieg auf. Beim Scheine der Wagenlaternen erblickte ich einige mohammedanische Gräber, halb in gärendem Schlammwasser versunkene, turbangeschmückte Steine. Die Feuchtigkeit des Bodens hemmte unsern Atem. Ein Huschen und Rascheln hub an, die Dämonen des Sumpfes regten sich. Meine Frau litt unter Schüttelfrösten und presste sich eng an mich. Als wir in die Stadt einfuhren, war es zwei Uhr. Ich wusste jetzt, dass ich eine Todkranke heimbrachte.
VII
Andern Tags wollte ich den Arzt aufsuchen, um ihm von dem missglückten Unternehmen zu berichten. Er war nicht in seiner Villa. — Auf dem Heimweg fielen mir zwei männliche Gestalten auf. Sie folgten einer Dame, die vor mir in die Lange Gasse einbog. Jetzt erkannte ich sie, es waren mein Nachbar, der Student, und de Nemi. Auch die beiden schienen eben erst zu merken, dass sie das gleiche Ziel verfolgten. Vor meinen Augen kam es zu einer Kollision. Was zwischen ihnen vorging, kann ich nicht genau sagen. Ich sah nur, dass sie zusammen in einen dunklen Hausflur traten, aus dem im nächsten Augenblick der Hut des Studenten in den Strassenschmutz flog. Um unerkannt zu bleiben und nicht zu stören, ging ich im schnellsten Tempo quer über die Strasse. Da stand die verfolgte Dame gerade vor dem Fenster einer Leihbibliothek. Ich musste sie schon gesehen haben! Sie besass eine hohe Figur, war sehr elegant gekleidet und hatte einen dicken Knoten rotbraunen Haares im Nacken hängen. Das Gesicht war mir abgewandt. Sie musste von der ganzen Jagd wohl gar nichts bemerkt haben, denn sie machte eine jähe Wendung und ging wieder zurück, mir entgegen. Es war Frau Melitta Lampenbogen; ich bewunderte ihren untadeligen, schwebenden Gang. Da traf mich ein Blick — — — — — ich sah in weisse Leere — — — — — wie ein Schlag auf das Gehirn — Die Augen der alten Bettlerin!
Diese Nacht verlief sehr unruhig, Poltern, Gehen und Kommen auf der Treppe. Von Schlaf keine Rede. Um sechs Uhr morgens rumorte es wieder auf dem Flur. Ich trat hinaus. Drei Männer trugen einen schwarzen Sarg hinab; die Tür zur Wohnung des Studenten stand weit offen.
Im Kaffeehaus sagte man, dass der Student in einem Duell erstochen worden sei. Noch ein anderes Gerücht hatte sich verbreitet. Einer der beiden Mühlenbesitzer war verschwunden und zwar der jüngere, immer heitere. Auf dem andern lastete nun der Verdacht des Brudermordes. Man wusste nichts Sicheres.
„Zwei Kriminalbeamte haben die Mühle durchsucht!“ flüsterte mir Castringius geheimnisvoll zu. Er gierte nach sensationellem Stoff, weil er wieder zum Traumspiegel kommen wollte. Ein farbiges Blatt, „die Wunde des Studenten“, war ihm umgehend zurückgegeben worden.
Ich war auch in einer peinlichen Lage: Frau Goldschläger war heute ausgeblieben, und ich entschloss mich, sie in ihrem Kaninchenstall aufzusuchen. Diese Stube war ein Greuel, ein ganz besonders antipathischer Duft erfüllte sie. Die Hebamme wehrte mir den Eingang, heute nacht hatten sie eine Totgeburt gehabt. So nahm ich das herzliche Anerbieten Hector von Brendels an, der mir seinen Diener — eine alte graue Maschine — für Gänge zur Verfügung stellte. Seit den drei Tagen, da ich den gefahrvollen Zustand meiner Frau erkannt hatte, war ich wie vor den Kopf geschlagen. Zorn und Aufregung verschwanden; ich war nicht mehr imstande, meine Lage zu übersehen und schleppte mich schwerfällig herum. Stumpf, apathisch, wie ein verprügelter Hund, innerlich zernagt von Unruhe, wusste ich nicht, wo ich mich aufhalten sollte. Zu Hause wollte ich nicht bleiben, ich konnte das nicht ansehen, es zerquetschte mir das Herz. Also herumlaufen, an die Luft! Ich beschrieb einen weiten Bogen um das Kaffeehaus und wandte mich zum Flussufer. Hier an dem lautlos dahingleitenden Strome hielt ich mich sonst so gerne auf. Unwillkürlich streifte mein Blick die Mühle. Sie zitterte wie lebendig. Unscharf und verwischt in einem Dunstschein, wie aus einer gallertartigen Substanz bestehend, kam sie mir vor, ein unbekanntes Fluidum ging von ihr aus, das mich bis in die Zehenspitzen vibrieren machte. Hinter einem verstaubten Fenster stand der Müller. Finster und hasserfüllt sah er auf mich nieder. Nun kam ich ins Freie: Vorüber am Abdecker, am Viehhof, an der Ziegelei. Die trübe, nasse Luft, das traurigmachende Geknarre der Frösche vom Wasser her, passten zu meiner Stimmung. Ehe ich es dachte, war ich am Friedhof. Ich blieb stehen und zündete eine Zigarette an. Ich gewahrte durch das schmiedeiserne Tor die Grabsteine. Da fasste mich ein Schauder; zähneknirschend lief ich durch mir noch unbekannte Strassen. Ich schluckte die sich gewaltsam aufdrängende Melancholie hinunter. In mir fühlte ich kalte Verachtung gegen alles, besonders gegen Patera.
„Wo versteckst du dich, Folterknecht?“ rief ich in die leeren Gärten, an denen ich vorüberrannte. Aber die entlaubten Gebüsche und kahlen Bäume gaben keine Antwort. Vorwärts lief ich und trat unbekümmert in die Pfützen. Erwärmt von einem leichten Fieber trieb es mich weiter, über Plätze und durch Gassen, die ich mich nicht entsinnen konnte, je gegangen zu sein. Eine armselige Pferdebahn — sie schien mir mehr zur Dekoration als zum Gebrauch da zu sein — frappierte mich. Mir war es neu, dass es in Perle dieses Transportmittel gab. Aber ich war viel zu verworren, um mich lange bei diesen Gedanken aufzuhalten und ehe ich erkannte, wohin mich meine Füsse trugen, stand ich vor dem Palast. Eben wurden die Laternen angezündet.
In einen der Eckpfeiler der Residenz war eine Marmortafel eingelassen, die meine Blicke bannte.
„Audienzzeiten bei Patera für jedermann täglich von 4 bis 8 Uhr.“
Kopfschüttelnd las ich das mehrmals halblaut und sprach es vor mich hin. Da durchfuhr mich ein ganz närrischer Gedanke: „Das ist ja ein ungeheurer Witz — wir sind nur zu dumm, um ihn zu begreifen.“ Ein Lachkrampf durchschüttelte mich, ich hätte Patera ermorden können. An eine Säule gelehnt, rang ich nach Fassung. Dann schritt ich durch das offene Portal, ganz einfach, als wäre es nichts. Ich stieg breite Treppen empor, unter den enormen Wölbungen muss ich ganz winzig ausgesehen haben. Immer höher hinan stieg ich. — Durch die Bogenfenster sah ich tief unter mir die Stadt. Um mich war alles totenstill, nur meine Schritte hallten. — Ich war so gänzlich mit meinem Zustande beschäftigt, dass mir meine seltsame Lage nicht zum Bewusstsein kam. Ungewöhnlich leicht war mir zumute, das habe ich heute noch deutlich im Gedächtnis. Ich öffnete riesige, weisse Flügeltüren und durchwanderte eine Flucht von grossen Gemächern. Jedesmal schlug mir ein neuer kalter Lufthauch entgegen. „Hier wohnt sicher niemand“, murmelte ich fortwährend, wie im Traume befangen. Einige umfangreiche, geschnitzte Schränke und durch Schutzüberzüge verhüllte Polstermöbel standen in jedem Saale. Einmal sah ich eine schlanke Gestalt eilig und kerzengerade auf mich zukommen. Doch das war Trug, ein Wandspiegel warf mein eigenes Bild zurück. Als ich die endlose Reihe von Hallen und Gemächern durchschritten hatte, gelangte ich in eine unabsehbare Galerie, die scheinbar zurückführte. An den Wänden hingen nachgedunkelte, lebensgrosse Porträts in breiten Ebenholzrahmen, zu meiner Rechten reihten sich Bogenfenster. Ganz am Ende war ein niedriges Pförtchen, das ich vorsichtig öffnete. Ich befand mich in einem mittelgrossen, leeren Raume, der mit bleigrauen schweren Stoffen ausgeschlagen war. Das Zwielicht machte dieses Zimmer undeutlich. Soviel aber bemerkte ich: Hier war kein weiterer Ausgang, hier war das Ende. Und jetzt erst hielt ich einen Augenblick inne und dachte nach, was ich eigentlich wollte. Hier war nichts — es war so still wie in einer Gruft.
Schon wollte ich umkehren, da stieg von allen Seiten der eigentümliche Duft auf, dem ich in diesem Lande immer wieder begegnete. In bedeutender Stärke durchdrang er den ganzen Raum, ich hörte so etwas, wie ein leises, trockenes Lachen. Und wirklich! Ich sah an der Wand gegenüber das Gesicht eines schlafenden Menschen. An das Halbdunkel gewöhnt, unterschied ich jetzt eine in Grau gekleidete Gestalt, die auf einem erhöhten Ruhebett sass. Ich trat einen Schritt näher. Ein Haupt von ungewöhnlicher Grösse — ich erkannte meinen Freund Patera. Ein Irrtum war völlig ausgeschlossen, wie oft hatte ich mir doch das Bild angesehen! Das fahle Antlitz umringelten dunkle Locken, die Augenlider waren festgeschlossen, nur der Mund zuckte und bewegte sich unaufhörlich als wollte er sprechen. Ergriffen bestaunte ich die wunderbare, regelmässige Schönheit dieses Kopfes. Mit seiner breiten, niedern Stirn und der mächtigen Nasenwurzel glich er eher einem griechischen Gott als einem lebenden Menschen. Über den Zügen lag ein tiefer Schmerz. — Nun vernahm ich Worte, ganz leise und hastig flüsterte es: „Du beklagst dich, dass du nie zu mir kommen kannst, und doch war ich immer bei dir. Ich sah dich oft, wie du mich schaltest und an mir verzweifeltest. Was soll ich für dich tun? Sage deine Wünsche!“
Er schwieg. Es herrschte Stille, mein Hals war ausgetrocknet, nur mit der grössten Anstrengung brachte ich hervor: „Hilf meiner Frau!“ Der Kopf hob sich ein wenig, Patera schlug langsam die Augen auf. Zugleich überfiel mich entsetzliche Schwäche. Starr und unverwandt musste ich diesen fürchterlichen Blicken folgen. Das waren überhaupt keine Augen, das ähnelte zwei blanken hellen Metallscheiben, die glänzten wie kleine Monde. Ausdruckslos und ohne Leben waren sie auf mich gerichtet. Die Flüsterstimme sprach:
„Ich werde helfen.“
Seine Gestalt richtete sich völlig auf, wie eine Medusenmaske hing das Haupt über mir. Gebannt, war ich keiner Bewegung fähig, ich dachte nur: „Das ist der Herr, das ist der Herr!“ — Jetzt erlebte ich ein unbeschreibliches Schauspiel. — Die Augen schlossen sich wieder, ein grauenhaft, schreckliches Leben trat in dieses Gesicht. Das Mienenspiel wechselte chamäleonartig — ununterbrochen — tausend- nein hunderttausendfach. Blitzschnell glich dieses Antlitz nacheinander einem Jüngling — einer Frau — einem Kind — und einem Greis. Es wurde fett und hager, bekam Auswüchse wie ein Truthahn, schrumpfte winzig klein zusammen, — war im nächsten Augenblick hochmütig gebläht, dehnte, streckte sich, drückte Hohn, Gutmütigkeit, Schadenfreude, Hass aus, — voll Runzeln wurde es, und wieder glatt wie Stein — es war wie ein unerklärliches Naturgeheimnis, — ich konnte mich nicht abwenden; eine magische Kraft hielt mich wie festgeschraubt, Schrecken überrieselte mich. Jetzt erschienen Tiergesichter: das Antlitz eines Löwen, dann wurde es spitz und schlau wie ein Schakal — es wandelte sich in einen wilden Hengst mit geblähten Nüstern — wurde vogelartig — dann wie eine Schlange. Es war entsetzlich, ich wollte schreien und konnte nicht. — In abscheuliche, blutüberströmte und spitzbübisch feige Fratzen musste ich blicken. Dann trat endlich langsam Ruhe ein. Wie Wetterleuchten fuhr es noch manchmal über das Antlitz, — die verzerrten Larven verschwanden und wiederum schlief vor mir der Mensch Patera. Die geschwungenen Lippen fieberten und bewegten sich schnell. Ich hörte wieder diese seltsame Stimme: