SCRIPTURA

Alfred Kubin · Die andere Seite · 14 of 30

Zweiter Teil · Perle · Viertes Kapitel – Im Bann · 3 of 5

„Du siehst, ich bin der Herr! — Auch ich war verzweifelt, da baute ich mir aus den Trümmern meines Gutes ein Reich. — Ich bin der Meister!“

Ich war erschüttert und hatte das tiefste Mitleid mit ihm; mühsam sprach ich:

„Bist du auch glücklich?“

Doch schon traf mich der Strahl und lähmte mich. Ganz nahe vor mir sah ich die grässlichen Augen. Patera war herabgestiegen und hielt meine Hände. Ich war innen und aussen wie von Eis überzogen. Er rief: „Gib mir einen Stern, gib mir einen Stern!“

Seine Stimme bekam etwas Berückendes, sie schmeichelte und lockte. Ich sah seine weissen Zähne schimmern, die Bewegungen waren schwer und lahm. Ich verstand nur das geringste von dem was er sprach. Seine Laute wurden heiser und gepresst — seine Brust hob sich — die Adern an seinem bleichen Halse schienen zum Bersten gefüllt. Plötzlich wurde sein Gesicht grau wie die Wand, nur die aufgerissenen, gequollenen Augen flackerten und fesselten mich in ihren unerklärlichen Bann. Ein wahrhaft ungeheuerer, nicht mehr menschlicher Schmerz musste ihn durchwühlen.

Patera reckte sich empor, seine Hände griffen weit ins Leere. — Da senkte sich ein Vorhang zwischen mich und den Herrn. Ich hörte noch ein unartikuliertes Röcheln und einen dumpfen Fall.

Als ich mich umwandte, musste ich mich gegen das Fenster stützen, denn ich fühlte, wie mich ein Starrkrampf packte. Von der Zunge ausgehend, ergriff er den ganzen Körper. — Unten auf dem Platze wurden Menschen und Tiere einen Moment steif wie Holz. Nur einen Moment, dann ging alles wieder seinen Gang.

Wieder Herr meiner Bewegungen, stürzte ich fort in der tiefen Überzeugung, wahnsinnig zu sein.

VIII

Zerrüttet, zu jeder Sammlung unfähig, kam ich zu Hause an. Lampenbogen war gerade da, schien aber im Begriffe zu gehen. Er hatte aus dem Kloster eine barmherzige Schwester mitgebracht. Als mich der Doktor sah, zog er mich sogleich in die Fensternische. Er sprach ernst auf mich ein, aber ich war nicht imstande, dem Sinn seiner Worte zu folgen. Mir tat seine schwerfällige Ruhe wohl. „Nur nicht die Hoffnung aufgeben“, verstand ich. „Es ist ein starker Nervenanfall, vielleicht die Krise. — Es ist übrigens immer noch möglich, dass die Frau diese Attacke übersteht. — Man darf die Hoffnung nie ganz aufgeben. Falls Unvermutetes eintreten sollte, so holen Sie mich natürlich heute nacht noch. Morgen komme ich auf jeden Fall.“

Er ging. — Wie gesagt, was eigentlich geschehen war, warum er so sprach, wusste ich nicht.

Still, geschäftsmässig ging die Pflegerin mit Tüchern und Schüsseln aus und ein. Ich fühlte in mir nur ein halbes Leben, zu einer vernünftigen Handlung konnte ich mich nicht aufschwingen. Ratlos, mit dem Gefühl der Überflüssigkeit, stand ich herum. — Meiner Frau konnte es wohl gar nicht so schlecht gehen; als ich mich einmal scheu auf den Fussspitzen dem Bette näherte, lag sie da und schlief; sie sah sogar voller und besser aus als in den letzten Wochen, Röte bedeckte ihr Gesicht. Dann sprach ich mit der Krankenschwester. Nun, einen Anfall, eine Art Gehirnkrampf, hatte die Kranke während meiner Abwesenheit gehabt. Die geistliche Frau war einsilbig, spät abends betete sie halblaut. Langsam kamen mir Ahnungen von dem furchtbaren Ernst der Situation. Mitten in die wirren Gedanken, die sich mit dem Herrn des Traumreichs befassten, blitzten Erinnerungen an die Schüttelfröste auf, die meine Frau bei unserer nächtlichen Stellwagenfahrt befallen hatten. Aber ich konnte das Schlimmste nicht glauben, ich wollte nichts glauben.

Diese Nacht nistete ich mich auf dem Divan im Wohnzimmer ein, das zugleich mein Arbeitsraum war. Von Schlafen keine Rede. Gegen Morgen erhob ich mich einmal und sah mir das Bild Pateras an. Die Kranke schien Ruhe zu haben, nur ein einziges Mal hörte ich während der Nacht ein paar Worte sprechen. Gegen neun Uhr morgens ging ich hinüber. Hier war alles schon geordnet und gelüftet. Meine Frau sah mich erstaunt an, das Erkennen machte ihr sichtlich Mühe. Trotz ihrem guten Aussehen war sie sehr schwach, kaum verstand ich ihre Worte. Die Schwester war zufrieden mit der Nacht, das Fieber hatte nachgelassen, tatsächlich wurde die Patientin jetzt frischer. Die Pflegerin verliess uns nun auf eine Weile, sie machte einige Besorgungen. Ich setzte mich auf den Bettrand und nahm die heissen Hände meiner Frau in die meinen. Voller Hoffnung, und um ihr die Anstrengung des Sprechens zu ersparen, erzählte ich ihr alles mögliche, von dem ich annahm, dass es sie erfreuen würde. Ich sprach von dem Tempel am See und seinen Wundern, von den Juwelen und Geschmeiden, die dort aufbewahrt lagen, denn ich wusste, schöner Schmuck war eine kleine Leidenschaft von ihr. Ich schilderte die spiegelnden Wasserstrassen und den tiefen, lauschigen Park, als wenn ich selbst tagelang dort herum gestreift wäre. Sie sah mich unverwandt, fast heiter an und strich mir sogar ein paarmal über den Kopf. Ich war glücklich, dass ihr meine Geschichten gefielen und fuhr eifrig fort. Ich sprach von den vergoldeten Schiffen und den schneeweissen Schwänen auf dem See, meine Bilder gewannen Farbe — Farbe hier in dem fahlen, düstern Traumland. Glühend beschrieb ich die vielen Blumen, die buntgesprenkelten Orchideen, die schwarzroten Rosen, die Lilien an den zartgebogenen Stengeln. Ich glaubte fest an die Zauberkraft meiner Worte. Von blauen Wäldern von Vergissmeinnicht sprach ich, von den Millionen glitzernder Tautröpfchen, über denen die frühe Sonne aufging. Ich sprach von dem Gezwitscher der Vögel, von den freudigen Klängen silberner Posaunen. Dorthin in lichte Pracht wollten wir eilen, nötigenfalls entfliehen. Dort würde sie gesund werden. Während ich die verlockendsten Worte fand und in einem schönen Zukunftsleben schwelgte, war meine Frau — eingeschlafen.

Mutlos, wie zerschmettert, sass ich da. Die trostlose Bangigkeit hatte mich wieder. Mit halbgeschlossenen Augen lag die Kranke, ihre tiefe Röte kam mir nicht mehr so natürlich vor. Ich zwängte die heraufkommenden Tränen zurück — die Pflegerin kam herein.

Und dann kam auf einmal Herr von Brendel und erkundigte sich in teilnehmenden Worten nach dem Befinden meiner Gemahlin. Auch Blumen hatte er mitgebracht, blassgelbe Tulpen. Ich zog ihn ins Wohnzimmer; endlich ein gesunder Mensch! Ich klammerte mich förmlich an ihn.

Wie versprochen kam auch der Arzt. Er blieb lange. Bevor er ging, nahm er Brendel mit sich in die Küche; dort hatten die beiden eine kleine Unterredung, dann verabschiedete er sich rasch auch von mir und ging die Treppe hinab. Sein letztes Wort war: „Kopf hoch, und hoffen!“

Brendel machte mir den Vorschlag, mit ihm zu gehen: „Wir können den ganzen Tag zusammen bleiben, hier stören Sie doch nur und haben kein richtiges Essen.“

Er vermied es absichtlich, von meiner kranken Frau zu sprechen. Wir gingen also ins Kaffeehaus auf ein Frühstück. Mir fehlte zwar jeglicher Appetit, aber irgendwohin musste ich gehen. Ich hatte Brendel wirklich gern, er war ein reizender, ungemein gefälliger Mensch, der nur eine einzige Schwäche hatte: Er gehörte zu den sentimentalen Don-Juans. — Das ist noch lange nicht das Ärgste —. Weit entfernt, ein solcher Schürzenjäger wie de Nemi zu sein, dem es nur auf die mechanische, phantasielose Unzucht ankam, war Hektor von Brendel tatsächlich verliebt — und zwar immer und immer wieder in eine andere. Wer aber glaubte, hier einen jugendlichen, unklaren Menschen vor sich zu haben, der vor lauter Zartheit für ein Weib unreif gewesen wäre, der hätte sich geirrt. Mit vollkommener Hingabe hastete er einem eingebildeten Ideal nach, das er leider nie verwirklicht fand — das heisst: Dauernd verwirklicht fand. Seine jeweilige Geliebte, der „Rohstoff“ wie er das nannte, musste erst umgebildet werden. Hier scheute er keine Mühe, kein Geld; nach einem eigenen, recht verwickelten Erfahrungssystem ging er vor, Schritt um Schritt, geduldig, planmässig. Nach Erledigung der Toilettefragen — bis hierher ging es, dank den reichlichen Mitteln immer sehr gut —, kamen die vielen geistigen Kategorien an die Reihe: Benehmen, Lieblingsausdrücke etc. etc. Über diese Hemmnisse stolperten schon die meisten und sprangen aus. Brendel griff unermüdlich zu neuem „Rohstoff“. Den nachfolgenden höheren Stufen, („wahres Vertrauen“, „geschmackvoller Umgang“) sah sich fast nie eine Bewerberin um seine Gunst gewachsen. Er schwärmte mir oft halbe Nächte lang von einem neuen Idol vor. Gegen sich selbst war er streng, klagte sich an, verbesserte, änderte seine Methode, aber nie gelang es ihm, den Zustand zu erreichen den er „die Reife“ nannte. Der Fehler lag in einer falschen Psychologie, dann hatte er aber auch wirkliches Missgeschick. Eine betrog ihn, eine andere stellte sich als langweilig heraus. Er war ewig nur zur Kostprobe verurteilt.

Heute schwieg er rücksichtsvoll, obwohl es mir lieber gewesen wäre, er hätte gesprochen. Mir waren seine erzählten Abenteuer, die der Komik nicht entbehrten, oft sehr amüsant. Bei jedem „Ende“ gab es ein hübsch arrangiertes Abschiedsmahl, wobei das Bedauern schon wieder in neues Hoffen überging. Ritterlich und anständig trug er keiner einen „Fehler“ nach. Er verstand sich zu trösten, die Materie war ja unerschöpflich und zu interessant für ihn. — —

Mich würgte gestaltlose Angst, sie stieg vom Magen herauf, schnürte das Herz und drückte die Eingeweide. — Ich rauchte und trank. — Aber es entlastete mich nichts. Der Eindruck, den diese lebende Bildsäule im Palast in mich gegraben hatte, und die Erkenntnis der Gefahr, in der meine Frau schwebte, verschmolzen miteinander. Ich war wie in einem Alptraum, aus dem ich nicht erwachen konnte.

Der Müller von drüben trat herein und stürzte am Büfett stehend ein paar Gläser Rum hinunter — ohne Gruss ging er wieder. Die beiden Schachkünstler sassen wie immer da gleich chinesischen, verschnörkelten Holzgötzen.

Brendel nahm mich mit sich in die „blaue Gans“, wo er zu speisen pflegte. Nach Tisch gingen wir in seine Wohnung; er servierte mir einen Kaffee und zeigte seine hübsche Sammlung von Aquarellen, Motiven aus dem Traumlande. Nachmittags gegen 5 Uhr hielt ich es bei ihm nicht mehr aus. Ich bat ihn um Entschuldigung für den schlimmen Tag, den ich ihm gebracht hatte, dankte und ging nach Hause; ich war schon allzulange fortgeblieben und begriff mich selbst nicht, dass ich so lieblos sein konnte.

Meine Angst wurde zur Folter, wie einen Motor trieb sie meinen Gang an; ich stürzte die Stiegen hinauf — und dann wagte ich nicht einzutreten. — — — Ich horchte an der Tür — — — nichts! — sie lag ja im zweiten Zimmer. Noch einmal schöpfte ich tief Atem — dann machte ich auf ....

Das erste, was ich sah, war Lampenbogens Pelz, zitternd betrat ich die Krankenstube. Der Arzt dankte flüchtig für meinen Gruss — er hatte seine Manschetten abgestreift. Im Bette lag meine Frau — sie war alt und verfallen. — Ein namenloser Schreck liess mich bei diesem Anblick zusammensinken, ich flehte den Arzt an:

„Helfen Sie! — — — Helfen Sie!“

Der kolossale Mann klopfte mir auf die Schulter und sprach:

„Fassung, Sie sind jung!“ — — — Ich wimmerte. — — — Die Pflegerin wollte mir ein Glas Wasser reichen — da fuhr ich auf wie von einer Peitsche getroffen und stiess sie weg.

Über das zerwühlte Lager gebeugt stierte ich fassungslos mein sterbendes Weib an; — — — sie war ganz still bis auf ein schauerliches Zähneklappern, — — — wie eine kleine Maschine — ein unaufhörliches Geklapper — trocken — hart — und klar. Ich fühlte den tiefsten Schmerz meines Lebens; vor Entsetzen begriff ich gar nichts. — — — Ihre faltige Haut war grünlich, — — Schweiss brach aus allen Poren — — — mit einem Tuche wollte ich ihn abwischen — — — da hörte das Geklapper auf — — — Mund und Augen öffneten sich weit — — — das Gesicht wurde bleich wie Kreide — — — sie war tot. — —

Wie aus grosser Entfernung hörte ich die Nonne beten, den Doktor fortgehen. Ich kniete am Bettrande nieder und leise, leise sprach ich aufs zärtlichste mit der Toten. — — — Mir erstanden noch einmal die Jahre, die wir zusammen gegangen waren. — — — Nicht vom Traumlande sprach ich zu ihr, sondern von den Zeiten, da wir uns kennen gelernt hatten. Ich dankte ihr für alle Freuden. Ich hielt meinen Mund nahe an ihr Ohr, denn es brauchte mich niemand zu hören. Ganz leise, nur für sie bestimmt, flüsterte ich ihr zu, dass ich bei Patera für sie gebeten hätte, dass der Herr helfen würde. Kindliches Vertrauen war in mir. Während ich das letzte sprach, stiess ich gegen ihren Kopf; er fiel schwer zur Seite und kam in den gelben Schein der Lampe. Jetzt sah ich erst die Veränderung, etwas Fremdartiges mit blutleeren Lippen und spitzer Nase lag vor mir — so kannte ich meine Frau nicht. Grosse, glanzlose Pupillen schauten durch mich hindurch — es schüttelte mich krampfhaft — unaufhörlich sinnlose Reden führend, lief ich fort — fort in die fremden Strassen. Ich kümmerte mich um niemand und suchte die finstersten Schlupfwinkel auf. Doch nirgends hielt es mich lange. Die ganze Nacht lief ich herum, ein geschwätziges Gespenst, das die Furcht verloren hat. — Alle Gebete, die mir von meiner Kindheit her einfielen, stammelte ich vor mich hin. Ich war einsam — es gab nichts einsameres als mich.

Auch den nächsten Tag verbrachte ich im Verborgenen. Ich hoffte, auch mich würde der Tod holen. Die folgende Nacht pfiff und krachte es um mich her, fortwährend glaubte ich, die Erscheinung Pateras zu sehen, ein graues, schleierhaftes Gebilde, das vor mir schwebte. Als der Morgen graute, kroch ich müde und mit hohlem Schädel die Stufen zu unserer Wohnung empor. Eine vage Hoffnung, dass vielleicht alles doch nur eine Einbildung sei, äffte mich.

Im Sterbezimmer herrschte Unordnung; fader, süsslicher Geruch traf mich. — Das Bett war leer — alles durcheinander gerückt. Auf dem Nachttisch umgeworfene Medizinflaschen und verstreute Zuckerstückchen. In allem lag Unbegreifliches, Trostloses. — Ich ging wieder hinunter, — da stand Lampenbogen bei seinem Wagen.

Er fasste mich am Arm — ich fuhr zusammen: noch ein Unglück?

„Ein paar Worte; ich habe Sie gesucht. Sie dürfen sich nicht derartig gehen lassen. Ich werde Sie mit mir nehmen, in einer halben Stunde beerdigt man Ihre Frau. Sie brauchen jetzt ein Heim, eine Familie. Hoffentlich lehnen Sie nicht ab, wenn ich Sie einlade, vorläufig zu mir zu ziehen; auch meine Frau würde sich freuen. Man überlebt so etwas — Sie werden ruhiger werden.“

Ohne ein Wort zu erwidern, stieg ich zu Lampenbogen in den Wagen; ganz schmal sass ich neben dem breiten, dicken Manne. Vom Kaffeehause sah man uns nach; Anton machte durchs Fenster eine Verbeugung, die Schachspieler waren vertieft.

Nach einigen Minuten kamen wir auf den Friedhof. Schon von weitem bemerkte ich in der kleinen Halle des Leichenhauses eine Gruppe von Menschen — nach und nach unterschied ich bekannte Gesichter: Hektor von Brendel, den Kaffeewirt, einen Geistlichen, ein paar Unbekannte. Alle standen, nur etwas lag. Ein einfacher Sarg mit einem schwarzen Tuche bedeckt. Es fing an zu regnen, die Nässe drang durch die Kleider, — was meine trockene, gespannte Haut fast als Wohltat empfand.

Der Priester murmelte Gebete — man trug den Sarg zur Grube. Ich schritt als erster dahinter. „Da drinnen liegt meine Frau“, dachte ich. Ich stellte sie mir vor, als lebte sie noch. „Sie weiss sicher alles, was hier vor sich geht, dass ich hier hinten gehe und alles geschehen lasse.“ Mitunter trat ich wankend in den nassen, braunen Rasen. Jetzt bemühte ich mich, nur an meine Haltung zu denken. „Nichts soll man mir anmerken, allen Schmerz später, wenn ich allein bin.“ Ich las fortwährend ein grosses, gedrucktes Wort in meinem Kopf: „Mut, Mut, Mut, Mut!“ ... Eine unendliche Zeile war es. Dabei biss ich mir in die inneren Wangen. Mit etwas Neugierde schaute ich trotzdem, wo das Grab geschaufelt war. Da, mitten unter vielen, vielen andern Gräbern .... Jetzt war man da, das schwarze Tuch wurde vom Sarge entfernt. Ich befand mich in einer Art Halbtraum. Geschickt senkten die Männer den Sarg in die Erde. Einmal blickte ich ganz kurz hinunter, unnatürlich scharf prägte sich mir das Bild ein. „Das ist der letzte Blick, der Abschiedsgruss für deinen Lebenskameraden.“

Ich entfernte mich mit schwankenden Schritten, Lampenbogen hielt mich am Arm — alle Leute grüssten —.

In diesem Augenblick kam jemand eilends vom Friedhofstor gelaufen und putzte dabei mit dem Ärmel seinen Zylinder. Es war der Friseur. — Er nahm meine Hand und sagte feierlich: „Im Tode wird das Subjekt zur Diagonale zwischen dem Raum und der Zeit, möge Sie das trösten!“

An der Mauer links sah ich die grosse Gruft der Familie Alfred Blumenstich. Auf einem weissen Marmorwürfel eine eiserne Sphinx mit Ritterhelm und geschlossenem Visir. Ich war froh, dass alles vorbei und so glimpflich abgegangen war.

Dann stieg ich wieder zu Lampenbogen, wir fuhren nach seiner Villa.

IX

Es war gewiss recht freundlich von Lampenbogens, einen so Verlassenen wie mich bei sich aufzunehmen. Ich wäre allerdings auch mit jedem anderen gefahren, mir war es zu gleichgültig, wohin es fortan ging.

Lampenbogens lassen sich „nichts abgehen“; „denen ist’s egal, dass meine Frau tot ist“, dachte ich, als mir das Mädchen die Tür zum Esszimmer öffnete. Es war sechs Uhr abends. Die Frau Doktor hatte mich schon begrüsst, als wir ankamen, sie sagte, dass sie hoffe, ich würde mich in ihrem Hause recht wohl fühlen, und das „schreckliche Ereignis“ bald vergessen. „Jawohl, das schreckliche Ereignis“, antwortete ich mechanisch. „Im Leben gibt es viele Trauer“, bemerkte Lampenbogen und legte eine Schachtel Zigarren auf den Tisch in meinem Zimmer. Nachdem ich mich genugsam gewundert, dass ich hinfort in einer anderen Stube wohnen sollte, machte ich mich ein wenig schön und ging hinunter. — Draussen war es kalt und unfreundlich gewesen, hier war es warm, geräumig und luxuriös. Die Hausfrau schien besorgt um mich, was mir wohl tat. Der Eindruck von neulich musste eine Sinnestäuschung gewesen sein, ich sah ihr heute ganz ruhig in die Augen; sie waren mandelförmig, graugrün; nachdenklich suchten sie in einem fort etwas.

„Also von dieser Frau spricht man so viel,“ dachte ich bei mir, „das ist ja alles lächerlich.“

Wir setzten uns zu Tisch, Lampenbogen nahm mit seinem Elefantenleib eine ganze Breitseite ein. Er war Gourmand. Während er ass, wurde sein Gesicht zum Blasebalg, man sah und hörte, dass es ihm schmeckte. Mir stand der Sinn nicht nach Essen, trotzdem ich nichts im Magen hatte. Lampenbogen aber wurde vor dem Tischtuch ein ganz anderer Mensch, ein „Priesterfeldherr“, wenn man so sagen darf. Andächtig und zugleich scharf überblickte er die Schüsseln, und wenn man sie ihm nicht gleich reichte, schnalzte er mit den Fingern, ganz kurz. Bereits abgetragene Speisen verlangte er kategorisch aus der Küche zurück. „Wie oft habe ich es ihr schon gesagt, dieser Bestie“, knirschte er und wurde rot. In diesem Moment glich er dem japanischen Glücksgott Fukuroku. Den Salat bereitete er selbst an einem kleinen Nebentisch. Geschickt hantierte er mit zwei Gabeln, mir fiel auf, wie sicher seine kleinen, fetten Hände sich bewegten. Ich dachte: der muss gut zu operieren verstehen. Schliesslich schien er trotzdem mit seinem Werk nicht zufrieden. „Man bekommt hier rein gar nichts mehr“, grollte er, und überblickte missbilligend eine ganze Batterie farbiger Fläschchen und Dosen. „Lampenbogen im Querschnitt“, ein Stoff für Castringius.