SCRIPTURA

Alfred Kubin · Die andere Seite · 15 of 30

Zweiter Teil · Perle · Viertes Kapitel – Im Bann · 4 of 5

„Aber Sie essen ja gar nichts!“ rief er beim Käse. Seine Frau wies ihn zurecht! „Odoaker, du weisst doch!“ Übrigens bemerkte ich, dass er gleich mir eine feine Nase hatte. Das war aber auch die einzige Ähnlichkeit zwischen uns.

Nach Tisch bekam ich meine Zigaretten; bedauernd, seufzend erhob sich der Fettberg:

„Leider, leider muss ich heute in den Klub und wir könnten so schön noch beisammen sitzen.“ Auch ich bedauerte. „Wo ist der Klub?“ frug ich. Er wollte mich natürlich sofort einführen, in den hinteren Räumen der „blauen Gans“ befand sich eine Kegelbahn. Ich dankte. Für heute wäre es mir ein bisschen zu viel.

„Nun also, in Gottes Namen denn“, sagte er und schüttelte mir die Hand.

Seine Frau erhielt einen Klaps auf die Wange. Im Kontrast zu seiner Schwere hatten seine Bewegungen eine gewisse federnde Grazie.

Wir blieben allein. — — —

„Ihr Gatte hat eine massive Gesundheit“, bemerkte ich, um etwas zu sagen.

„Ach ja“, gab sie zurück.

Die Stimmung wurde ein wenig drückend; ich hatte Angst vor der Nacht und wollte meine Anwesenheit hier möglichst lange hinausziehen. Jetzt erst betrachtete ich die schöne Frau näher. Sie trug ein blau- und weissgestreiftes, bauschiges Kleid und das üppige Haar in einem Netz nach der damaligen Mode im Traumreich. Ihr Gesicht erschien mir auffallend klein, die Stirne schmal, die Augenbrauen stark geschwungen und zwar aussen höher. Die Nase war ziemlich kurz, eine Stumpfnase, der Mund sehr voll und breit, leichte Negerlippen. Das schönste waren ein Teint wie Alabaster und das Haar. Für ein Weib war sie gross.

Ich wunderte mich, wie scharf ich in meiner Lage noch beobachten konnte. — Melitta kramte in einem Körbchen nach einer Arbeit, dann setzte sie sich an den Kamin, in welchem lange Buchenscheiter prasselten. Das reiche, braungetäfelte Esszimmer war leicht überhitzt, draussen knirschten die Bäume im Sturm, ab und zu schlug ein Regenschauer gegen die Fenster.

Ich erwartete, dass die Dame etwas sprechen würde, ich war heute ein schlechter Gesellschafter. — Aber sie schwieg. — Ich musste also ins Treffen. — „Gnädige Frau, Sie haben sehr schönes Haar“, sagte ich aufs Geratewohl.

„Es ist nicht soweit her damit, früher hatte ich mehr. — Offen ist es hübscher!“

Da durchfuhr mich auf einmal ein jäher Schreck. Ich fühlte, wie ich blass wurde.

Was sich jetzt ereignete, wird mir niemals vollständig erklärbar werden. — Ich hatte in den letzten Tagen die furchtbarsten Erschütterungen durchgemacht, die ein Mensch zu ertragen imstande ist. Ich war gebrochen — lag am Boden — ohnmächtig und verzweifelt.

Beherrscht unsere Natur etwa eine Art von Pendelgesetz? Was war es sonst, dass in mir gerade jetzt leise, aber plötzlich ein ganz kleiner Gedanke auftauchte, kalt und lauernd?

Fast im gleichen Moment spürte ich, wie sich dumpfe, unermessliche Kräfte in mir regten. Das ging alles irgendwo im Tiefen vor sich, an der Oberfläche meines Bewusstseins war ich empört über mich selbst. Aber blitzartig wandelte sich jetzt alles, alles in einen gesammelten starren, einheitlichen Willen: so wurde es irgendwo bestimmt; ich war besonnen, berechnend wie eine Schlange. — Von aussen gesehen war ich ein Mann, welcher rauchte.

Melitta legte ihr Nähzeug hin und sagte ruhig: „Als Maler müssen Sie natürlich einiges von Schönheit verstehen.“

Ich war vollständig Herr über ein kristallklares Gedankengefüge.

Jetzt wollte ich handeln — — doch erst sondieren.

„Ihr geöffnetes Haar muss wirklich ein wunderbarer Anblick sein“, sagte ich und verbarg mich hinter Rauch.

„Sie wären enttäuscht, fürchte ich!“ dabei beugte sie sich wieder rasch über die Arbeit und lachte ein wenig.

„Ach so ...“ dachte ich; nein, auf ein kitzelndes Spiel kam es mir wirklich nicht an, das war nie meine Sache gewesen. Gleichgültig stand ich auf und bemerkte mit kühler Galanterie:

„Schade, dass Ihr Mann nicht Künstler ist.“ — — (Das war eine Diversion, der Gegner sollte weiter vordringen, sich zu erkennen geben), und richtig: „Grosser Gott, der merkt das alles gar nicht!“ Es kam mit einem leicht verächtlichen Achselzucken heraus; ich hatte es nicht anders erwartet. Jetzt war sie mein. Trotzdem war noch nichts geschehen, die Situation durchaus unverfänglich.

Das Stubenmädchen trat herein: „Haben die Herrschaften noch Wünsche?“

„Nein, Sie können gehen!“

„Was würden Sie sagen, wenn ich so frech wäre und Sie bäte, Ihr Haar zu öffnen?“

(Ich brauchte diese Frage, bevor ich die Schlinge zuzog, denn ein Refüs wäre zu lächerlich.)

„Heute, am Begräbnistage Ihrer Frau?!“

(Ein Scheinhieb.)

„Ausser dem Tode gibt es auch noch das Leben“, schauspielerte ich weiter. Trotzdem empfand ich eine leichte Kontrawelle, aber was vermochte sie gegen die Gewalt, die bereits über mich entschieden hatte.

„Also, wenn Sie wollen, wenn ich Sie damit trösten kann?“

(Aha, der versteckte Stachel gegen den Witwer, ihre letzte Parade.)

„Wie dumm ist dieses Weib .... eine wie die andere ....“ Irgendwoher stieg dieser Gedanke in mir auf. Melitta erhob sich und nestelte an ihrer Frisur.

„Wird das Mädchen nicht kommen?“ sprach ich sehr ruhig und ganz leise.

(Das war ein Riegel und zugleich Vorsorge, dass das Geplänkel nicht noch weiss Gott wie lange dauerte. Ausserdem fühlte ich die Ordnung in meinem Kopfe schwinden.) Leise kam es aus ihrem Munde:

„Wir sind sicher.“ (Was kann man mehr verlangen?) Zwei prachtvolle, rotbraune Flechten fielen ihr den Rücken hinab. Sie trat hinter den hohen Schutzschirm am Kamin und löste ihr Haar völlig.

Ich war überrascht, trotzdem übertrieb ich. Detaillierte Sachkenntnis gab ich zum besten, tropfenweise goss ich leidenschaftliche Ausdrücke dazu. Mir war es ja gar nicht so um das Haar zu tun.

Eine Beklemmung presste mir den Schlund zusammen. Ich sah es kommen, wenn ich noch viel redete, würden meine Worte idiotisch.

„Ihr Haar ist einzig, darf der Künstler nicht mehr sehen? Bitte, bitte“, schmeichelte ich und bemerkte, wie sehr Melitta verwirrt wurde.

„Sie verlangen weiss Gott viel“, meinte sie, auf kokette Weise indigniert. — Ihre Röte zeigte mir, dass ihr Widerstand schmolz. Mit zitternden Fingern durfte ich die Zofe ersetzen ....

Im Boudoir nebenan verbreiteten zwei kleine Wandleuchter gedämpftes Licht. Ich wollte sie ihrer Dumpfheit entreissen, zugleich freute ich mich über diese Dumpfheit. Ich spürte den berauschenden, im Traumland nur zu bekannten Duft — — meine Frau hatte für mich nie gelebt. — — — — — — —

Auf der Strasse war es ruhig, der nächtliche Sturm hatte sich gelegt; es war noch sehr nass und kalt. Ein Säbel rasselte, zwei Passanten kamen.

„Das Trinkgeld des Teufels“, hörte ich Castringius wohlbekanntes Meckern. Ich lief und lief, um möglichst weit von der Villa fortzukommen. Niemand, nichts konnte mich dahin zurückbringen.

Im Kaffeehaus trank ich einen starken Punsch, und sagte wie im Galgenhumor: „Endlich allein!“ Nach dem dritten Glase machte ich eine Bilanz über das, was ich im Leben erstrebte und erreicht hatte: Ein Blick ins Nichts. Ähnlich wie Brendel mit seinen Liebschaften ging es mir mit allem. Ich verfolgte Vorspiegelungen eines Glückes, das mich narrte. Ich wollte von dieser Affenkomödie nichts mehr wissen. Beim vierten Glase watete ich tief im Sumpfe der Selbstmordideen. Lieber gar nicht existieren, als ein Narr unter Narren sein.

Dabei folterte mich Reue über das zuletzt Geschehene. Ich leistete der Toten Abbitte. Seit einigen Stunden deckte sie die nasse Erde, eingeengt und verlassen in ihrem hölzernen Gefängnis, während ich die Last des lebendigen Fleisches schleppen musste. Selbst in dieser Stunde neckten mich zwischendurch laszive Gedanken, welche gleich Blasen in mir aufstiegen und zerplatzten.