I
Herkules Bell aus Philadelphia machte viel von sich reden. Dieser Milliardär geizte keineswegs mit seinem Reichtum, das Traumland wurde von ihm mit Gold geradezu überschwemmt. Unsere verrottete Geldwirtschaft muss ihm ein Greuel gewesen sein. Er setzte sich mit Alfred Blumenstich ins Einvernehmen und bald merkte man, dass wir neu finanziert wurden. Kein Mensch wollte mehr Papier nehmen, niemanden durfte man die grünspanigen, ausser Kurs gesetzten Münzen anbieten. Infolge dieser Verwaltung wuchs für eine Zeitlang die Üppigkeit, ein unsinniger Taumel ergriff Perle. Tag für Tag veranstalteten die Reichen luxuriöse Feste, das Volk hockte dichtgedrängt in den Schenken, trank und stank. — Überall liess man den „Amerikaner“ — wie er allgemein genannt wurde — hoch leben, feierte seine Grossmut und Freigebigkeit.
Es ging schon auf den Herbst zu. Froh über meine geistige Klärung, gönnte ich mir Erholung.
Der Amerikaner hatte sein Hauptquartier in der „Blauen Gans“ aufgeschlagen, wo er für eine hohe Summe die erste Etage gemietet hatte. Um ihn zu sehen, ging ich eines Abends im Gesellschaftsanzug zum Hotelrestaurant.
Hier fand ich bereits Castringius und Herrn von Brendel anwesend und hatte Gelegenheit, meinen Kollegen von einer mir noch neuen Seite kennen zu lernen.
Castringius hatte in der langen Zeit, da ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen, Bekanntschaft mit dem Baron von Brendel gemacht. Der Künstler, welcher mich rollenden Blicks sofort erkannte, tat zu meiner Verwunderung sehr fremd und von oben herab. Als kenne er mich nur von ungefähr, dankte er kurz und etwas abweisend für meinen Gruss, um sich sogleich wieder abzuwenden. Das musste mir einigermassen auffallen. „Was hat er?“ dachte ich, „ich habe ihn doch nie beleidigt; sonst war er immer beinahe aufdringlich? Gesehen haben wir uns doch fast vier Monate nicht? — Komisch.“ Über Brendels Anwesenheit freute ich mich aufrichtig. Er war in die Speisekarte vertieft und bemerkte mein Eintreten nicht sogleich, sprang aber, als er mich erkannte, freudig auf und lud mich herzlich ein, an seinem Tische Platz zu nehmen. Der Zeichner hob zuerst befremdet die Augenbrauen, erkannte aber die Situation rasch, und nun schmolz sein Hochmut. Er streckte mir die Schiffsschrauben entgegen. Die Sache war die: Castringius hatte keine Ahnung, dass ich Brendel längst intim kannte, er wollte seinen Brendel für sich haben. Da dies nun nicht mehr anging, fügte er sich den neuen Umständen, — ein Genie der Anpassung. Als er sich einmal eine Weile vom Tisch entfernte, jammerte Brendel über seinen neuen Freund, der eifersüchtig seine Schritte bewache. Er begleite ihn zu jedem Rendez-vous, wo er dann behaupte, „er könne ja in der Nähe warten“. Hie und da verwende er den Zeichner als postillon d’amour, aber auch da habe er eine sonderbare Art, die Aufträge auszuführen. „Ich werde ihn nicht mehr los!“ klagte er ergeben, „ausserdem ist er von einer unglaublichen Kordialität — ach, man macht so seine Erfahrungen!“
„Ja, eine echte Künstlernatur“, tröstete ich lachend den Baron.
Es wurde übrigens diesen Abend noch recht lustig. Brendel liess Champagner bringen und Castringius klopfte mir gönnerhaft auf den Schenkel, wobei er sagte: „Ja, da schauen Sie, was?“ Er wusste nicht, dass Alkohol mir in jeder Erscheinungsform gleichgültig war.
Im grossen Saale nebenan war Lärm. Man hörte Reden und Applaus — der Amerikaner hatte eine Versammlung einberufen. „Ordnung wird er noch ins Traumreich bringen!“ soll er geschworen haben. Später sah ich ihn selbst, wie er durch das Lokal ging. Seine Erscheinung werde ich nicht vergessen. In die Saaltüre trat ein Mann anfangs der Vierziger mit untersetzter Figur und breiten Hünenschultern. Sein Gesicht schien wie eine Kombination von Geier und Stier. Alle Formen waren leicht aus der Symmetrie geschoben; die Hakennase nach einer Seite gedrückt, ein betontes Kinn, eine hohe, schmale, sehr kantige Stirn gaben dem Kopf etwas schief Verwegenes. Sein schwarzes Haupthaar war am Scheitel gelichtet. Er trug einen Frack. Mit kurzen elastischen Schritten ging er an unserem Tisch vorüber, Castringius grüsste zuvorkommend und erhielt zum Dank ein kurzes Nicken. Der Amerikaner erregte die Aufmerksamkeit des ganzen Restaurants.
„Das ist ein Kerl, wenn man an den heran könnte, Geld wie Heu“, bemerkte Castringius, ihm gedankenvoll nachblickend. „Der geschworene Feind Pateras, mir sagte es unser Redakteur —“, zugleich schenkte er sich sein Glas voll. Skeptisch lächelnd stiess Brendel mit ihm an und sagte dazu: „Also, gut bekomm’s ihm und Ihnen.“ — — Mit jedem Glase wurde nun Nik wohlwollender. Als dann gar die Zigeunerkapelle mit dem Cymbal ankam, knackte er mit seinen Zähnen Nüsse, schlug sich auf seinen wolligen Negerschädel und rief dem Primas zu: „Hier sehen Sie den Mann mit dem Löwengebiss.“ Auf Brendels erstaunte Blicke erklärte er: „Ein guter Freund von mir, soll ich ihn einladen?“ Brendel meinte, nun könne ich es bestimmen, da ich auch anwesend sei. Ich aber fand den Zigeunerprimas schrecklich. Dann vernahm man wieder den Trubel der Versammlung, übertönt von der Stentorstimme des Amerikaners.
Beim Umschauen bemerkte ich einen alten Bekannten: Professor Korntheur. Feierlich gekleidet mit einer hellen, seidenen Weste, einer bis ans Kinn gehenden Krawatte, sass der alte Herr in einer Seitennische; er hatte eine Flasche Burgunder vor sich. Ich war aufgestanden und ging hin, ihn zu begrüssen. Er machte einen festlichen, freudigen Eindruck und bot mir einen Stuhl an. „Nur auf einen Moment“, sagte ich und setzte mich. „Was ist Ihnen denn Angenehmes widerfahren?“
„O, Sie ahnen ja gar nicht, lieber Herr, ich habe sie, sie gehört mir, heute ist ein grosser Tag!“ und ekstatisch leuchteten seine guten Augen auf. „Zehn Jahre lang habe ich sie gesucht und endlich gefunden. Sie ahnen nicht, was das für einen alten Mann bedeutet! Das verjüngt! Neues Leben flutet durch die gebrechlichen Glieder! Nie mehr werde ich Acarina Felicitas von meiner Seite lassen.“
Ich gratulierte. — („Ein Johannistrieb?“ dachte ich. „Schau, schau, das hätte ich dem würdigen Herrn gar nicht zugetraut. Wohl eine Sängerin aus dem Variété? Nun ja, es mag ganz nette darunter geben.“)
„Warum haben Sie sie denn nicht gleich mitgebracht?“ frug ich, und bedauerte innerlich den Alten. („Die wird ihn schön wurzen“, dachte ich.)
„Aber hier habe ich sie ja“, rief er mit Pathos und zog eine kleine, mit Silberpapier beklebte Schachtel aus der Rocktasche.
„Eine Photographie? Ein Medaillon? Bitte, lassen Sie mich sehen“, bat ich.
„Nein, meine angebetete Acarina Felicitas selbst, da sitzt sie, in der Ecke!“
Und da in der Schachtel hockte wirklich ein kleines, schmutziggraues Insekt, die verdammte Staublaus. — Ich begriff.
— Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen. —
Als wir gingen, frug ich den Hotelier, was denn nebenan so geräuschvoll beschlossen worden sei.
„Ja, das kann ich Ihnen schon sagen,“ meinte er geheimnisvoll, „heute wurde ein Verein ‚Luzifer‘ gegründet.“
Castringius, zu vier Fünftel gefüllt, wollte uns partout zu M Adrienne führen. Wir lehnten ab. „Dann geht der Künstler solo“, sagte er, wendete seinen kaffeebraunen Rock und stolzierte, das Futter nach aussen, gravitätisch von dannen. Sein letztes Wort war: „Gute Nacht, Unmündige!“
II
Der reiche Amerikaner machte immer mehr von sich reden. Jeden Nachmittag galoppierte er auf einem schwarzen Hengst durch die Lange Gasse, wir konnten vom Café aus sein verächtliches Lächeln deutlich sehen, während sich die blassen Traumstädter in die Haustore und Winkel flüchteten, um diesem rücksichtslosen Reiter auszuweichen. An der Badeanstalt band er sein Tier fest, dann entkleidete er sich und zu Pferd ging’s in die Fluten. Mit Leichtigkeit bändigte dieser Athlet das sich bäumende Tier. — Einmal kam er nach einem solchen Bad auch in unser Kaffeehaus. Er bestellte mehrere Getränke, die es hier gar nicht gab und schimpfte infolgedessen. Endlich beruhigte er sich ein wenig bei Grog. Ich konnte ihn jetzt aus nächster Nähe beobachten, sein scharfes, diabolisches Profil war gerade vor mir. „Sicher, ein ganz gefährliches Individuum“, musste ich mir sagen. Verwachsen mit ihm war eine kurze Pfeife, doch trug er noch zwei ungeheure Etuis mit dicken Zigarren bei sich — „Propaganda-Zigarren“ nannte er sie selbst. — Jedem offerierte er ein Stück; nahm man an, so gehörte man schon zur Hälfte ihm. Dann kam er mit seinen Theorien und seinen Vereinen, auch im Kaffeehaus warb er Anhänger. Der von ihm gegründete sozialpolitische Verein „Luzifer“ wurde in der „Stimme“ gebührend begrüsst, das Amtsblatt schwieg sich darüber aus. Viel erzählte er von der Welt draussen, er sprach zu uns allen und blickte fortwährend herum, wie wenn er den Eindruck seiner Reden abschätzen wollte. Manche seiner Worte weiss ich noch. „Euch fehlt die Sonne, ihr Narren! Es geschieht euch recht, wenn ihr das ganze Leben verliert, warum wehrt ihr euch nicht? Seht mich an, ich spucke auf euern Patera!“ Und hohnlachend schlug er mit der Faust auf den Tisch. Die Zuhörer duckten sich erschrocken, sie fürchteten wohl alle, dass jetzt ein Blitz niederfahren müsse zur sofortigen Bestrafung einer solchen Blasphemie. Scheu senkten sie die Augen. — Unser Wirt bekreuzte sich mehrmals hastig, klopfte sich auf die Brust und murmelte Stossgebete. Anton hockte sich beim Ofen nieder und flüsterte zweimal: „Kreuzteufel, Kreuzteufel!“ — Die Schachspieler waren die einzigen Unberührten.
Der Amerikaner verfolgte den Eindruck seiner Worte, spie auf den Boden, warf ein Goldstück auf den Tisch und schritt voll Verachtung hinaus.
Brachte er auch nicht alles auf seine Seite, auf jeden Fall weckte er die Traumstädter zu einem politischen Leben; damit richtete er aber mehr Unheil an, als vielleicht in seiner Absicht gelegen hatte. Vereinigungen und Gruppen schossen wie Pilze in die Höhe. Alle wollten etwas anderes: Wahlfreiheit, Kommunismus, Einführung der Sklaverei, der freien Liebe, direkten Verkehr mit dem Ausland, noch strengere Abschliessung, keine Grenzüberwachung — die entgegengesetztesten Bestrebungen traten zutage. Religiöse Klubs bildeten sich, Katholiken, Juden, Mohammedaner, Freigeister taten sich zusammen. Nach den verschiedensten Gesichtspunkten, politischen, kommerziellen und höher geistigen, spalteten sich die Bewohner Perles in Gemeinschaften, die oft nur drei Personen zählten.
Das hatte der Amerikaner nicht erwartet, diese Geister wollte er nicht zitieren.
„Ihr vernunftlosen Schatten seid zu gar nichts mehr zu gebrauchen, euer Mark ist beim Teufel, euer bisschen Verstand dem Schwindel verfallen!“ So liess er sich allenthalben vernehmen.
Ein grosser Fremdenzuzug aus dem Auslande brachte um diese Zeit sehr viel Merkwürdigkeiten und Missverständnisse mit sich. — Die Neuen fanden nämlich hier schon ihren Doppelgänger vor; das gab zu allerhand Neckereien und Ärgerlichkeiten den Anstoss, denn nicht nur in Figur und Haltung glichen viele eben angekommene Träumer schon längst vorhandenen, sondern sogar in der Kleidung schien die Absicht eines Kopierens des Vorbildes massgebend gewesen zu sein. Es war lächerlich, aber es liefen sozusagen zwei Alfred Blumenstiche, zwei Brendels, mehrere Lampenbogens herum. — Man stürzte ins Café, um einen guten Bekannten, den man länger nicht gesehen, zu begrüssen. Fremdes Erstaunen — es war nicht der Richtige. — Lampenbogen ging auf der Strasse — ich zog den Hut, an der nächsten Ecke schon wieder Lampenbogen! Unsern Caféwirt sah ich eines Tages viermal hintereinander und dabei hätte ich geschworen, dass er in seinem Lokal auch noch war. Ich musste übrigens auch ein anderes „Ich“ haben, denn öfters erhielt ich einen scherzhaften Schlag auf die Schulter und sah einen fremden Mann, der sich missvergnügt entschuldigte.
Eines Tages geriet ich in grosse Aufregung. Ich begegnete in der Krämergasse, einem dunkeln Spalt, der vom französischen Viertel zum Grünmarkt führte, einer Dame, die meiner verstorbenen Frau wie ein Auge dem andern glich. Schmerzliche Erinnerungen wurden wach, ich folgte ihr, bis sie in einem Haus mit hohem altfränkischem Giebel verschwand. An der Türschwelle sah sie sich nach ihrem Verfolger um — diese Ähnlichkeit bis in jede kleinste Bewegung war konsternierend. Ich sah sie nun öfter und gestehe, dass ich ihr auch ein bisschen aufgelauert habe. Ganz heimlich und mir selbst noch uneingestanden überlegte ich, ob nicht vielleicht ein zweites Glück möglich wäre — bis ich sie dann eines Tages am Arm eines vierschrötigen Mannes mit langem Künstlerhaar und Schlapphut sah. Ich erkundigte mich in ihrem Hause, sie war die Gattin eines Hoforgelbauers. Ich kam mir wie genarrt vor. Man konnte jetzt bei dem leichten Herbstregen, der in seinem Schimmer alles auflöste, nicht vorsichtig genug sein, um Täuschungen vorzubeugen. Unter falschem Namen machte ein Castringius II. in allen Kneipen Schulden, bis man auch dem echten nichts mehr borgte.
„Die Liga der Freude“ wurde bei einem grossen Fest im ehemaligen Theater von Mitgliedern der reichen Klassen gegründet. Melitta spielte hier eine besondere Rolle und genoss ihre traurige Berühmtheit. Einmal brannte sie durch und trat eine Woche Tag für Tag im Variété in einer Entkleidungsszene, „die neue Eva“ auf. Obgleich das Gesicht von einer Maske bedeckt war, erkannte sie jedermann. Dieser Skandal brachte Lampenbogen und Brendel einander näher. Beide sahen sich in ihrer Ehre gekränkt und gemeinsames Leid trägt sich leichter. Brendel war ihr gänzlich verfallen, er konnte nicht mehr „wechseln“. Hohläugig und bekümmert ging er einher und wich auch mir aus — er schämte sich. Melitta dagegen, unersättlich in ihren Gelüsten, fürchtete die Schande nicht. Sie schmachtete auch nach dem Amerikaner. Seine starken Schultern, seine gesunde, im Traumreich seltene Hautfarbe lockten sie. Man hat gesehen, wie sie vor ihm herging, die Röcke bis über das Knie raffte und nacheinander Taschentuch, Lorgnon und Portemonnaie fallen liess. Ungalant reagierte der Mann des Westens auf diese Scherze nicht, und als sich die schöne Dame selbst bückte, dem Menschenbändiger ihre Kruppe bittend zugewandt, sagte dieser kalt: „Na, Kleine, mach’ Platz!“ und schob sie zur Seite. Hasserfüllt hetzte sie jetzt Brendel auf den Hartnäckigen, doch ohne Erfolg. Der Amerikaner liess antworten, er pflege sich ausschliesslich mit der Hundspeitsche zu schlagen. Damit war auch dieser Skandal erledigt.
Am meisten Erfolge hatte der Verein „Luzifer“ mit Werbungen bei den neuzugezogenen Träumern. Diesen war es meist zuwider, sich in die alten, komischen Kleider stecken zu lassen. Auch der sonstige unmoderne Kleinkram, das schon historische Möbelzeug usw. behagte ihnen wenig. Solche Leute schlugen sich zur Partei des Amerikaners.
Ich wunderte mich manches Mal, dass der wahre Meister so tatenlos diesem Treiben zusah, das der bisherigen Leitung des Traumstaates so offen widersprach. Unser Caféwirt, neutral in der Gesinnung, meinte pfiffig: „Sie, der ist schlau!“
Die Grenzüberwachung funktionierte nach wie vor gut, aber innerhalb der Mauern war alles wie geladen von drohendem Unheil. Schwül und drückend, wie früher nie, war die Luft; ein fahler, heller Glanz lag über unserer Stadt, es drangen sogar einige Male schräge Sonnenstrahlen durch den sonst unbeweglichen Wolkenschleier. Dieses unangenehm blendende Licht war sehr unheimlich, wir waren keine Sonne mehr gewohnt, ein erfrischender Regen wäre uns weit lieber gewesen.
Die Zeit schien ein anderes Tempo angenommen zu haben. Überall auf den Strassen standen Gruppen angstvoll aufgeregter Menschen beisammen, was dem sonst ruhigen Perle den künstlichen Anstrich einer verkehrsreichen Stadt gab. Hastig warfen sich Parteigänger Erkennungsworte zu. Im grossen und ganzen fiel alles, trotz der Uneinigkeiten im einzelnen, in zwei grosse Gruppen auseinander: in solche, die noch an den Herrn glaubten, und in die andern, die dem Amerikaner ihr Ohr liehen. Unbedingt verlässlich waren diese Elemente allerdings nicht, das wusste er auch. Er betrieb daher seine Propaganda weiter.
Wie meine Leser sich erinnern werden, gab es in Perle zwei Tageszeitungen und die illustrierte Wochenschrift. Das Amtsblatt war natürlich für den neuen Machthaber nicht zugänglich, es hielt sich regierungstreu bis auf die letzte Zeile. Hingegen wirkte er nach Kräften auf die „Stimme“ ein, mit dem Erfolge, dass die Redaktion die Verantwortung für die aufrührerischen Artikel am Schlusse eines jeden unumwunden ablehnte. Diesem Doppelspiel musste sich unser Redakteur fügen, dem es wohl auch nicht allzu schwer geworden sein mag. War er doch seit jeher der heimliche Leiter aller drei Blätter, die erschienen und drei verschiedene Tendenzen verfolgten.
Wir zwei Zeichner mussten nach wie vor unsere Arbeiten in der bisher üblichen Traumspiegelmanier weiter liefern; Castringius versuchte allerdings oft genug, versteckt dem Amerikaner zu huldigen. Er zeichnete ihn als Riesen, wie er in goldener Rüstung dastand und Staatspapiere und Obligationen in seine Pfeife stopfte; bis er eines Tages eine Karte von Herkules Bell erhielt, auf welcher nur ein Wort stand, nämlich „Esel“!
Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, der Amerikaner wolle mit grossen Summen die „Stimme“ und den „Traumspiegel“ kaufen und selbst herausgeben. Zuvor führte er seinen Hauptschlag aus: die Proklamation. Dazu musste unser armer Redakteur und Druckereibesitzer erst vergewaltigt werden. „Das drucke ich nicht!“ versicherte er zuerst angstvoll. Doch der Unhold lachte nur und blies dem ängstlichen Pflichtmenschen seinen Tabakrauch ins Gesicht.
„Sie werden das sofort auf knallrotes Papier drucken“, brüllte er ihn an.
Der Misshandelte warf sich auf die Knie nieder und winselte: „Gnade! Gnade! Aber das kann ich nicht drucken, das wäre mein Tod!“
Da zog der Unerbittliche einen Revolver aus der Tasche, hielt ihn dem Ärmsten an das Ohr und schrie: „Wenn Sie nicht sofort gehorchen, knalle ich los!“ Schlotternd und kreideblass nahm der Redakteur das Blatt: „Ich bin Familienvater“, jammerte er, wobei Tränen seine Wangen hinunterliefen.
Der Amerikaner überwachte selbst den Druck; ging’s ihm zu langsam, so schoss das Scheusal in die Luft. Bis abends waren sechstausend Proklamationen fertig, für mehr hatte das rote Papier nicht gereicht.
„Nun, Sie Kindskopf, was ist denn jetzt passiert?“ fragte er den noch immer tiefbekümmerten Herausgeber. Jedem Angestellten der Druckerei aber gab er hundert Gulden in Gold.
III
Das hier abgedruckte Exemplar der Proklamation erhielt ich von einem russischen Offizier, der dabei war als das Traumreich erobert wurde. Er hat sie mir zum Abdruck liebenswürdig zur Verfügung gestellt.