PROKLAMATION!
Bürger von Perle!
Als ich hierher kam, dachte ich ein Land von feenhafter Pracht zu schauen! Euch ging es wohl allen ebenso. Sieben Jahre lang wandte ich mich mit Bitten um Aufnahme in den Traumstaat an Patera. Endlich gewährte er meinen Wunsch; doch es wäre für mich besser gewesen, wenn er auf seiner Weigerung bestanden hätte. Ich fand ein Reich, in welchem der Unsinn herrscht! Nur das grosse Mitleid mit euch veranlasst mich, euch die Augen zu öffnen. Ist euer Leben schon verdammt? Nein! Und noch einmal nein! Aber ruhelos, unglücklich seid ihr! Das müsst ihr mir zugeben, alle, jeder! Einem Schwindler seid ihr in die Falle gegangen, einem Hochstapler, einem Magnetiseur! Er hat euch um eure Gesundheit, euer Hab und Gut und euern Verstand gebracht! Unglückliche! Ihr seid einer Massenhypnose verfallen! Keiner gehorcht mehr seiner eigenen Vernunft. Nein, die fremde Suggestion in seinem Schädel hält er für eigene Gedanken! So lasst ihr euch zu Tode hetzen und dieser Teufel findet daran seinen Spass!
Aber noch ist es Zeit zur Rettung! Jeder, der noch einen Funken Kraft in sich hat, unterstütze mich in meinem Vorhaben.
Merkt nun auf, was ich euch zu sagen habe. Der Bann ist abzuschütteln! Ihr braucht nur ernsthaft zu wollen und ihr seid frei! Schart euch um mich, bildet Bataillone und stürmt den dreimal verfluchten Palast! Ich setze einen Preis von
einer Million Gulden
auf das Haupt dieses Satans. Wisst ihr denn, in was für Häusern ihr wohnen müsst? Ich kann es euch sagen: Es ist fast keines darunter, das nicht von Verbrechen, Blut und Gemeinheit besudelt worden wäre, bevor es auf seinen jetzigen Platz gebracht wurde. Der Palast ist zusammengeflickt aus Trümmern von Stätten, die der Schauplatz blutiger Verschwörungen und Revolutionen waren. Patera ging beim Sammeln bis auf die ältesten Zeiten zurück. Bruchstücke vom Escurial, von der Bastille, von altrömischen Arenen wurden zu seinem Bau verwandt, Steinblöcke vom Tower und vom Hradschin, vom Vatikan und vom Kreml sind auf sein Anstiften gestohlen, losgebrochen und hierhergeschleppt worden.
Wo es menschliches Unglück gab, dahin streckte euer Meister seine Fühler. Das Kaffeehaus in der Langen Gasse war noch vor fünfzig Jahren ein verrufenes Wiener Vorstadtcafé, die Molkerei eine oberbayerische Räuberhöhle. An der Mühle, die in Schwaben gekauft wurde, klebt seit zweihundert Jahren das Blut eines Brudermords! Dies sind nur Beispiele, ich will euch nicht die Ergebnisse aller meiner Nachforschungen mitteilen. Es mag euch die Versicherung genügen, dass Patera in den ekelhaftesten Teilen der Grossstädte die meisten seiner geheimnisvollen Häuserkäufe betrieb. Paris, Stambul etc. gaben ihr Scheusslichstes!
Bürger! Nun, da ich euch die Augen geöffnet habe, schliesst sie nicht wieder! Noch einmal fordere ich euch alle auf, den Sturz dieser Bestie zu beschleunigen. Einen Rat gebe ich euch! Hüte sich jeder vor dem Schlaf! Das ist die Zeit, in welcher der Herr euch knechtet! In der Ohnmacht des Schlafes seid ihr ihm ausgeliefert, da bläst er euch seine tückischen Ideen ein, erneuert und verstärkt er täglich seinen infernalischen Bann und zerstört euren Willen. Ich bin überzeugt, in allen von euch noch einmal glückliche und zufriedene Menschen zu sehen!
Die grosse Welt da draussen hat einen Riesenschritt dem Lichte der Zukunft entgegen getan! Ihr seid zurückgefallen und hockt in einem Sumpf. Keinen Anteil habt ihr an den herrlichen Erfindungen unserer neuen Zeit, den zahllosen Erfindungen, welche Ordnung und Glück verbreiten, steht der Träumer fremd gegenüber! Bürger, ihr werdet staunen, wenn ihr hinauskommt! Das Blau des Himmels, das Grün der Wiesen wird euch wieder zulächeln, die Sonne wird wieder Rosen auf eure matten Wangen zaubern, unsägliche Freude werdet ihr wieder an euren Kleinen erleben und an den sterilen Schmutz des Traumstaates nur mit Abscheu zurückdenken. Hütet euch vor jeder List dieses verbrecherischen Schauspielers!
Nieder mit Patera! sei euer Schlachtruf!
Werdet alle Söhne Luzifers!
Dixit
Herkules Bell.
Für diese Proklamation machte Castringius eine Kopfzeichnung: Eine Freiheitsgöttin mit Diadem hält eine Tafel, auf deren Rückseite die Worte: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gesellschaft, Wissenschaft, Recht zu lesen waren. In ihrem Kopfschmuck steckte die amerikanische Flagge und zog sich wimpelartig um den Rand des Aufrufes.
Zum Anschlagen und Verteilen dieser roten Blätter wurde Jaques und seine Rotte bestimmt. Jaques, ein halbwüchsiger Bursche, hatte nur eine Mama, sein Vater war unbekannt. Die Mutter, Madame Adrienne, war eine Kupplerin von Ruf und Inhaberin des bessern der beiden Etablissements im französischen Viertel, aus dem sie nie herauskam. Jaques, eine Galgenphysiognomie, konnte man überall sehen, wo es verderbt zuging; er hatte den Rang eines Apachengenerals und seine Streiche, oft von ausserordentlicher Tollkühnheit, waren unter seinesgleichen berühmt. Der Amerikaner lernte dieses Subjekt in einer Garküche kennen und engagierte es sogleich mit reichlichem Handgeld. Für Jaques, der seinen Lebensunterhalt auf eine nicht wiederzugebende Art verdiente, hatte der Reichtum des Politikers etwas Bestechendes. Gleich beim ersten Zusammentreffen verschrieb er sich ihm mit Haut und Haar und erbot sich, mit einem Schwarm dunkler Existenzen aus dem französischen Viertel die Leibgarde des Krösus zu bilden.
Nicht jeder freilich war käuflich. Zum Beispiel der Neger Gotthelf Flattich, ein geborener Kameruner, ein ehemaliger Lastträger, der in das Traumreich verschlagen worden war, widerstand der Versuchung. Bell kannte ihn von früher, denn der Schwarze hatte eine seiner Dienerinnen, ebenfalls eine Negerin, geheiratet. Ein reiches Geschenk erwarb Bell damals die Zuneigung des Mannes; als er ihn im Traumreiche wiederfand, freuten sich beide. Flattich war stark wie ein Ochse, dabei gutmütig. Hüten musste man sich nur davor, ihn aus seinem Phlegma zu wecken, dann wurde er fürchterlich. Verwitwet, beschäftigte er sich mit dem Abrichten von Vögeln. Bell wollte ihn sogleich für sich werben, fand jedoch für seine Pläne ein taubes Ohr. Flattich war ein glühender Verehrer von Patera und um nichts in der Welt diesem abspenstig zu machen. Er beteiligte sich auch nicht am Aufstand, sondern blieb ruhig bei seinen Passionen. Er wohnte im französischen Viertel und war dort allgemein beliebt. In unserer Geschichte wird er noch einmal auftauchen.
Als Folge der Debauchen und Schwelgereien war die Nervenzerrüttung im Traumland eine furchtbare geworden. Die bekannten Geistes- und Nervenkrankheiten, Veitstanz, Epilepsie und Hysterie traten jetzt als Massenerscheinungen auf. Nahezu jeder Mensch hatte einen nervösen Tik oder litt an einer Zwangsvorstellung. Platzangst, Halluzinationen, Melancholien, Starrkrämpfe mehrten sich in besorgniserregender Weise, aber man tollte fort, und je mehr sich die grauenhaftesten Selbstmorde häuften, um so wüster trieben es die Überlebenden. In den Gastwirtschaften kam es zu den blutigsten Messerstechereien. Ich konnte keine Nacht mehr ruhig schlafen, der Lärm drang störend aus dem Kaffeehaus bis in mein Zimmer. Die Zügellosigkeit steigerte sich, man wagte schliesslich alles.
Eines Abends trat eine Chansonette im Café auf, da war’s anfangs, bis auf das verstimmte Piano und den Applaus etwas ruhiger, aber um 3 Uhr hub Kreischen und Lachen an; ich stand auf und sah vom Fenster aus, wie die Soubrette, völlig entkleidet und mit einem Kranz von Champagnerflaschen garniert, auf einem Handwagen von der betrunkenen Gesellschaft durch die Stadt gezogen wurde. Herr Leutnant de Nemi führte den sonderbaren Zug mit entblösstem Degen.
Die neun Halbwaisen aus meinem alten Wohnhaus erhielten nun öfters Besuch von Alfred Blumenstich, dem bekannten Wohltäter. Wie man sagte, sollen diese Visiten hauptsächlich den beiden ältesten Töchterchen gegolten haben. Er fuhr mit grossen Konfektdüten beladen vor, man sah ihn in der Tür verschwinden, die der Vater selbst bewachte, damit Herr Blumenstich nicht gestört würde.
Äther und Opium lösten bisweilen den Alkohol ab, öffentlich machte man sich Injektionen, um die erschlafften Nerven durch sie aufzupeitschen oder zu beruhigen.
Dass solche Zustände einer Katastrophe zuführen mussten, war den wenigen einsichtigen Elementen klar; mit Entsetzen musste man die wachsende Ruhelosigkeit im Gehaben dieser Halbwahnsinnigen feststellen. Die geheimnisvollen gellenden Schreie, welche nachts aus den Häusern drangen, regten mich ganz besonders auf, das beschleunigte Geschehen verlieh dem Leben etwas Schattenhaftes, tatsächlich Traumartiges.
Denkt man sich dazu noch die drückende, heisse Luft, die gespensterhafte Gewitterbeleuchtung — dann und wann zuckte ein greller Schein über den schwefeligen Himmel — so kann man sich eine ungefähre Vorstellung von meinen bangen Gefühlen in jenen Tagen machen.
Und jetzt kam noch die Proklamation — sie wurde an allen Strassenecken angeschlagen und in jedes Haus gebracht. Die Gegensätze, welche sich zwischen der Partei des Amerikaners und den alten, zu Patera haltenden Traumstädtern zugespitzt hatten, mussten dadurch verschärft werden. — Es waren böse Zeiten.