I
Es ist ein trüber Vormittag. Der Amerikaner Herkules Bell liegt noch zu Bett, die Arme verschränkt, halbsitzend, mit der Miene des tiefsten Nachdenkens. „Ich werde siegen!“ murmelt er, und ein stolzer Schein verklärt sein wenig schönes, allzu energisches Gesicht. „Ich werde siegen“, wiederholt er laut und erhebt sich.
„Ich bin gesund!“ denkt er triumphierend und tritt nackt vor den grossen Stehspiegel. Mit herausforderndem Blick mustert er seinen Körper und lässt durch ein paar gymnastische Übungen die Muskeln spielen: „Das ist alles unbeugsam!“ — er klatscht sich auf die behaarte Brust. Wie ein Ringkämpfer kommt er sich vor und ruft in einer frohen Aufwallung: „Erster Preis für Herkules Bell!“
Er denkt an die Traummenschen und speit unwillkürlich in die Ecke. Rasch genug wird er mit dieser kraftlosen Herde fertig werden!
Da runzelt er plötzlich die Stirn. Die Vorstadt kommt ihm in den Sinn. Nur ein einziges Mal ist er drüben gewesen und hat sich ihre Bewohner angesehen. „Humbug“, darin fasste er sein Urteil über den alten Stamm zusammen und ging nie mehr in das Dorf, das ihm „unsympathisch“ war.
Nachdem er sich von der abweisenden Kälte der blauäugigen Asiaten überzeugt hatte, kam er zu dem Schluss, dass die Vorstadt ein unfruchtbarer Boden für den Parteikampf sei. Trotzdem fürchtete er aus einem dunklen Gefühl heraus immer noch einen Streich dieser seltsamen Greise. Sie wurden von der beginnenden Umwälzung gar nicht berührt und lebten tatenlos in den Tag hinein. Zum Teufel noch einmal, da waren ihm die verkommensten Traumstädter noch lieber! — —
Er kleidet sich an und rasiert sich sorgfältig, hernach massiert er kunstgerecht sein Gesicht, wobei die gesunkene Stimmung wieder besser wird. Sein Hauptschlag soll erst noch kommen, diesen Triumph ahnt noch niemand. Er denkt an die Nacht, in der er sich von seinem ergebenen Lieblingsdiener trennte. Unter Lebensgefahr hat sich dieser Mann, welcher schon seit zwanzig Jahren die Stellung eines Leibjägers bei Herkules Bell bekleidete, aus dem Traumreich entfernt, um dem Auslande Nachricht über den neuen Staat zu bringen. Connor befand sich also ausserhalb der Grenzmauern. Dieses praktisch-technische Genie hatte mit raschem Blick erkannt, dass der Fluss die einzige Möglichkeit zur Flucht bot. Da, wo er unter dem Bollwerk der Mauer verschwand, tauchte Connor unter und stiess auf ein Eisengitter. Unter dem Schutze der nächtlichen Dunkelheit gelang es ihm, einen Stab zu durchfeilen, wodurch eine Öffnung entstand, durch die er seinen schmalen und gewandten Körper zwängen konnte. Das tat er eines Nachts — und eine von draussen weit über die Mauer emporsteigende Rakete zeigte dem Amerikaner an, dass dem kühnen Mann das Wagestück gelungen war. In einem Gummibeutel trug er den wichtigen Brief auf der Brust; für seinen gestählten Organismus war von dem nächtlichen Bad nicht viel zu fürchten. — Jetzt konnte es an nichts mehr fehlen! — In Abenteuern aller Art hatte Connor seine Klugheit und Ausdauer bewiesen.
Nach längstens vier bis sechs Wochen musste Hilfe eintreffen.
„In zwei Monaten bin ich Herrscher des Traumreichs!“ sagt Bell und füllt seine Etuis mit Zigarren. „Bald wird mir Patera zu Füssen liegen!“ Ein böses Leuchten tritt in seine Augen. Warum muss er dem Meister, den er so hasst, im geheimen doch glühende Bewunderung zollen? In dieser Frage liegt die ganze Tragik dieses Mannes.
Als er nach langem Bitten hier einziehen durfte und die Wirkung der unermesslichen Kräfte Pateras mit eigenen Augen gesehen hatte, hielt er in seinem praktischen Sinn die Art ihrer Verwendung für lächerliche Spielerei. Mit seinem unternehmenden Geist hätte er ganz andere Dinge verwirklicht. An eine Art Kompagniegeschäft mit dem „Herrn“ hatte er zuerst gedacht, und hätte rückhaltlos seine Millionen in diese Idee gesteckt. Die Welt könnte man erobern! — wahrhaftig etwas mehr als diese Tollhausniederlassung.
Diesem machtvollen Mann, dem sie in Amerika und Europa um seines Goldes willen die Fusssohlen leckten, musste es hier passieren, dass er vom Herrn wie ein lästiger Bittsteller behandelt wurde. Seine Besuche waren mit Spott abgewiesen worden. Nicht ein einziges Mal hatte er bis zur höchsten Person vordringen können, um seine wertvollen Vorschläge zu unterbreiten. Die unerwartetsten Zufälle hatten sich immer dazwischen geschoben. Da entwickelte sich im Herzen dieses Menschen ein furchtbarer Hass gegen Patera. Jetzt wollte er seine Macht fühlen lassen, er brauchte keine Almosen! Anerkennung wollte er sich erzwingen! Und er warf sich auf die Politik — mit welch günstigen Erfolgen, weiss man. Ganze Nächte wälzte er sich im Bett und zergrübelte sein Hirn nach einer Rache an dem Unsichtbaren. Seinem Gelde, seiner unausgesetzten Tätigkeit war es zuzuschreiben, dass er heute im Traumstaate einen so gefürchteten Namen hatte. Das Ziel, die Demütigung Pateras, schien nun nahe. „Aber nun gilt’s handeln, nicht denken.“ — Er nimmt seine Uhr — — — sie steht! — — — „Sonderbar, wie lange habe ich denn geschlafen?“ — — — Er klingelt dem Diener. — Es kommt niemand. — Jetzt öffnet er die Tür zum Vorzimmer. Da liegt der Diener John und schläft mit offenem Munde. Bell tritt an ihn heran und rüttelt den Schlafenden, — umsonst. — — Endlich macht John langsam die Augen auf und blickt seinen Herrn blöde an. Gleich darauf schläft er wieder ein und ist nicht mehr zu erwecken.
Wütend, doch erfolglos, drückt der Amerikaner auf alle Schellenknöpfe und begibt sich ins Restaurant hinunter. Das erste, was er hier bemerkt, ist der schnarchende Hotelier hinter dem Schanktisch. Einige Gäste sitzen, ihr Haupt auf dem Tisch, die Serviette als Unterlage benutzend und schlafen. Vor ihnen stehen halbgefüllte Gläser und Teller mit Speiseresten. An den Kleiderständer gelehnt, steht der Piccolo und hält schlafend den Traumspiegel zwischen die Beine geklemmt. Bell gibt ihm einen Stoss — der Kleine sinkt zusammen, ohne den friedevollen Ausdruck seines Gesichtes zu verändern.
Der Amerikaner jagt wieder hinauf und wäre dabei fast über die vermummte Waschfrau gestolpert. Ein furchtbarer Gedanke steigt in ihm auf. Weit beugt er sich aus dem Fenster. An der gegenüberliegenden Strassenecke flattert etwas Rotes — Papierfetzen — eine schlecht angeklebte Proklamation. In einem schmutzigen Strassenwinkel sieht er zwei Männer auf dem Boden liegen, aus der Tiefe eines Hausflurs ragen Rock und Beine einer Frauensperson. Sonst ist es öde und menschenleer, nur in der Ferne schleichen zwei Tiere mit spitzen Schnauzen. Es sind Füchse. Bell tritt vom Fenster und sinkt in einen Armstuhl. Sein Blut tritt zurück, er erbleicht, und ein Ausdruck unsäglicher Verachtung kommt in sein Gesicht. Er lässt das Haupt sinken, drei senkrechte, scharfe Falten werden auf seiner Stirne sichtbar, seine Nasenflügel beben und in schlaffer Haltung sagt er mit leidender Stimme: „Ich bin ein Pfuscher! — — Verspielt!“ — Seine Augen sind im Begriff, sich zu schliessen — — — — Es kommt doch nicht so weit — — — zitternd kämpft sein Körper gegen die Müdigkeit an. — — — Er schleppt sich zur Badewanne und steckt den Kopf in das kalte Wasser — das erfrischt! — nimmt einen Schluck Branntwein — — mit dem Rest in der Flasche reibt er sich den Schädel ein — — — die Schwäche ist überwunden. Dann stopft er seine Pfeife, setzt den Hut auf und geht fort.
Herkules Bell ergibt sich nicht.
II
Eine unwiderstehliche Schlafsucht senkte sich auf Perle. Im Archiv brach sie aus und verbreitete sich von da über Stadt und Land. Kein Mensch konnte der Epidemie widerstehen. Wer sich eben noch seiner Frische rühmte, hatte, ehe er sich’s versah, den Keim der Krankheit schon irgendwo aufgefasst.
Sehr bald wurde ihr ansteckender Charakter erkannt, doch fand kein Arzt ein Heilmittel. Die Proklamationen verfehlten ihren Zweck, denn noch während des Lesens gähnten die Leute. Jeder, der konnte, blieb zu Hause, um nicht auf der Strasse von dem Übel befallen zu werden. Hatte man sein geschütztes Plätzchen, dann ergab man sich getrost in das neue Geschick. Weh tat es ja nicht. Ein starkes Mattigkeitsgefühl war meist das erste Anzeichen, dann überfiel den Patienten ein Gähnkrampf, er glaubte Sand in den Augen zu haben, die Augendeckel wurden schwer, alles Denken verschwamm, und müde liess er sich nieder, wo er gerade stand. Der Kranke konnte wohl mittels scharfer Dünste, Salmiak etc. dann und wann aus dem Schlaf gerissen werden, lallte aber nur ein paar unverständliche Worte und war wieder weg. Bei starken Personen liess sich der Zustand durch Frottagen um einige Stunden hinausschieben, dann war es aber das gleiche. Viele Fälle verliefen rapid. Da ereiferte sich ein Redner eben noch über die politischen Ereignisse, als er sich plötzlich über den Tisch beugte, den Kopf sinken liess, und regelmässig zu schnarchen anhub.
Anton im Kaffeehaus dagegen konnte kaum mehr die Augen aufhalten und bediente noch immer. Aber wie musste man ihn aufmuntern! Du lieber Gott! Mit Zuckerstückchen und Kaffeelöffeln wurde er bombardiert — er war von einer beispiellosen Vergesslichkeit, und wenn er endlich träge das Verlangte brachte, war der ungeduldige Gast oft selbst eingeschlafen. Man musste scharf achthaben, dass die brennenden Zigarren der Schlafsüchtigen ausgelöscht wurden.
Auf dem Exerzierplatz übte die Soldateska fleissig, um bei einem drohenden Aufstande ihren Mann stellen zu können. Aber die Unteroffiziere konnten brüllen, soviel sie wollten, ein Mann nach dem andern legte sich auf den Boden. — Merkwürdige und komische Zwischenfälle ereigneten sich. — Die Hände noch in der fremden Kasse schliefen da Diebe selig ein. — Melitta lag vier Tage lang in Brendels Wohnung; ihr Gemahl träumte über den Tisch gebeugt, die Nase in einer Mayonnaise.
Castringius hatte es beim Kartenspiel gepackt. In einer üblen Kneipe lehnte er behaglich in seinem Stuhl und hielt den Schellunter im Pfötchen. Mich selbst erwischte es zu Hause, wohin ich mich sehr bald zurückzog. Gerade hatte ich das Bett gerichtet und wollte die Vorhänge zuziehen. Ich sah noch, wie aus dem Fenster der Prinzessin gegenüber eine Banknote nach der andern auf die Strasse flatterte; ein leichter Herbstwind trieb sie wie welke Blätter die Gasse zum Flusse hinunter. Da war’s die höchste Zeit für mich, mein Lager aufzusuchen.
An den ersten beiden Tagen nach Ausbruch der Seuche liefen die Züge mit enormen Verspätungen ein, da bei jeder Station neues Personal eingestellt werden musste. Später blieben sie ganz aus.
Die letzte Nummer der „Stimme“ war nur einseitig bedruckt, und selbst da wimmelte es von unvollständigen Sätzen und Legionen von Druckfehlern. Die letzte Seite, wo sonst die lächerlichen Miszellen gestanden hatten, fehlte ganz. Es half kein Sträuben; Perle schlief. Dieser Zustand vollständiger Bewusstlosigkeit mag sechs Tage angedauert haben, der Friseur brachte wenigstens diese Zeit heraus; er hatte sie nach der Länge der Bartstoppeln seiner Kunden berechnet.
In dieser Zeit soll in der ganzen Stadt ein einziger Mensch nicht oder doch nur ganz kurz geschlafen haben: der Amerikaner! Wenigstens behauptete er das selbst. Eines Tages, als er wie ein neuer Dornröschenprinz durch die Lange Gasse wanderte, wollte er durch ein Fenster des Kaffeehauses bemerkt haben, wie der eine von den beiden Schachspielern gerade einen Zug machte. Er schloss daraus, dass diese beiden gleich ihm von der Krankheit verschont geblieben waren. Aber sonst fiel man über die Schlafenden. Nicht nur auf allen Bänken der öffentlichen Anlagen, auch in Treppenhäusern und Torwegen lagen bunt durcheinander gut gekleidete Herren und Damen und schliefen wie die Obdachlosen trotz ihrer eigentümlichen Lage mit zufriedenen Mienen.
Als man wieder nach und nach zu sich kam, konnten viele in ihrer Tätigkeit fortfahren. Das war sehr gut, nicht nur für Brendel, sondern auch für den armen Gaul beim Wasenmeister, welcher tagelang hochgewunden auf den erlösenden Hieb warten musste. Nun erhielt er ihn. Denn das Merkwürdigste war, dass Tiere gegen die Schlafsucht unempfindlich blieben.
Für die meisten Leute hatte sich wenigstens für den ersten Augenblick nichts verändert. Als ich munter wurde und nahrungsbedürftig das Café betrat, war schon der Friseur da mit einem Riesenhunger, aber sehr übellaunig. Er vermisste nämlich ein Vierkreuzerstück, welche Entdeckung zu einer dauernden Verstimmung zwischen Herrn und Gehilfen wurde, der natürlich wie alle Tiere wach geblieben war.
Die Traumstadt wachte auf und fand sich — — in einer Art Tierparadies. Während unseres langen Schlummers hatte sich eine andere Welt derartig ausgebreitet, dass wir in ernstester Gefahr schwebten, verdrängt zu werden, die Tierwelt. Allerdings war es schon in der letzten Zeit aufgefallen, dass Ratten und Mäuse in diesem Jahre besonders gediehen. Aber auch über einfallende Raubvögel und vierbeinige Hühnerdiebe wurde Klage geführt. In Alfred Blumenstichs Park hatte der Gärtner sogar Wolfsspuren gesehen. Er wurde zwar ausgelacht; als aber am andern Tage von einer schneeweissen Angoraziege — dem Lieblingstier der Frau Kommerzienrat — nur noch das Hörnerpaar vorhanden war, da lachte niemand mehr.
Wer vermöchte das Staunen der vielen zu beschreiben, die allein und ungestört eingeschlafen waren, sich nun aber in unerwünschter Gesellschaft befanden? Da sass ein grosser, grüner Papagei am Fenster, oder Wiesel und Eichhörnchen guckten neugierig unter den Betten hervor. Erst nach und nach kam man hinter dieses Treiben. Aus dem Schlachthause wurde von den aufwachenden Metzgern ein grosses Rudel Schakale vertrieben. — Die Überfälle von Wölfen, Wildkatzen, Luchsen nahmen in erschreckender Weise zu. Schlimm war es, dass selbst unsere Haustiere auf einmal störrisch und bösartig wurden, fast alle Hunde und Katzen verliessen ihren Herrn und wilderten auf eigene Faust. — Die wieder erscheinenden Zeitungen berichteten von einem aufregenden Fall: in die Parterre-Wohnung der Selchermeisterswitwe Apollonia Six war ein Bär eingestiegen und hatte die bemitleidenswerte, tiefschlafende Frau vollständig aufgefressen. Durch ein paar Schüsse wurde die Bestie getötet. — In die Stadt kommende Jäger und Fischer erzählten märchenhaft anmutende Geschichten von ungeheuern schwerfälligen Tieren, die sie beobachtet haben wollten. Aber kein Mensch glaubte diesen Berufsaufschneidern. Da kamen auf einmal die Bauern und andere im freien Lande wohnende Traummenschen auf ihren plumpen Pferden in hellen Haufen dahergesprengt. In vollgepackten Wagen brachten sie Frauen und Kinder sowie den wertvolleren Hausrat mit. Sie waren äusserst unzufrieden und demonstrierten vor dem Palast und dem Archiv. Sie beklagten sich, dass man ihnen keinen militärischen Schutz geschickt hatte. Büffelherden hatten ihre Ländereien verwüstet, auch konnten sie sich nur mit knapper Not vor den Überfällen scharenweise auftretender grosser Affen retten; diese Teufel schonten weder Frauen noch Kinder. Bald darauf wurden die Fährten von kolossalen Zweihufern im Lehmboden der Tomassevicfelder festgestellt, die am Rande der Stadt lagen; das war bedenklich.
Die Insektenplage war grässlich. In Schwärmen liessen sich gefrässige Heuschrecken von den Bergen nieder und wo sie hinkamen, blieb kein Halm stehen. Durch eine solche Wolke wurde in einer einzigen Nacht der Schlossgarten vernichtet. Wanzen, Ohrwürmer, Läuse machten das Leben schwer. Alle diese Tiergeschlechter, von den grössten bis zu den geringsten, beherrschte ein geradezu elementarer Paarungstrieb. Trotzdem sich alles gegenseitig auffrass, vermehrten sich die Vier- und Sechsfüssler in unheimlichster Weise. Was half es dagegen, wenn auch Waffen und Gift von den Behörden ausgegeben und die strengsten Befehle zum Schliessen der Fenster und Türen erteilt wurden; der Segen war zu gross. Freiwillige Jagdtruppen organisierten sich und unterstützten Militär und Polizei. In vielen Häusern waren Schiessscharten gebrochen.
Die Frau des Caféwirts erwachte eines Morgens mit vierzehn Kaninchen im Bett. Da ihr Schlafkabinett nur durch eine dünne Wand von meinem Zimmer getrennt war, hörte ich die Jungen quieken.
Das Schrecklichste aber waren die Schlangen. Kein Haus war sicher vor ihren Besuchen, in Schubladen, Kleiderschränken, Rocktaschen, Wasserkrügen, überall hielt sich das Gezücht auf. Dabei waren diese heimtückischen Kreaturen von einer entsetzlichen Fruchtbarkeit. Suchte man in der Dunkelheit sein Zimmer auf, so zertrat man die herumliegenden Eier, die klatschend barsten. Castringius exzellierte in seinem neu erfundenen „Eiertanz“.
Im französischen Viertel konnten es die Menschen vor Ungeziefer bald nicht mehr aushalten. Doch selbst während dieser Tierinvasion behielten die meisten den Kopf oben. Man schoss seinen Hirsch vom Fenster aus und lud gleich die Freunde zum Jägermahl. Von der Dachluke meines früheren Wohnhauses hatte man einen weiten Blick über die Äcker und Felder. Jetzt war dieses Terrain in einen zoologischen Monstregarten verwandelt. Auch der Fluss hatte seinen Anteil bekommen: Krokodile, durch jahrelange Bemühungen endgültig stromabwärts gescheucht, erschienen wieder. Die Badeanstalt musste geschlossen werden, weil sich Zitteraale in den Kabinen aufhielten, deren Schlag tödlich ist.
Einer der wenigen Lichtblicke in diesen peinlichen Tagen bestand darin, dass man leicht zu wohlschmeckenden Braten und seltenen Leckerbissen gelangen konnte.
In diesen Zeiten erfreute sich mein alter Professor eines grossen Ansehens. Er hielt öffentliche Vorträge und lehrte die Traumstädter, die gefährlichen Bestien von den harmlosen zu unterscheiden. Mit einem alten Drilling ausgerüstet wandelte er schon am frühen Morgen mitten unter den Gazellenrudeln, Wildschweinen, Murmeltieren und oblag fleissig der Jagd. Aber die Tiere gewöhnten sich bald an den eigentümlichen bebrillten Schützen und liebten den alten Herrn. Dafür stiftete sein Gewehr an den Fenstern so viel Schaden, dass es ihm wieder abgenommen werden musste.
Abends konnte man nur noch unter grösster Vorsicht, bewaffnet und mit einer Laterne ausgehen. Fallen, Wolfsgruben, Schlageisen, Selbstschüsse machten unsre Stadt noch unsicherer. Sich aber in seinem Vergnügen stören zu lassen, das fiel keinem Traummenschen ein.
III
Die tief unter ihr Normalniveau gesunkene Sittlichkeit kam meinem Kollegen Castringius noch besonders zustatten. Seine Pornographica waren sehr gesucht — er war jetzt der Modekünstler. Blätter wie: „Die wollüstige Orchidee schwängert den Embryo“, hatten viele Bewunderer. Hektor von Brendel kaufte ihm einmal eine ganze Serie Arbeiten ab, weil seine Melitta diese Sachen „ulkig“ fand. Tatsächlich hatte sie auch anfangs Freude an den Zeichnungen und hing sie sauber gerahmt in ihrem Boudoir auf. Aber es war nur eine Augenblickslaune gewesen, und nach einigen Tagen schon mussten die Sachen wieder verschwinden. Ein Seitenseladon, Offizier bei den Dragonern, durfte sie mitnehmen. Dieser entschloss sich als Gegenleistung zu ein paar alten Ohrringen mit Smaragden. Er trug die Bilder noch in derselben Nacht ins Café, wo gerade eine Tombola veranstaltet wurde. Der Erlös war für die bestimmt, die ihr zügelloses Leben aufs Siechenbett geworfen hatte. Eine Abteilung für solche hatte unserem Krankenhaus bisher gefehlt. — Es ging ziemlich viel Geld ein. Blumenstich — nicht der Trödler — gab den Rest und die Abteilung konnte bald darauf im Kloster neben dem Kinderspital belegt werden.
Die Komik wollte es, dass gerade ich die Zeichnungen gewann, und nun hingen sie bei mir. Eines Tages sah ich Castringius auf der Strasse. Er suche eine neue Wohnung, sein Atelierfenster sei zerbrochen und im Dach eine Luke. Zahlreiche Fledermäuse hingen wie Rauchfleisch an den Vorhangstangen. Während er mir das erzählte, musste er sich fortwährend mit dem Stock gegen einen zudringlichen Steinbock wehren. Ich bat ihn zu mir hinauf — — da hingen die Bilder. — — Trockenes Staunen!! „Wie kommst du zu diesen Sachen?“ Ich erklärte. — „Es sind sehr gute Arbeiten, die ‚weissgestreifte Peitsche‘ ist mein reifstes Werk. Es ist die Synthese einer Moral der Zukunft. Heute lebt kein Weib, welches seine Konsequenzen daraus zu ziehen vermöchte. Es ist Bouquet in ihm.“
Ich gab ihm vollkommen recht, war ich doch im Traumstaat der einzige Mensch, der seine Sachen künstlerisch würdigte. Ich hatte den originellen Kauz überhaupt ganz gern, warum nicht? Wer sich rein fühlt, der werfe den ersten Stein auf ihn. —
Auf einmal gab’s auf der Strasse Lärm; wir traten ans Fenster. Viele Leute standen da und lachten; es war aber auch komisch. Man denke: der Affe streikte. Giovanni hatte schon tags vorher einen Herrn halbrasiert sitzen lassen, als er eine eilig vorüberhastende Schar Makaken bemerkte. Eine schöne Meerkätzin hatte ihm zugewinkt und einer solchen Versuchung konnte unser Friseurgehilfe nicht widerstehen. Doch hatte ihn der Philosoph noch mit dem spanischen Rohr und der Erwägung, dass die Zeit in kleine Ewigkeiten teilbar sei, zurückzuhalten vermocht. Jetzt half aber keine Zusprache mehr. Er kletterte graziös an der Dachrinne in die Höhe, erwischte mit dem Greifschwanz eine Flasche, worin sich der Kaffeevorrat der Prinzessin befand, setzte sich behaglich an das Fenster meiner ehemaligen, nun wegen Baufälligkeit leerstehenden Wohnung und spielte auf einer Maultrommel, die er in seiner Backentasche verborgen hatte. — Die Alte kreischte entsetzt auf, mit einem Besen wollte sie dem Räuber eins versetzen. Dieser warf sogleich die Flasche von sich und packte den Besen. Da hätte man die Dame sehen sollen! Sie raste und verschwand, um im zweiten Stockwerk wieder sichtbar zu werden. Für Giovanni Battista gab es hierbei wilde Freuden. Von meinem Fenster aus konnten wir den Kampf aufs deutlichste beobachten. Zuerst entwand er der Alten ihre Hauptwaffe, eine alte Feuerzange und überliess ihr willig den Besen. Fast war er zu einem fliegenden Tier geworden. Von mir zurückgelassene Tuschflaschen benutzte er zielsicher als Wurfgeschosse. Unten schrie das Publikum hurra, — die Prinzessin fluchte wie ein Fuhrmann.
Da tauchte er auf einmal wieder ganz vorne auf, bedeckt mit der schmutzstarrenden Haube der Alten und schwang sich aus dem Fenster. Mit possenhaften Grimassen rutschte er die Rinne wieder hinab. Oben schrie die Prinzessin nach der Polizei — unten wartete bereits der Friseur mit dem Stocke: „Schämen Sie sich!“ rief er dem Affen zu.
Kommerzienrat Blumenstich trat gerade mit sattem Lächeln aus der Wohnung seiner neun Lieblinge. Er hatte auf seine Weise wieder einmal den Wohltäter gespielt; der Wagen war schon vorgefahren. Mit einem gewaltigen Saltomortale sprang der Affe auf das Haupt des Schimmels, und dahin ging’s! Die Leute waren begeistert und riefen Bravo! bis das Fuhrwerk mit seinem grotesken Reiter verschwunden war.
Das ist nur eine Szene, aber ähnliche Schauspiele waren damals an der Tagesordnung.
Es war rätselhaft, woher dieser überschwengliche Reichtum an Tieren kam. Sie waren die eigentlichen Herren der Stadt und hielten sich augenscheinlich auch dafür. Wenn ich im Bette lag, hörte ich ein Laufen und Hufeklappern, als wäre ich in einer grossen Stadt. Kamele und wilde Esel durchwanderten die Strassen; es war gefährlich, sie zu necken.
Im Gegensatz zu diesem animalischen Reichtum schwand das Pflanzenleben immer mehr, alles war abgenagt, zerstampft, ohne Vegetation. Die Lindenalleen an der Landstrasse und in der Richtung des Friedhofes bestanden nur noch aus kahlen Baumstümpfen. Die Erde dampfte, als wollte sie noch mehr Kreaturen ausspeien. Aus kleinen Löchern strömte ein warmer sauerriechender Dunst. In eine eigentümliche, alles verwischende Dämmerung waren die Nächte gehüllt.
IV