Das Unheimlichste war ein rätselhafter Prozess, der mit dem Überhandnehmen der Tiere begann; unaufhaltsam und immer rascher zunahm und die Ursache zum völligen Untergange des Traumreichs wurde. — Die Zerbröckelung. — Sie ergriff alles. Die Bauten aus so verschiedenem Material, die in Jahren zusammengebrachten Gegenstände, all das, wofür der Herr sein Gold hingegeben hatte, war der Vernichtung geweiht. Gleichzeitig traten in allen Mauern Sprünge auf, wurde das Holz morsch, rostete alles Eisen, trübte sich das Glas, zerfielen die Stoffe. Kostbare Kunstschätze verfielen unwiderstehlich der innern Zerstörung, ohne dass sich ein zureichender Grund dafür angeben liess.
Eine Krankheit der leblosen Materie. — Moder und Schimmel gab es in den bestgehaltenen Häusern; es musste ein zersetzender, unbekannter Stoff in der Luft liegen, denn frische Speisen, Milch, Fleisch, später auch Eier wurden in einigen Stunden sauer und faul. Viele Häuser barsten und mussten schleunigst von den Inwohnern verlassen werden.
Dazu kamen die Ameisen! In jeder Ritze und Falte, in den Kleidern, im Portemonnaie und im Bette fand man sie. Man unterschied schwarze, weisse und blutrote. Die schwarze, grösste Art, fand sich in allen Mauersprüngen und im Freien, wohin immer man seinen Fuss setzte. Die weissen, weit gefährlicheren, verwandelten das Gebälk in Mehl. Die ärgsten waren ohne Frage die roten, denn sie erkoren sich den menschlichen Körper zum Aufenthalt. Anfangs galt das Kratzen noch für unanständig, man machte das privat mit sich allein ab. Doch was will einer tun, wenn es ihn juckt? Im französischen Viertel kratzte schon längst jedermann. Wir lachten und taten bald dasselbe. Die Gattin Sr. Exzellenz des Regierungspräsidenten ging gelegentlich einer Soiree mit kühnem Beispiel voran.
Der Unrat der Tiere auf der Gasse und der Staub in den Wohnungen war nicht mehr zu entfernen. Es wurde immer mehr, so verzweifelt man auch dagegen ankämpfte. Während des Bürstens und Klopfens zerfielen die Kleider. Mich wunderte nur, woher die Traummenschen noch immer ihre gute Laune schöpften.
Die Lampenbogen zum Beispiel war unverwüstlich. Das ganze Offizierskorps verkehrte in ihrem Hause, bis zum jüngsten Leutnant. Vielleicht stammelte er noch: „Verehrte Gnädige“; aber die verlangte nicht mehr viel Umstände. Schliesslich wendete sie sich den niederen Volksschichten zu. Auf der Strasse beobachtete ich oft ihr gewöhnliches Manöver, den Rock zu heben. Neugierige blieben stehen. Hunde liefen ihr nach. Mit denen war jetzt nicht zu spassen. Einmal sah ich, wie ein Köter ihr das Kleid zerriss; sie lief erschrocken davon und verlor einen zerknitterten Brief. — Ich hob ihn auf und habe ihn später gelesen.
„Meine Ameisenkönigin!
Noch immer bin ich ganz berauscht von meinem Glück und küsse im Geist alle Deine Herrlichkeiten. In meinem Traum bist Du nach wie vor die Herrin. Wie hast Du geschlafen? Wie immer, wohl wenig? Doch denk Dir, ich habe jetzt ein Mittel, um wenigstens ruhig liegen zu können. In den umgelegten Kleiderschrank wird zollhoch Insektenpulver gestreut .... Decke, ... nochmals Pulver ... dann noch eine Decke. (Die in Mode gekommenen, auch unten zuknöpfbaren Nachthemden taugen gar nichts). Der Schrank wird geschlossen, sobald man darin liegt, ein kleines (herzförmiges?!) Loch mit einem Fliegengitter bespannt, garantiert den Luftzutritt.
Bitte, sende mir die Briefe nicht mehr ins Hotel, ich hasse die Bande des Amerikaners, besonders der Jacques ist ein ausgemachter Spitzbube. Ausserdem ist die Küche dort in letzter Zeit miserabel geworden; von jetzt an werde ich das Café in der Langen Gasse zur Mittagsstation machen. Briefe H. v. B. dorthin, aber nicht mehr dem N. C. übergeben, unzuverlässig, und seit er bei dem verwünschten Amerikaner ist, auch noch frech.
Grunzt Dein Dicker, dass ihm sein letzter Mieter ausgezogen? Der Friseur will ja auch sperren, und die Prinzessin zahlt doch nicht viel. Ich sah heute Deinen Gemahl im Wagen, war aber gerade mit den lästigen Parasiten beschäftigt und hat mich daher gar nicht bemerkt.
Also heute um neun Uhr erwarte ich Dich hinter dem Rosenbusch, wie kahl ist er doch jetzt!
Dein, Dein
Hektor.
N. B. Ich erhalte immer noch anonyme Briefe, die sich mit Dir beschäftigen — — wie schlecht kennt die Welt doch meine Melitta!“
Bald hatte jedermann seinen Ballon mit Insektenpulver bei sich. Waren die Traumleute vorher der Schlafsucht unterlegen, so schliefen sie jetzt fast gar nicht. Aufgeregt, eine hektische Röte auf den Wangen, zog man bis tief nach Mitternacht in der ganzen Stadt herum. Auf den Strassen war es sicherer als in den baufälligen Häusern. In den letzten Tagen hatte die Paarungslust der Tiere ihren höchsten Grad erreicht. In allen dunkeln Ecken, im Wasser und in der Luft gatteten sich die verschiedensten Geschöpfe. Aus den Ställen drang Wiehern, Meckern und Grunzen. Ein Stier, durch den Anblick der Schlachtkühe wütend gemacht, hatte einen Metzger an die Wand zu Brei gequetscht.
Der Amerikaner schürte Hass und Zwietracht und verspottete alles. An den Herrn glaubten nur noch einige wenige. Der Uhrbann war vergessen, nur noch gelegentlich ging einer in die Zelle und blieb auch da nicht die vorgeschriebene halbe Minute; gleich kam er wieder heraus. Ich wusste nun, dass das Ende des Traumreiches unwiderruflich näher kam.
Eines Nachts hörte ich auf dem Dache ein Fauchen und dumpfes Knurren. Mit Entsetzen sah ich einen riesigen Leoparden einen Hasen zermalmen; ich hörte das Knirschen der Knochen und mich überlief es eisig. Mein Zimmerchen war nicht mehr gemütlich, es hatte zwei klaffende Sprünge in der Wand, aus welchen abends in regelmässigen Abständen die Hinterteile von Küchenschaben hervorlugten, wie ein Fries anzusehen! Tagelang nistete ein Rotkehlchenpaar in meiner Aschenschale. Die Geschöpfchen waren harmlos und belohnten mich für die Duldung durch ihren Gesang. Leider dauerte die Freude nicht lange, denn ein blitzschnell und frech eindringender Falke tötete eines Tages das Männchen.
An einem der letzten Abende, als ich vor dem Zubettegehen unter der Decke zwei Skorpione fand, und eben Jagd nach sonstigem Ungeziefer machte, geschah es, dass mir meine Waffe, der Stiefelknecht, aus dem Leim ging. Ich nahm die Schere — sie war vom Rost zerfressen; da erst bemerkte ich, dass mein Papier moderig, die Lineale, das Wrack eines Zeichentisches, die dreibeinige Kommode, mit einem Wort alle hölzernen Möbel wurmstichig und morsch waren.
Wie sah ich selber aus? Sonderbar genug! Na, wenigstens liefen auch andere, sonst adrett und sauber gekleidete Leute nun recht verlottert herum. Schimmel an Kleidern und Schuhen hatten wir alle. Da half kein Waschen und Schaben, es kam schnell wieder nach. Die Kleiderstoffe wurden mürbe, faserten und fielen stückweise von uns. Wir Männer ertrugen das mit Würde, doch die armen Damen!...... schweigen wir!
V
Eine grössere Veränderung trat ein, als die Häuser nicht mehr recht bewohnbar waren. Zu ebener Erde ging’s noch, Stiegensteigen aber erforderte wilden Mut.
Als mir eines Tages der Kellner ein faules Ei, eine trübe Flüssigkeit in einer zerbrochenen Bierflasche und einen fetten, schmierigen Lappen — wohl als Serviette gedacht — vorsetzte, da riss mir die Geduld und ich rief nach dem Wirt. Dieser war gerade damit beschäftigt, im Hintergrunde mit den Teilen des Billards die Decke zu stützen.
„Was soll das?“ herrschte ich ihn an, „an diesem Bestecke sitzt ein Pfund Grünspan. Dieses ekelhafte Zeug und den Schmierlappen nehmen Sie gefälligst fort!“ Er verbeugte sich und wimmerte: „Ach, das Personal, werter Herr!“
„Schon gut“, winkte ich erbost ab, stand auf, nahm meinen verschabten Zylinder und verliess das Café. Auf der Stelle, wo ich gesessen, hatte sich eine kleine Ameisenkolonie gebildet.
In das Kaffeehaus ging ich nur noch aus Gewohnheitsdrang. Es war zu unappetitlich, als dass man mehr als einen schwarzen Kaffee hätte geniessen können. Anton war sehr zu seinem Nachteil verändert, er hatte ungewaschene Hände und roch auf grosse Distanzen. So wie Anton brauchte man doch nicht herumzulaufen. Die an ihm haftende Schmutzkruste nannte der Friseur „Materie“. Es war einfach ekelhaft! Um so mehr erstaunte ich, als ich einmal abends beim Heimkommen ein leises Kichern im Hausflur hörte, und beim Ableuchten aller Winkel, da ich irgendwelche Tiere vermutete, hinter der Speichertüre Herrn Anton in liebender Umarmung mit Melitta antraf. Sie fand bald danach ihren Tod. In ihrem Schlafzimmer wurde sie mit zerrissenem Leib aufgefunden. Die verriegelte Tür musste erbrochen werden. Eine kolossale Dogge war mit eingesperrt. Das tolle Tier stürzte sich mit gesträubtem Haar auf die Eindringlinge und verletzte zwei Polizeimänner durch Bisse, bevor sie erschossen werden konnte. Die beiden starben bald nachher an Hundswut. In ihren letzten Lebenstagen waren von der einstigen Schönheit Melittas nur noch karge Reste zu sehen gewesen. Vergeblich hatte sie durch übertriebenes Schminken und Pudern die Zeichen ihres Wandels zu maskieren gesucht.
Sehr schwer litten auch die beiden Schachspieler. Den alten Herren, welche gänzlich von ihrer Leidenschaft unterjocht waren, erschien schliesslich jede Körperbewegung dermassen kompliziert, dass sie stundenlang Berechnungen anstellen mussten, um ein Glied rühren zu können. Dass eine derartige Schwerfälligkeit bei dem vielen Ungeziefer bedenklich war, liegt auf der Hand. Viel Lob verdient daher eine junge Dame, welche einmal hier ihren Tee zu sich nahm, und die Qualen der beiden bemerkte. Sie ging einfach hin und las Ameisen und Wanzen couragiert von ihren Röcken ab. Keiner von uns wollte zurückstehen. Bisher hatten wir über das Schauspiel der grotesk verzogenen Gesichter gelacht, aber von jetzt ab bürgerte es sich bei den Stammgästen ein, dass man beim Kommen und Gehen rasch die beiden Herren ein wenig kratzte. — Wie man sieht, war selbst in diesen bösen Zeiten nicht alles Mitgefühl mit den Leidenden erstorben.
Der Amerikaner machte wieder viel von sich reden. Er prophezeite das baldige Nachlassen der Tierflut und behielt insoweit recht, als die grossen Arten sich nach und nach verzogen. Sämtliche kleine Säuger und Reptilien aber blieben vorläufig, während die Vögel bis auf eine Unmasse von Raben und weisshalsigen Geiern ganz verschwunden waren. Die Geier, schwere, massige Vögel, hockten wie aus Bronze gegossen auf den Baumstümpfen der Alleen und sahen unbeirrbar auf die Stadt, als erwarteten sie noch etwas. Aber obgleich seine Vorhersagen nur teilweise eintrafen, sie verschafften dem Amerikaner starken neuen Anhang. Von nun an hetzte er womöglich noch ärger gegen seinen Todfeind Patera.
Ich nahm wieder meine abendlichen Spaziergänge am Flussufer auf. Da hatten die Wellen unzählige Muscheln, Korallen, Schnecken, Fischgräten und -schuppen ans Ufer geschwemmt. Überrascht war ich, häufig Überreste zu finden, welche der Meeresfauna angehören. Wie von mystischen Zeichen übersäet schien das Ufer. Ich war überzeugt, dass die Blauäugigen diese symbolische Sprache verstehen würden. Sicher waren hier Geheimnisse; auch die Flügel der oft prächtigen Insekten, Nachtfalter, Käfer, zeigten Flecken, die vergessene Buchstaben sein mussten. Mir fehlte der Schlüssel dazu.
Wie gross musst du doch sein, Patera! dachte ich. Warum verbirgt sich der Herr so tief, selbst vor denen, die ihn lieben? In schwermütiger Versunkenheit schritt ich dahin; am jenseitigen Ufer beugten sich die entlaubten Bäume weit über den Fluss und streiften mit ihren Zweigen das schwarze Wasser. Zwischen ihnen bewegten sich gigantische Schatten. Das Krachen zerbrechender Äste kam deutlich herüber, manchmal sah ich lange Hälse oder Rüssel und konnte den Gedanken an vorweltliche, monströse Geschöpfe nicht los werden. Je dunkler es wurde, desto gefährlicher war es für einsame Spaziergänger; an einem Abend, welcher für mich noch von grosser Bedeutung werden sollte, kehrte ich furchterfüllt um, als ein Brett, das aus dem Wasser herausragte, zu blasen anfing. Ein Alligator wies mir die Zähne. Beim Heimgehen überdachte ich einen noch gut abgelaufenen Unfall, welcher sich tags vorher ereignet hatte. Schon lange Zeit hatten Gerüchte über einen riesigen Tiger zirkuliert, ein trächtiges Weibchen, das sich im Palaste aufhalten sollte; verschiedene Menschen behaupteten, seine stumpfe Schnauze und den gestreckten Rücken an der Fenstergalerie gesehen zu haben. Tatsächlich war tags vorher eine solche Bestie in den Terrassensalon Alfred Blumenstichs gesprungen. Die Dame des Hauses, rundlich und fett, fiel beim Anblick des wilden Tieres lautlos in Ohnmacht — man sass gerade bei Tisch und Professor Korntheur war zu Gast. Dieser würdige Herr zeigte in dem furchtbaren Augenblick bemerkenswerten Heroismus. „Bleiben Sie ruhig,“ sprach er aufstehend zu dem entsetzten Gatten, „auch die schlimmsten Raubtiere unterordnen sich dem um soviel höherstehenden Menschen, sie fühlen Ehrfurcht vor seiner aufrechten Haltung und fürchten seinen edlen Herrenblick.“ Damit trat er auf das Tier zu und nahm seine Brille ab. War es nun die Seltsamkeit der steifbeinigen Gelehrtenerscheinung oder sonst etwas, kurz, abermals klirrten und zersplitterten die Glasscheiben und der Tiger sprang hinaus, — — leider mit der Frau Kommerzienrat im Rachen. Blumenstich rang die Hände: „Grosser Gott, verschone meine Julie!“ wimmerte er. Von der Dienerschaft mit Flinten verfolgt, schleppte der Tiger die Ohnmächtige zum Palast. Auf der Strasse trat alles höflich zur Seite. Die schleunigst requirierte Feuerwehr versuchte der gestreiften Bestie die Beute abzujagen. In einem grossen Saale des ersten Stockwerkes hörte man den Räuber. Wütend fauchte er die ihm nachkommenden Retter an; Schiessen war unmöglich, wie leicht hätte man Frau Blumenstich treffen können. So war es eine gute Idee, das Tier mit der Feuerspritze zu verscheuchen; das half. Der geduschte Tiger liess sich bewegen, aus seiner Saalecke zu kommen, doch dabei vergass er nicht sein Opfer. Mit einem enormen Satz flog er zum hohen Bogenfenster hinaus. Entsetzt schrien die Leute, doch Gott hatte Erbarmen mit dem Gatten. Frau Blumenstich blieb an einem Fensterhaken, dem ganzen Platze sichtbar, hängen, die Röcke über dem Kopf, aber gerettet. Der Tiger entschlüpfte in der allgemeinen Freude.
Da man des gefährlichen Tieres nicht habhaft geworden war, herrschte grosse Bestürzung. Den Palast zu durchsuchen, wie der Amerikaner vorschlug, wagte trotz der allgemeinen Emanzipation vom Meister kein Mensch. Militär und Polizei versagten kurzerhand ihre Unterstützung.
Der Herr benahm sich wirklich sonderbar! Wenn er schon Perle in keiner Weise mehr seinen Schutz angedeihen lassen wollte, so hätte er doch wenigstens seine Getreuen davon ausnehmen können. So schien es aber, als ob er sich um diesen Unterschied nicht kümmere. Die Stadt hatte jetzt wieder stillere Stunden, obgleich sich fast die ganze traumländische Bevölkerung hier versammelt hatte.
„Gebt uns die Villen frei!“ heulte und brüllte der Pöbel. Die Reichen übergaben sie um so lieber, als man sie den darin eingenisteten Tieren geradezu abringen musste. Bei Lampenbogen war aus dem Landhaus ein Stachelschweinbau geworden; im Boudoir der Verklärten schlief auf dem Divan eine dickgemästete Riesenschlange. Dieses Getier musste vertilgt werden, bevor das Volk einziehen konnte. Auch sonst war es durchaus nicht so schön, wie es der arme Mann sich vorstellte; die kostbarsten Sachen wollten augenscheinlich nicht mehr leben. Die wertvollen Vasen, das Porzellangeschirr war durchsetzt von einem feinverzweigten Netz kleinster Sprünge. Prächtige Gemälde bekamen schwarze Flecke, welche sich über das ganze Bild verbreiteten. Stiche wurden porös und zerfielen; man glaubt gar nicht, wie schnell aus den so gut gehaltenen und reparierten Einrichtungsgegenständen ein Schmutzhaufen wurde.
Der grössere Teil der zugereisten Bauern lagerte sich deshalb lieber auf den freien Plätzen und Feldern in der nächsten Umgebung der Stadt.
„Herr, du zeigst deine Macht nur noch im Schrecken“, dachte ich und betrat die Lange Gasse. Es war dunkel geworden und allenthalben knisterte und knackte es. Hier sauste ein Ziegelstein vom Dache, dort bröckelte Mörtel von einer Wand, ununterbrochen rieselte feiner Sand aus Mauerlöchern, die zusehends grösser wurden, man musste über Schutthaufen klettern und über emporragende Pfähle und Pfosten steigen. — Das unfassbare Weben des Todes.
Auf dem Dache des Kaffeehauses ganz nahe meiner Mansarde unterschied ich deutlich eine sich bewegende schwarze Silhouette: den Leopard. Er hatte sicher in einem Nachbarspeicher seinen Schlupfwinkel ... durch eine Büchsenkugel wäre er vielleicht zu töten gewesen, doch dazu waren wir alle zu feig. In meinem engen Zimmer überfiel mich eine tiefe Mutlosigkeit, lange wanderte ich auf und nieder, ich empfand Schmerzen im Kreuzbein und in den Gelenken.
„Warum leben wir denn alle noch? wir sind ja doch verdammt! Wenn ich jetzt krank würde, kein Teufel kümmerte sich um mich.“ Eine schleichende Angst überfiel mich. Ich will nicht sterben, nicht sterben! und fassungslos stützte ich mein Haupt in beide Hände. „Es gibt nichts Höheres“ — sagte das Verzagen in mir. „Zwei Beine — Knochenröhren — tragen meine ganze Welt, eine Welt des Schmerzes und Irrtums! Das Entsetzlichste ist der Leib.“ Mich durchschüttelte die Todesfurcht. Was wird meinem Körper noch alles zustossen, die tausend Organe, zu wie raffinierten Folterwerkzeugen werden sie sich fügen? Ach, könnte ich doch lieber nicht denken, aber das arbeitet von selbst! Es gibt keine Gewissheiten, denen nicht Ungewissheiten gegenüberständen! Das Gewirr ist endlos — — ich bin verdammt! Ekel und Kot schleppe ich in meinem Bauche, und wenn ich es je zu grosser Leidenschaft bringe, gleich kommt die Feigheit hinterher. Ich weiss nur eines: ich muss es geschehen lassen, so sehr ich mich auch winde, dem Unvermeidlichen — dem Sterben — von Minute zu Minute näher zu kommen. Nicht einmal zum Selbstmord habe ich die Kraft, zum dauernden Unglück bin ich bestimmt.“ — Ich seufzte.
An Patera verzweifelte ich! Ich verstehe ihn nicht, er spielt mit Rätseln! Wahrscheinlich ist er machtloser als irgend einer, sonst hätte er den Amerikaner schon längst zerschmettert. Aber er vermag es nicht! Der Amerikaner, der hat das wahre Leben! O wäre ich nur nicht so zaghaft! Ich träte vor ihn, stürzte auf die Knie und er brächte Hilfe!
Wie aufgelöst in Todesangst, wusste ich nicht aus noch ein. — Unten gab’s ein Gepolter — Randalierende wurden aus dem Kaffeehaus geworfen, ein alltäglicher Vorfall. Gegenüber in der erleuchteten Stube sah ich den Friseur tief über seine Bücher gebeugt.
VI
Da zupfte es mich innerlich einige Male rasch hintereinander. Ich musste aufstehen — da — schon wieder — was war das? ... Allmählich erfüllte mich ein dumpfer Drang. Jetzt zupfte und pochte es nochmals, eindringlicher. — „Jawohl, was ist?“ — Ich strengte mich an und gab mich ganz der unklaren Empfindung hin. „Patera!“ hörte ich von innen heraus, „Patera! — Palast — komm!“ — es wurde immer beredter, drängender, furchtbar deutlich und klar. — Im Dunkeln ging ich hinunter, völlig sicher, ohne etwas zu denken. Es zog und es schob, ich überliess mich gänzlich einer führenden Kraft. Niemand beachtete mich, — als ich zum Überlegen kam, war ich auf halbem Weg zum Palast. „Um Gottes willen,“ dachte ich, „was tue ich, was muss ich tun —?“ ich wollte umkehren: „ganz gewiss, bei der nächsten Ecke kehre ich um!“ ... Nichts half! ich musste weiter; ich wollte den Leuten zurufen: „Helft doch, helft! haltet mich!“ ... Meine Kiefer waren wie aneinandergeschraubt. ... Und ich sah den imposanten Palast mit seinem Riesentor, den leeren Fensterhöhlen, wie einen Totenschädel — ich trat in seine Dunkelheit. Nach allen Seiten dehnte sich ein Labyrinth von Kolonnaden. Ich marschierte gleich einer Holzpuppe, mechanisch eins — zwei — eins — zwei. Die langen Galerien wurden spärlich von herabhängenden Laternen beleuchtet; ich betrat die Säle. Alle Türen waren nur angelehnt — ich hörte einen Knall — das melodische Schlagwerk einer Uhr — im Zugwind öffneten sich die Türen von selbst — ein Krachen —! Um Christi Barmherzigkeit! der Tiger! Von nun an quälte mich diese Vorstellung und unter stärkstem Druck lief ich beinahe, mich bemühend, möglichst wenig Lärm zu machen. Öfters glaubte ich, meinen Namen zu hören, ganz laut, dann wieder leise und nahe neben mir; aber um keinen Preis hätte ich mich umschauen können. — In den verödeten, unbewohnten Räumen lagen zerbrochene Möbel und eine dumpfe, ausgesprochen modrige Luft hemmte mir den Atem. Ich kam durch weitläufige Gemächer, von einer einsamen Kerze matt erhellt. Zerwühlte Betten, herabgerissene Draperien, zugemauerte Fenster, verglühende prunkvolle Öfen, verhängte Gobelins. — Über kleine, staubige Treppen und durch stille lange Korridore eilte ich wie ein Nachtwandler, da sah ich die bekannte niedrige Eichentüre. „Patera,“ dachte ich ununterbrochen, „Patera, Patera.“ ... Auch diese Türe war nur angelehnt. Von der Decke des Gemaches hing eine silberne Ampel mit einem flackernden Lichtchen und beleuchtete die herabhängenden Fetzen eines Thronhimmels — ausser dem matt sich abzeichnenden Mosaikboden sah man fast nichts. — Ich blieb stehen — jetzt konnte ich stehen bleiben! Da, da! — das Gesicht! — und schon bedeckten sich meine Schläfen mit kaltem Schweiss.
In ein schleierhaftes, silbergraues Gewand gehüllt, stand Patera aufrecht da — stand schlafend da. Ein unbezähmbares Grauen empfand ich vor ihm. In den tiefen grünlichen Schatten seiner Augen lag übermenschliches Leiden, und dann fiel mir auf, dass an einer seiner grossen, wohlgeformten Hände das Nagelglied des Daumens fehlte. Ich erinnerte mich blitzartig der im Traumreich geborenen Kinder. Wieder hörte ich das Flüstern wie beim ersten Besuch.
„Ich habe dich gerufen“, — klang es wie aus der Ferne. Es kam dieses Mal zu keinem klaren Mienenspiel. Die Muskeln schwollen, rollten und zogen sich zusammen. Aber alles blieb gestaltlos, die Züge wurden schlaff, nur die Lippen zuckten und spielten grässlich in dem sonst starren Antlitz. Und dann hub es wieder an, ganz leise, wie durch einen Schleier gedämpft. Zuerst hörte ich nur ein Wispern, sinnlos, unzusammenhängend. Dann erst begriff und verstand ich:
„Hörst du die Toten singen, die lichtgrünen Toten? Sie zerfallen in ihren Gräbern schmerzlos und leicht; greifst du durch ihre Leiber, so berührst du nur Brocken, und die Zähne, sie lösen sich leicht. Wo ist das Leben, das sie bewegte, wo ist die Kraft? Hörst du die Toten singen, die lichtgrünen Toten?“ Der scharfe Hauch Pateras drang mir in die Nase — — ich fühlte mich schwach werden. Da setzte sich der Herr auf sein erhöhtes Ruhebett und warf seinen Mantel ab — nun sass er aufgerichtet mit entblösstem Oberkörper, die langen Locken fielen ihm auf die Schultern, ich musste seine breiten, edeln Formen bewundern. Dieser schimmernde, weisse Leib glich einer Statue — und ich fasste meine letzte Kraft zusammen in die Frage: „Patera, warum lässt du das alles geschehen?“ — Es kam lange keine Antwort. —
Auf einmal rief er mit metallisch tönender Bassstimme: „Ich bin müde!“
Ich fuhr erschrocken zusammen, im nächsten Moment starrte ich in die glanzlosen Augen — ich war im Bann. — Seine Augen glichen zwei leeren Spiegeln, welche die Unendlichkeit auffingen. Mir kam der Gedanke, dass Patera gar nicht lebe, — wenn Tote schauen könnten, das wären ihre Blicke. Es war ein Befehl zum Sprechen in mir. Aber ich vermochte nur zu stammeln, ich lallte und war selbst erstaunt, wie es klang. Wie aus Urzeiten kam diese Frage her, vor Billionen von Jahren mussten diese Worte gesprochen worden sein, und jetzt erst brachte ich sie hervor, heute hörte man sie hier:
„Patera, warum hast du nicht geholfen?“