I
Ich werde mich jetzt etwas beeilen; Reiseschilderungen finden meine Leser überall und zwar weit schönere, als ich sie zu schreiben imstande wäre.
Dass eine Bahnfahrt meist ein Gedränge ist, weiss jeder Mensch. Ab Budapest machte sich bereits ein leichter asiatischer Einschlag bemerkbar. Wodurch? Im Interesse dieses Buches will ich Ungarn nicht beleidigen.
Gott sei Dank war ich wenigstens in Belgrad schon so weit, nicht alle zehn Minuten an die Brust zu greifen, ob mein Schatz noch da sei. Es braucht doch nicht jeder zu wissen, wo man sein Geld aufbewahrt hat, auch in Serbien nicht.
Ich bin gewöhnlich im Kupee leicht gereizt. Diesesmal war es bedeutend besser. Wir fuhren aber auch mit allem erdenklichen Komfort. Ich gab mich heiteren Träumereien hin und freute mich, dass ich noch alle Genüsse vor mir hatte. Wenn nur meine Frau fröhlicher gewesen wäre. Leider lag sie da, war nachdenklich und klagte über Kopfschmerzen.
Als Bukarest hinter uns lag, hatte ich aber auch genug. Zwei Nächte in der Eisenbahn, wenn auch noch so bequem, sind schliesslich doch keine Kleinigkeit. Die letzten Stunden verbrachten wir fast wie die wilden Tiere in einem Käfig.
Als dann am frühen Morgen das Schwarze Meer in Sicht kam, standen wir schon längst aussteigebereit im Gang. Mit den ersten Sonnenstrahlen kamen wir in Constanza an. — Grosse Gepäcksbalgerei —.
Der Dampfer, der uns nach Batum bringen sollte, gehörte dem österreichischen Lloyd. Er war sauber und bequem. Dies war für meine Frau besonders günstig. Nach einem Bade hatte sie sich von der Bahnfahrt recht gut erholt. Sie war glücklich über den schönen Tag und das Meer. Ich stand am Hinterdeck und blickte dem entschwindenden Festland nach ..... Europa ......! Bald war die Küste nur noch als ein schmaler Streifen sichtbar. Auch dieser verschwand. Angestrengt schaute ich nach der Richtung, ich bildete mir noch lange ein, ihn zu sehen.
Auf Wunsch meiner Frau verhielt ich mich den Mitreisenden gegenüber sehr reserviert. Und ich musste ihr recht geben. Ist man, wie ich auf dieser Reise, ganz durchdrungen von einer Idee, wie leicht kann man da sein Ziel verraten! Und was dann geschehen würde, konnte womöglich recht unangenehm werden.
Als mir Gautsch das Gelöbnis des Schweigens abnahm, sah er durchaus nicht spasshaft aus. Am Ende durfte der Verräter gar nicht ins Traumreich, und musste das Reisegeld zurückzahlen. Dafür würde ich mich schönstens bedanken! — Ich war also sehr wortkarg, was mir ziemlich leicht fiel. Es war nämlich kein Deutscher an Bord und ich bin keiner anderen Sprache mächtig. So dachte ich um so mehr an das Traumreich und bildete mir die phantastischsten Dinge darüber ein.
Diese Stimmung dominierte recht eigentlich. Nur beim Umsteigen in die Eisenbahn wurde ich zu meinem Widerwillen herausgerissen. Meine Frau hingegen war wieder sehr erfreut über die Geräumigkeit der russischen Eisenbahnwagen. Ja Russland! Das war so ein Land nach meinem Geschmack: gross, üppig, unkultiviert, aber doch mit dem Komfort herausrückend, sobald nur Geld klimpert. Geldmenschen wie wir kommen heutzutage überall durch. Ich liess den Zaren leben und freute mich der paar Tropfen Slavenblutes, die auch in mir kreisen. Diese ganze günstige Ansicht vom russischen Reiche war hauptsächlich durch die zufällig rasche Pass- und Zollabfertigung beeinflusst.
Eine Woche nach unsrer Abfahrt von München waren wir in Krasnowodsk. Die kaspische See hatten wir schon hinter uns. Sie wurde auf einem russischen Schiff in einigen Stunden durchquert. Einem derart schmierigen Kasten bin ich noch nie begegnet. Meine Meinung über den Zaren war sehr scharf. Doch eines musste ich ihm zugeben: Der Kaukasus, das heisst das, was man von ihm sehen konnte, war allerdings schön.
Ich war des Reisens nun doch etwas müde. Es war hart, immer in einem Pferch zu hocken, wenn man auch ohne Anstrengung die halbe Welt dabei sah. Zum Teufel, ich will mich rühren dürfen!
Was von jetzt ab mit immer konfiszierteren Gesichtern an unsern Zug trat, schien nur mehr Gesindel. Wir fuhren durch ein Wüstenland, direkt auf Merw los. Oasen links und rechts. Neuartige Speisen boten Gelegenheit, sich den Magen zu verderben. Aber das war kaum nötig, denn mein übertriebenes Rauchen bewirkte dasselbe. Schade, dass ich die verpafften Zigaretten von München bis Merw nicht gezählt habe. Nun zog das Gespenst der Tabakfrage heran. — Ja, mein Tabak! — Ihn zwischen Bücherseiten zu verstauen, war eine gute Idee, doch praktisch wertlos. In die Enge getrieben, ersuchte ich meine Gefährtin, mir ihre Frisur zwecks Schmuggels zu überlassen. Ich dachte an eine Art himmelhohen Chignons, wurde aber abgewiesen. — Zum Schluss, wie meistens, kam dann das Beste. Ein Reiseluftkissen wurde mit zäher Ausdauer vollgestopft. Das hatte es gut! Es wurde umschmeichelt, nicht aus den Augen gelassen! Ich musste meinen Tabak haben, denn Russen sind mir zu scharf, ich bin darin individuell. Dass ich mir mit ein paar Rubel die ganze Mühe hätte ersparen können, fiel mir, — da ich gewohnt war, als armer Schlucker zu reisen, — natürlich nicht ein. Aber bald würde das Luftkissen erschöpft sein, was dann? Dumpf bebrütete ich Rettungsmöglichkeiten. Hoffen wir auf das Traumland, Gautsch sah zu anständig aus! Und wieder wickelte ich mich förmlich in Zukunftsgedanken ein.
Meine Frau fühlte sich übrigens wohl. Je länger die Reise dauerte, desto frischer wurde sie. Sie gewöhne sich, behauptete sie. Das verstand ich nicht. Aber im geheimen hegte ich mit etwas Neid tingierte Bewunderung. In Merw hatten wir kurzen Aufenthalt. Auf einem Seitengeleise stand ein Lastenzug, in welchen einige Waggons mit altem Eisen und Gerümpel eingeteilt waren. Vielleicht schon Güter für Perle? dachte ich, und starrte sie an. — Traumgüter! —
Meine Frau fing an, sich um mich zu sorgen. Das Schwelgen im Künftigen gefiel ihr nicht.
„Du bringst dich um die ganze Freude der Reise. All das Fremdartige, die phantastischen Trachten, kurz alles, scheint gar nicht für dich da zu sein. Sonst, selbst bei kleinen Ausflügen hattest du immer dein Skizzenbuch bei der Hand, und jetzt siehst du kaum hinaus!“
Sie seufzte und gewiss, sie hatte recht. — Aber ich sagte nichts. — Seufzende Frauen, die mag ich schon gar nicht. Dann streichelte sie mir die Hand.
„Mag die Zukunft uns noch so Grossartiges bescheren, die Realität soll man doch nicht so ganz ausser acht lassen.“
Jetzt trat ich ans Kupeefenster. — In der Bahnhofhalle herrschte ein buntes Treiben. Alle möglichen Völker, hochgewachsene Georgier, Griechen, Juden, Russen in Pelzen, Tartaren, schlitzäugige Kalmücken, auch Deutsche waren da. Tausend interessante Dinge gab es zu sehen. Um Felle wurde gefeilscht, gesprochen und geschrien, Türken erschienen mit verschleierten Frauen, ein Armenier wollte mir Obst verkaufen, auch ein Paket Safran sollte ich ihm abnehmen. Wozu? — — —
Die Aufregung wuchs. Es war Abfahrtszeit. Rückwärts wurden grosse Ballen Seidenstoffe verladen. Jedesmal beim Heben gab es ein komisches Wort. Ich verstand immer „Quark!“ Ein schöner Mann in einer roten Tscherkessenuniform — wohl ein Offizier — verabschiedete sich von seinen Freunden. Er stieg ins Nebenkupee. Alles das und noch mehr war durch drei Bahnhofslampen aus der Dunkelheit herausgehoben. Entschieden ein malerisches Bild.
Unser Zug setzte sich in Bewegung. Im Hintergrund der Halle bemerkte ich gerade noch einen Haufen Fässer. Die kannte ich seit Baku — sie hatten das Schiff verstänkert.
„Gefällt es dir, Lieber?“ frug eine Stimme.
„Ich konstatiere die Richtigkeit der Reisebeschreibungen“, antwortete ich trocken.
II
In dieser Nacht ging es mir nicht recht gut. Damals war ich ein Mensch, der das Abenteuer vergötterte. Aber es musste ein richtiges sein, etwas aussergewöhnliches, kein Klischee.
Die nahezu ununterbrochene zehntägige Fahrt hatte meinen Kräften natürlich tüchtig zugesetzt. Ach, meine Stimmung war miserabel! Ich wälzte mich auf dem Bettprovisorium und jammerte. „Der Traumstaat ist ein Aufsitzer, du wirst sehen“, sprach ich zu meiner Frau. „Man wird uns in irgendein beschwerlich zu erreichendes Nest schleppen, dort müssen wir Patera und seinen Mist bewundern, bloss weil er reich ist! Mir ist ein reicher Mensch aber, bloss weil er reich ist, wurst. Mit dem Gelde wird es auch bald vorbei sein, das ahne ich schon. Bei unverschämten Preisen wird man uns alles wieder abknöpfen.“
Ich war unmutig, voll tiefer Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung. Wir fuhren da immer weiter nach Osten, und alles war trotz dem orientalischen Gepräge so wie man es sich auch daheim ganz gut denken konnte. „Und was soll dann noch kommen?“ reflektierte ich weiter. „Ein paar Villen und Häuser, eine Fremdenkolonie, ein Park. Um diese Himmelsprächte lasse ich mich also jetzt von der Eisenbahn halbtot rütteln?“
Meine Frau suchte mich soviel sie vermochte zu trösten.
„Wenn es uns nicht gefällt, reisen wir eben wieder heim“, meinte sie. „Bis jetzt ist doch wirklich kein Grund zu so schlechter Laune.“
„Der Agent war ein abgefeimtes Subjekt; diesem Kerl hätte man die Türe weisen sollen. Warum hast du mich nicht gewarnt?“ räsonierte ich.
„Und das Geld?“ frug sie lachend!
„Bitte, erwähne das Geld nicht mehr. Ist man so reich wie Patera, reisst man sich eben eine Million vom Herzen, wenn man schon anständige Menschen bei sich sehen will.“
Gähnend drehte ich meiner Frau den Rücken zu. Frauen verstehen einen nie. Und schon halb im Schlafe hörte ich, wie meine Gefährtin noch bemerkte:
„Überschätzest du unsere Gesellschaft nicht doch etwas?“ Weise verzichtete ich auf Entgegnung.
Das Poltern unseres aussteigenden Nachbarn zeigte mir an, dass wir in Bochara hielten. Die Frühdämmerung eines klaren Tages. Turbane und Lammfellmützen waren vom Polster aus sichtbar. Von jetzt ab ging es, wie mir schien, bedeutend rascher. Wagen waren wohl abgekoppelt, oder eine neue Maschine vorgespannt. Nachmittags noch sollten wir in Samarkand eintreffen.
Munter erhob ich mich. — Draussen war es prachtvoll; aus der Wüste — die ich ja nun genügend kennen gelernt hatte — war reiche grüne Weide geworden. Wenngleich November, war es kaum kühl. Kamel- und Pferdeherden mit drolligen Jungen belebten die Gegend. Der Gedanke, der Wiege der Menschheit nahe zu sein, liess mich nicht los. Man sah faktisch Typen von vielleicht fünfzig Völkerschaften, wenngleich in mehr oder minder wertvollen Exemplaren. Hier liefen die alten grossen Handelsstrassen der Welt durch. Schon Alexander der Grosse ....... fertig, ich will keine Reisebeschreibung. — — — —
Die Erwartung trieb mir das Blut in die Wangen, neugierig beugte ich mich bald auf der einen, bald auf der andern Seite zum Wagenfenster hinaus. Und da — da sah man wirklich in der Ferne etwas auftauchen. Eine langgestreckte Häusermasse, Minarets, Kirchen — — Samarkand! Samarkand — —! Buntglitzernd spiegelte sich die Sonne in den blau- und grünglasierten Ziegeln und beim Näherkommen nahm die Farbigkeit immer noch zu. Ein uneingestandener Glücksrausch bemächtigte sich meiner nun doch, wenngleich durchzogen von Fragen: Wo werden die Enttäuschungen liegen? — Es war ja doch etwas ganz Unbekanntes, was uns erwartete.
Beim Einfahren des Zuges in Samarkand wurde ich nüchterner. Als wir dem Waggon entstiegen waren und uns umsahen, trat ein Mann hinzu. Kreuzung zwischen Armenier und Ostpreusse taxierte ich.
„Die Herrschaften wurden durch Herrn Gautsch avisiert!“ — Verbeugung — fliessendes Deutsch.
„Wohin sollen wir gehen?“ frug ich, mittelmässig warm.
Mit neuer Verbeugung, auch gegen meine Reisegefährtin, stellte er sich vor:
„Kuno Eberhard Teretatian, Agent. — Haben Sie mir etwas zu zeigen?“
Meinem Rasseinstinkt zollte ich im geheimen ein Lorbeerblatt, dem Mischling reichte ich das Etui mit dem Bild; seit einer halben Stunde hielt ich es schon umklammert.
„Danke, das genügt. Die Herrschaften haben drei Stunden Zeit. Es ist jetzt zwei, um 5 Uhr setzt sich die Kolonne in Bewegung. Ich mache Ihnen den Vorschlag, in meinen Räumen auszuruhen und sich zu stärken.“