The avoidance of the name of the deceased is as a rule kept up with extraordinary severity. Thus, among many South American tribes, it is considered the gravest insult to the survivors to pronounce the name of the deceased in their presence, and the penalty set for it is no less than that for the slaying itself. At first it is not easy to guess why the mention of the name should be so abominated, but the dangers associated with it have called into being a whole series of interesting and important expedients to avoid this. Thus the Masai in Africa have hit upon the evasion of changing the name of the deceased immediately upon his death; he may now be mentioned without dread by this new name, while all the prohibitions remain attached to the old name. It seems to be assumed that the ghost does not know his new name and will not find it out. The Australian tribes on Adelaide and Encounter Bay are so consistently cautious that when a death occurs almost every person who has the same name as the deceased or a very similar one, exchanges it for another. Sometimes by a further extension of the same idea as seen among several tribes in Victoria and in North America all the relatives of the deceased change their names regardless of whether their names resemble the name of the deceased in sound. Among the Guaycuru in Paraguay the chief used to give new names to all the members of the tribe, on such sad occasions, which they then remembered as if they had always had them.
Die Vermeidung des Namens des Verstorbenen wird in der Regel außerordentlich streng gehandhabt. So gilt es bei manchen südamerikanischen Stämmen als die schwerste Beleidigung der Überlebenden, den Namen des verstorbenen Angehörigen vor ihnen auszusprechen, und die darauf gesetzte Strafe ist nicht geringer als die für eine Mordtat selbst festgesetzte. Warum die Nennung des Namens so verabscheut werden sollte, ist zunächst nicht leicht zu erraten, aber die mit ihr verbundenen Gefahren haben eine ganze Reihe von Auskunftsmitteln entstehen lassen, die nach verschiedenen Richtungen interessant und bedeutungsvoll sind. So sind die Masai in Afrika auf die Ausflucht gekommen, den Namen des Verstorbenen unmittelbar nach seinem Tode zu ändern; er darf nun ohne Scheu mit dem neuen Namen erwähnt werden, während alle Verbote an den alten geknüpft bleiben. Es scheint dabei vorausgesetzt, daß der Geist seinen neuen Namen nicht kennt und nicht erfahren wird. Die australischen Stämme an der Adelaide und der Encounter Bay sind in ihrer Vorsicht so konsequent, daß nach einem Todesfall alle Personen ihre Namen gegen einen anderen vertauschen, welche ebenso oder sehr ähnlich geheißen haben wie der Verstorbene. Manchmal wird in weiterer Ausdehnung derselben Erwägung die Namensänderung nach einem Todesfall bei allen Angehörigen des Verstorbenen vorgenommen, ohne Rücksicht auf den Gleichklang der Namen, so bei einigen Stämmen in Victoria und in Nordwestamerika. Ja bei den Guaycurus in Paraguay pflegte der Häuptling bei so traurigem Anlaß allen Mitgliedern des Stammes neue Namen zu geben, die sie fortan erinnerten, als ob sie sie von jeher getragen hätten.
Furthermore, if the deceased had the same name as an animal or object, etc., some of the races just enumerated thought it necessary to give these animals and objects new names, in order not to be reminded of the deceased when they mentioned them. Through this there must have resulted a never ceasing change of vocabulary, which caused a good deal of difficulty for the missionaries, especially where the interdiction upon a name was permanent. In the seven years which the missionary Dobrizhofer spent among the Abipons in Paraguay, the name for jaguar was changed three times and the words for crocodile, thorns and animal slaughter underwent a similar fate. But the dread of pronouncing a name which has belonged to a deceased person extends also to the mention of everything in which the deceased had any part, and a further important result of this process of suppression is that these races have no tradition or any historical reminiscences, so that we encounter the greatest difficulties in investigating their past history. Among a number of these primitive races compensating customs have also been established in order to re-awaken the names of the deceased after a long period of mourning; they are bestowed upon children who were regarded as reincarnations of the dead.
Ferner, wenn der Name des Verstorbenen sich mit der Bezeichnung eines Tieres, Gegenstandes usw. gedeckt hatte, erschien es manchen unter den angeführten Völkern notwendig, auch diese Tiere und Objekte neu zu benennen, damit man beim Gebrauch dieser Worte nicht an den Verstorbenen erinnert werde. Daraus mußte sich eine nie zur Ruhe kommende Veränderung des Sprachschatzes ergeben, die den Missionären Schwierigkeiten genug bereitete, besonders wo die Namensverpönung eine permanente war. In den sieben Jahren, die der Missionär Dobrizhofer bei den Abiponen in Paraguay verbrachte, wurde der Name für Jaguar dreimal abgeändert, und die Worte für Krokodil, Dornen und Tierschlachten hatten ähnliche Schicksale. Die Scheu, einen Namen auszusprechen, der einem Verstorbenen angehört hat, dehnt sich aber auch nach der Richtung hin aus, daß man alles zu erwähnen vermeidet, wobei dieser Verstorbene eine Rolle spielte, und als bedeutsame Folge dieses Unterdrückungsprozesses ergibt sich, daß diese Völker keine Tradition, keine historischen Reminiszenzen haben und einer Erforschung ihrer Vorgeschichte die größten Schwierigkeiten in den Weg legen. Bei einer Reihe dieser primitiven Völker haben sich aber auch kompensierende Gebräuche eingebürgert, um die Namen der Verstorbenen nach einer langen Zeit von Trauer wieder zu erwecken, indem man sie an Kinder verleiht, die als die Wiedergeburt der Toten betrachtet werden.
The strangeness of this taboo on names diminishes if we bear in mind that the savage looks upon his name as an essential part and an important possession of his personality, and that he ascribes the full significance of things to words. Our children do the same, as I have shown elsewhere, and therefore they are never satisfied with accepting a meaningless verbal similarity, but consistently conclude that when two things have identical names a deeper correspondence between them must exist. Numerous peculiarities of normal behaviour may lead civilized man to conclude that he too is not yet as far removed as he thinks from attributing the importance of things to mere names and feeling that his name has become peculiarly identified with his person. This is corroborated by psychoanalytic experiences, where there is much occasion to point out the importance of names in unconscious thought activity. As was to be expected, the compulsion neurotics behave just like savages in regard to names. They show the full ‘complex sensitiveness’ towards the utterance and hearing of special words (as do also other neurotics) and derive a good many, often serious, inhibitions from their treatment of their own name. One of these taboo patients whom I knew, had adopted the avoidance of writing down her name for fear that it might get into somebody’s hands who thus would come into possession of a piece of her personality. In her frenzied faithfulness, which she needed to protect herself against the temptations of her phantasy, she had created for herself the commandment, ‘not to give away anything of her personality’. To this belonged first of all her name, then by further application her hand-writing, so that she finally gave up writing.
Das Befremdende dieses Namentabu ermäßigt sich, wenn wir daran gemahnt werden, daß für die Wilden der Name ein wesentliches Stück und ein wichtiger Besitz der Persönlichkeit ist, daß sie dem Worte volle Dingbedeutung zuschreiben. Dasselbe tun, wie ich an anderen Orten ausgeführt habe, unsere Kinder, die sich darum niemals mit der Annahme einer bedeutungslosen Wortähnlichkeit begnügen, sondern konsequent schließen, wenn zwei Dinge mit gleichklingenden Namen genannt werden, so müßte damit eine tiefgehende Übereinstimmung zwischen beiden bezeichnet sein. Auch der zivilisierte Erwachsene mag an manchen Besonderheiten seines Benehmens noch erraten, daß er von dem Voll- und Wichtignehmen der Eigennamen nicht so weit entfernt ist, wie er glaubt, und daß sein Name in einer ganz besonderen Art mit seiner Person verwachsen ist. Es stimmt dann hiezu, wenn die psychoanalytische Praxis vielfachen Anlaß findet, auf die Bedeutung der Namen in der unbewußten Denktätigkeit hinzuweisen. Die Zwangsneurotiker benehmen sich dann, wie zu erwarten stand, in betreff der Namen ganz wie die Wilden. Sie zeigen die volle »Komplexempfindlichkeit« gegen das Aussprechen und Anhören bestimmter Worte und Namen (ähnlich wie auch andere Neurotiker), und leiten aus ihrer Behandlung des eigenen Namens eine gute Anzahl von oft schweren Hemmungen ab. Eine solche Tabukranke, die ich kannte, hatte die Vermeidung angenommen, ihren Namen niederzuschreiben, aus Angst, er könnte in jemandes Hand geraten, der damit in den Besitz eines Stückes von ihrer Persönlichkeit gekommen wäre. In der krampfhaften Treue, durch die sie sich gegen die Versuchungen ihrer Phantasie schützen mußte, hatte sie sich das Gebot geschaffen, »nichts von ihrer Person herzugeben«. Dazu gehörte zunächst der Name, in weiterer Ausdehnung die Handschrift, und darum gab sie schließlich das Schreiben auf.
Thus it no longer seems strange to us that savages should consider a dead person’s name as a part of his personality and that it should be subjected to the same taboo as the deceased. Calling a dead person by name can also be traced back to contact with him, so that we can turn our attention to the more inclusive problem of why this contact is visited with such a severe taboo.
So finden wir es nicht mehr auffällig, wenn von den Wilden der Name des Toten als ein Stück seiner Person gewertet und zum Gegenstand des den Toten betreffenden Tabu gemacht wird. Auch die Namensnennung des Toten läßt sich auf die Berührung mit ihm zurückführen, und wir dürfen uns dem umfassenderen Problem zuwenden, weshalb diese Berührung von so strengem Tabu betroffen ist.
The nearest explanation would point to the natural horror which a corpse inspires, especially in view of the changes so soon noticeable after death. Mourning for a dead person must also be considered as a sufficient motive for everything which has reference to him. But horror of the corpse evidently does not cover all the details of taboo rules, and mourning can never explain to us why the mention of the dead is a severe insult to his survivors. On the contrary, mourning loves to preoccupy itself with the deceased, to elaborate his memory, and preserve it for the longest possible time. Something besides mourning must be made responsible for the peculiarities of taboo customs, something which evidently serves a different purpose. It is this very taboo on names which reveals this still unknown motive, and if the customs did not tell us about it we would find it out from the statements of the mourning savages themselves.
Die naheliegendste Erklärung würde auf das natürliche Grauen hinweisen, welches der Leichnam und die Veränderungen, die alsbald an ihm bemerkt werden, erregt. Daneben müßte man der Trauer um den Toten einen Platz einräumen, als Motiv für alles, was sich auf diesen Toten bezieht. Allein das Grauen vor dem Leichnam deckt offenbar nicht die Einzelheiten der Tabuvorschriften, und die Trauer kann uns niemals erklären, daß die Erwähnung des Toten ein schwerer Schimpf für dessen Hinterbliebene ist. Die Trauer liebt es vielmehr, sich mit dem Verstorbenen zu beschäftigen, sein Andenken auszuarbeiten und für möglichst lange Zeit zu erhalten. Für die Eigentümlichkeiten der Tabugebräuche muß etwas anderes als die Trauer verantwortlich gemacht werden, was offenbar andere Absichten als diese verfolgt. Gerade die Tabu der Namen verraten uns dies noch unbekannte Motiv, und sagten es die Gebräuche nicht, so würden wir es aus den Angaben der trauernden Wilden selbst erfahren.
For they do not conceal the fact that they fear the presence and the return of the spirit of a dead person; they practise a host of ceremonies to keep him off and banish him. They look upon the mention of his name as a conjuration which must result in his immediate presence. They therefore consistently do everything to avoid conjuring and awakening a dead person. They disguise themselves in order that the spirit may not recognize them, they distort either his name or their own, and become infuriated when a ruthless stranger incites the spirit against his survivors by mentioning his name. We can hardly avoid the conclusion that they suffer, according to Wundt’s expression, from the fear of “his soul now turned into a demon,”.
Sie machen nämlich keinen Hehl daraus, daß sie sich vor der Gegenwart und der Wiederkehr des Geistes des Verstorbenen fürchten; sie üben eine Menge von Zeremonien, um ihn fernzuhalten, ihn zu vertreiben. Seinen Namen auszusprechen, dünkt ihnen eine Beschwörung, der seine Gegenwart auf dem Fuße folgen wird. Sie tun darum folgerichtig alles, um einer solchen Beschwörung und Erweckung aus dem Wege zu gehen. Sie verkleiden sich, damit der Geist sie nicht erkenne, oder sie entstellen seinen oder den eigenen Namen; sie wüten gegen den rücksichtslosen Fremden, der den Geist durch Nennung seines Namens auf seine Hinterbliebenen hetzt. Es ist unmöglich, der Folgerung auszuweichen, daß sie nach Wundts Ausdruck, an der Furcht »vor seiner zum Dämon gewordenen Seele« leiden.
With this understanding we approach Wundt’s conception who, as we have heard, sees the nature of taboo in the fear of demons.
Mit dieser Einsicht wären wir bei der Bestätigung der Auffassung Wundts angelangt, welche das Wesen des Tabu, wie wir gehört haben, in der Angst vor den Dämonen findet.
The assumption which this theory makes, namely, that immediately after death the beloved member of a family becomes a demon, from whom the survivors have nothing but hostility to expect, so that they must protect themselves by every means from his evil desires, is so peculiar that our first impulse is not to believe it. Yet almost all competent authors agree as to this interpretation of primitive races. Westermarck, who, in my opinion, gives altogether too little consideration to taboo, makes this statement: “On the whole facts lead me to conclude that the dead are more frequently regarded as enemies than as friends and that Jevons and Grant Allen are wrong in their assertion that it was formerly believed that the malevolence of the dead was as a rule directed only against strangers, while they were paternally concerned about the life and welfare of their descendants and the members of their clan.”
Die Voraussetzung dieser Lehre, daß das teure Familienmitglied mit dem Augenblicke seines Todes zum Dämon wird, von dem die Hinterbliebenen nur Feindseliges zu erwarten haben, und gegen dessen böse Gelüste sie sich mit allen Mitteln schützen müssen, ist so sonderbar, daß man ihr zunächst den Glauben versagen wird. Allein so ziemlich alle maßgebenden Autoren sind darin einig, den Primitiven diese Auffassung zuzuschreiben. Westermarck, der in seinem Werke: »Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe« dem Tabu, nach meiner Schätzung, viel zu wenig Beachtung schenkt, äußert in dem Abschnitt: Verhalten gegen Verstorbene direkt: »Überhaupt läßt mich mein Tatsachenmaterial den Schluß ziehen, daß die Toten häufiger als Feinde denn als Freunde angesehen werden und daß Jevons und Grant Allen im Irrtum sind mit ihrer Behauptung, man habe früher geglaubt, die Böswilligkeit der Toten richte sich in der Regel nur gegen Fremde, während sie für Leben und Ergehen ihrer Nachkommen und Clangenossen väterlich besorgt seien.«
R. Kleinpaul has written an impressive book in which he makes use of the remnants of the old belief in souls among civilized races to show the relation between the living and the dead. According to him too, this relation culminates in the conviction that the dead, thirsting for blood, draw the living after them. The living did not feel themselves safe from the persecutions of the dead until a body of water had been put between them. That is why it was preferred to bury the dead on islands or to bring them to the other side of a river: the expressions ‘here’ and ‘beyond’ originated in this way. Later moderation has restricted the malevolence of the dead to those categories where a peculiar right to feel rancour had to be admitted, such as the murdered who pursue their murderer as evil spirits, and those who, like brides, had died with their longings unsatisfied. Kleinpaul believes that originally, however, the dead were all vampires, who bore ill-will to the living, and strove to harm them and deprive them of life. It was the corpse that first furnished the conception of an evil spirit.
R. Kleinpaul hat in einem eindrucksvollen Buche die Reste des alten Seelenglaubens bei den zivilisierten Völkern zur Darstellung des Verhältnisses zwischen den Lebendigen und den Toten verwertet. Es gipfelt auch nach ihm in der Überzeugung, daß die Toten mordlustig die Lebendigen nach sich ziehen. Die Toten töten; das Skelett, als welches der Tod heute gebildet wird, stellt dar, daß der Tod selbst nur ein Toter ist. Nicht eher fühlte sich der Lebendige vor der Nachstellung der Toten sicher, als bis er ein trennendes Wasser zwischen sich und ihn gebracht hat. Daher begrub man die Toten gern auf Inseln, brachte sie auf die andere Seite eines Flusses; die Ausdrücke Diesseits und Jenseits sind hievon ausgegangen. Eine spätere Milderung hat die Böswilligkeit der Toten auf jene Kategorien beschränkt, denen man ein besonderes Recht zum Groll einräumen mußte, auf die Ermordeten, die ihren Mörder als böse Geister verfolgen, auf die in ungestillter Sehnsucht Gestorbenen wie die Bräute. Aber ursprünglich, meint Kleinpaul, waren alle Toten Vampyre, alle grollten den Lebenden und trachteten, ihnen zu schaden, sie des Lebens zu berauben. Der Leichnam hat überhaupt erst den Begriff eines bösen Geistes geliefert.
The hypothesis that those whom we love best turn into demons after death obviously allows us to put a further question. What prompted primitive races to ascribe such a change of sentiment to the beloved dead? Why did they make demons out of them? According to Westermarck this question is easily answered. “As death is usually considered the worst calamity that can overtake man, it is believed that the deceased are very dissatisfied with their lot. Primitive races believe that death comes only through being slain, whether by violence or by magic, and this is considered already sufficient reason for the soul to be vindictive and irritable. The soul presumably envies the living and longs for the company of its former kin; we can therefore understand that the soul should seek to kill with them diseases in order to be re-united with them....
Die Annahme, die liebsten Verstorbenen wandelten sich nach dem Tode zu Dämonen, läßt offenbar eine weitere Fragestellung zu. Was bewog die Primitiven dazu, ihren teuren Toten eine solche Sinnesänderung zuzuschreiben? Warum machten sie sie zu Dämonen? Westermarck glaubt, diese Frage leicht zu beantworten. »Da der Tod zumeist für das schlimmste Unglück gehalten wird, das den Menschen treffen kann, glaubt man, daß die Abgeschiedenen mit ihrem Schicksal äußerst unzufrieden seien. Nach Auffassung der Naturvölker stirbt man nur durch Tötung, sei es gewaltsame, sei es durch Zauberei bewirkte, und schon deshalb sieht man die Seele als rachsüchtig und reizbar an; vermeintlich beneidet sie die Lebenden und sehnt sich nach der Gesellschaft der alten Angehörigen -- es ist daher begreiflich, daß sie trachtet, sie durch Krankheiten zu töten, um mit ihnen vereinigt zu werden...
“...A further explanation of the malevolence ascribed to souls lies in the instinctive fear of them, which is itself the result of the fear of death.”
... Eine weitere Erklärung der Bösartigkeit, die man den Seelen zuschreibt, liegt in der instinktiven Furcht vor diesen, welche Furcht ihrerseits das Ergebnis der Angst vor dem Tode ist.«
Our study of psychoneurotic disturbances points to a more comprehensive explanation, which includes that of Westermarck.
Das Studium der psychoneurotischen Störungen weist uns auf eine umfassendere Erklärung hin, welche die Westermarck_sche miteinschließt.
When a wife loses her husband, or a daughter her mother, it not infrequently happens that the survivor is afflicted with tormenting scruples, called ‘obsessive reproaches’ which raises the question whether she herself has not been guilty through carelessness or neglect, of the death of the beloved person. No recalling of the care with which she nursed the invalid, or direct refutation of the asserted guilt can put an end to the torture, which is the pathological expression of mourning and which in time slowly subsides. Psychoanalytic investigation of such cases has made us acquainted with the secret mainsprings of this affliction. We have ascertained that these obsessive reproaches are in a certain sense justified and therefore are immune to refutation or objections. Not that the mourner has really been guilty of the death or that she has really been careless, as the obsessive reproach asserts; but still there was something in her, a wish of which she herself was unaware, which was not displeased with the fact that death came, and which would have brought it about sooner had it been strong enough. The reproach now reacts against this unconscious wish after the death of the beloved person. Such hostility, hidden in the unconscious behind tender love, exists in almost all cases of intensive emotional allegiance to a particular person, indeed it represents the classic case, the prototype of the ambivalence of human emotions. There is always more or less of this ambivalence in everybody’s disposition; normally it is not strong enough to give rise to the obsessive reproaches we have described. But where there is abundant predisposition for it, it manifests itself in the relation to those we love most, precisely where you would least expect it. The disposition to compulsion neurosis which we have so often taken for comparison with taboo problems, is distinguished by a particularly high degree of this original ambivalence of emotions.
Wenn eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihre Mutter durch den Tod verloren hat, so ereignet es sich nicht selten, daß die Überlebende von peinigenden Bedenken, die wir »Zwangsvorwürfe« heißen, befallen wird, ob sie nicht selbst durch eine Unvorsichtigkeit oder Nachlässigkeit den Tod der geliebten Person verschuldet habe. Keine Erinnerung daran, wie sorgfältig sie den Kranken gepflegt, keine sachliche Zurückweisung der behaupteten Verschuldung vermag der Qual ein Ende zu machen, die etwa den pathologischen Ausdruck einer Trauer darstellt und mit der Zeit langsam abklingt. Die psychoanalytische Untersuchung solcher Fälle hat uns die geheimen Triebfedern des Leidens kennen gelehrt. Wir haben erfahren, daß diese Zwangsvorwürfe in gewissem Sinne berechtigt und nur darum gegen Widerlegung und Einspruch gefeit sind. Nicht als ob die Trauernde den Tod wirklich verschuldet oder die Vernachlässigung wirklich begangen hätte, wie es der Zwangsvorwurf behauptet; aber es war doch etwas in ihr vorhanden, ein ihr selbst unbewußter Wunsch, der mit dem Tode nicht unzufrieden war, und der ihn herbeigeführt hätte, wenn er im Besitze der Macht gewesen wäre. Gegen diesen unbewußten Wunsch reagiert nun der Vorwurf nach dem Tode der geliebten Person. Solche im Unbewußten versteckte Feindseligkeit hinter zärtlicher Liebe gibt es nun in fast allen Fällen von intensiver Bindung des Gefühls an eine bestimmte Person, es ist der klassische Fall, das Vorbild der Ambivalenz menschlicher Gefühlsregungen. Von solcher Ambivalenz ist bei einem Menschen bald mehr, bald weniger in der Anlage vorgesehen; normalerweise ist es nicht so viel, daß die beschriebenen Zwangsvorwürfe daraus entstehen können. Wo sie aber ausgiebig angelegt ist, da wird sie sich gerade im Verhältnis zu den allergeliebtesten Personen, da, wo man es am wenigsten erwarten würde, manifestieren. Die Disposition zur Zwangsneurose, die wir in der Tabufrage so oft zum Vergleich herangezogen haben, denken wir uns durch ein besonders hohes Maß solcher ursprünglicher Gefühlsambivalenz ausgezeichnet.
We now know how to explain the supposed demonism of recently departed souls and the necessity of being protected against their hostility through taboo rules. By assuming a similar high degree of ambivalence in the emotional life of primitive races such as psychoanalysis ascribes to persons suffering from compulsion neurosis, it becomes comprehensible that the same kind of reaction against the hostility latent in the unconscious behind the obsessive reproaches of the neurotic should also be necessary here after the painful loss has occurred. But this hostility which is painfully felt in the unconscious in the form of satisfaction with the demise, experiences a different fate in the case of primitive man: the defence against it is accomplished by displacement upon the object of hostility, namely the dead. We call this defence process, frequent both in normal and diseased psychic life, a projection. The survivor will deny that he has ever entertained hostile impulses toward the beloved dead; but now the soul of the deceased entertains them and will try to give vent to them during the entire period of mourning. In spite of the successful defence through projection, the punitive and remorseful character of this emotional reaction manifests itself in being afraid, in self-imposed renunciations and in subjection to restrictions which are partly disguised as protective measures against the hostile demon. Thus we find again that taboo has grown out of the soil of an ambivalent emotional attitude. The taboo of the dead also originates from the opposition between the conscious grief and the unconscious satisfaction at death. If this is the origin of the resentment of spirits it is self-evident that just the nearest and formerly most beloved survivors have to fear it most.
Wir kennen nun das Moment, welches uns das vermeintliche Dämonentum der frisch verstorbenen Seelen und die Notwendigkeit, sich durch die Tabuvorschriften gegen ihre Feindschaft zu schützen, erklären kann. Wenn wir annehmen, daß dem Gefühlsleben der Primitiven ein ähnlich hohes Maß von Ambivalenz zukomme, wie wir es nach den Ergebnissen der Psychoanalyse den Zwangskranken zuschreiben, so wird es verständlich, daß nach dem schmerzlichen Verlust eine ähnliche Reaktion gegen die im Unbewußten latente Feindseligkeit notwendig wird, wie sie dort durch die Zwangsvorwürfe erwiesen wurde. Diese im Unbewußten als Befriedigung über den Todesfall peinlich verspürte Feindseligkeit hat aber beim Primitiven ein anderes Schicksal; sie wird abgewehrt, indem sie auf das Objekt der Feindseligkeit, auf den Toten, verschoben wird. Wir heißen diesen im normalen wie im krankhaften Seelenleben häufigen Abwehrvorgang eine Projektion. Der Überlebende leugnet nun, daß er je feindselige Regungen gegen den geliebten Verstorbenen gehegt hat; aber die Seele des Verstorbenen hegt sie jetzt und wird sie über die ganze Zeit der Trauer zu betätigen bemüht sein. Der Straf- und Reuecharakter dieser Gefühlsreaktion wird sich trotz der geglückten Abwehr durch Projektion darin äußern, daß man sich fürchtet, sich Verzicht auferlegt und sich Einschränkungen unterwirft, die man zum Teil als Schutzmaßregeln gegen den feindlichen Dämon verkleidet. Wir finden so wiederum, daß das Tabu auf dem Boden einer ambivalenten Gefühlseinstellung erwachsen ist. Auch das Tabu der Toten rührt von dem Gegensatz zwischen dem bewußten Schmerz und der unbewußten Befriedigung über den Todesfall her. Bei dieser Herkunft des Grolles der Geister ist es selbstverständlich, daß gerade die nächsten und früher geliebtesten Hinterbliebenen ihn am meisten zu fürchten haben.
As in neurotic symptoms, the taboo regulations also evince opposite feelings. Their restrictive character expresses mourning, while they also betray very clearly what they are trying to conceal, namely, the hostility towards the dead, which is now motivated as self-defence. We have learnt to understand part of the taboo regulations as temptation fears. A dead person is defenceless, which must act as an incitement to satisfy hostile desires entertained against him; this temptation has to be opposed by the prohibition.
Die Tabuvorschriften benehmen sich auch hier zwiespältig wie die neurotischen Symptome. Sie bringen einerseits durch ihren Charakter als Einschränkungen die Trauer zum Ausdruck, anderseits aber verraten sie sehr deutlich, was sie verbergen wollen, die Feindseligkeit gegen den Toten, die jetzt als Notwehr motiviert ist. Einen gewissen Anteil der Tabuverbote haben wir als Versuchungsangst verstehen gelernt. Der Tote ist wehrlos, das muß zur Befriedigung der feindseligen Gelüste an ihm reizen, und dieser Versuchung muß das Verbot entgegengesetzt werden.
But Westermarck is right in not admitting any difference in the savage’s conception between those who have died by violence and those who have died a natural death. As will be shown later, in the unconscious mode of thinking even a natural death is perceived as murder; the person was killed by evil wishes. Any one interested in the origin and meaning of dreams dealing with the death of dear relatives such as parents and brothers and sisters will find that the same feeling of ambivalence is responsible for the fact that the dreamer, the child, and the savage all have the same attitude towards the dead.
Westermarck hat aber Recht, wenn er für die Auffassung der Wilden keinen Unterschied zwischen gewaltsam und natürlich Gestorbenen gelten lassen will. Für das unbewußte Denken ist auch der ein Gemordeter, der eines natürlichen Todes gestorben ist; die bösen Wünsche haben ihn getötet. (Vgl. die nächste Abhandlung dieser Reihe: Animismus, Magie und Allmacht der Gedanken.) Wer sich für Herkunft und Bedeutung der Träume vom Tode teurer Verwandter (der Eltern und Geschwister) interessiert, der wird beim Träumer, beim Kind und beim Wilden die volle Übereinstimmung im Verhalten gegen den Toten, gegründet auf die nämliche Gefühlsambivalenz, feststellen können.
A little while ago we challenged Wundt’s conception, who explains the nature of taboo through the fear of demons, and yet we have just agreed with the explanation which traces back the taboo of the dead to a fear of the soul of the dead after it has turned into a demon. This seems like a contradiction, but it will not be difficult for us to explain it. It is true that we have accepted the idea of demons, but we know that this assumption is not something final which psychology cannot resolve into further elements. We have, as it were, exposed the demons by recognizing them as mere projections of hostile feelings which the survivor entertains towards the dead.
Wir haben vorhin einer Auffassung von Wundt widersprochen, welche das Wesen des Tabu in der Furcht vor den Dämonen findet, und doch haben wir soeben der Erklärung zugestimmt, welche das Tabu der Toten auf die Furcht vor der zum Dämon gewordenen Seele des Verstorbenen zurückführt. Das schiene ein Widerspruch: es wird uns aber nicht schwer werden, ihn aufzulösen. Wir haben die Dämonen zwar angenommen, aber nicht als etwas Letztes und für die Psychologie Unauflösbares gelten lassen. Wir sind gleichsam hinter die Dämonen gekommen, indem wir sie als Projektionen der feindseligen Gefühle erkennen, welche die Überlebenden gegen die Toten hegen.
The double feeling--tenderness and hostility--against the deceased, which we consider well founded, endeavours to assert itself at the time of bereavement as mourning and satisfaction. A conflict must ensue between these contrary feelings, and as one of them, namely the hostility, is altogether or for the greater part unconscious, the conflict cannot result in a conscious difference in the form of hostility or tenderness as, for instance, when we forgive an injury inflicted upon us by some one we love. The process usually adjusts itself through a special psychic mechanism, which is designated in psychoanalysis as projection. This unknown hostility, of which we are ignorant and of which we do not wish to know, is projected from our inner perception into the outer world and is thereby detached from our own person and attributed to the other. Not we, the survivors, rejoice because we are rid of the deceased, on the contrary, we mourn for him; but now, curiously enough, he has become an evil demon who would rejoice in our misfortune and who seeks our death. The survivors must now defend themselves against this evil enemy; they are freed from inner oppression, but they have only succeeded in exchanging it for an affliction from without.
Die nach unserer gut begründeten Annahme zwiespältigen -- zärtlichen und feindseligen -- Gefühle gegen die nun Verstorbenen wollen sich zur Zeit des Verlustes beide zur Geltung bringen, als Trauer und als Befriedigung. Zwischen diesen beiden Gegensätzen muß es zum Konflikt kommen, und da der eine Gegensatzpartner, die Feindseligkeit -- ganz oder zum größeren Anteile --, unbewußt ist, kann der Ausgang des Konfliktes nicht in einer Subtraktion der beiden Intensitäten voneinander mit bewußter Einsetzung des Überschusses bestehen, etwa wie man einer geliebten Person eine von ihr erlittene Kränkung verzeiht. Der Prozeß erledigt sich vielmehr durch einen besonderen psychischen Mechanismus, den man in der Psychoanalyse als Projektion zu bezeichnen gewohnt ist. Die Feindseligkeit, von der man nichts weiß und auch weiter nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in die Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und der anderen zugeschoben. Nicht wir, die Überlebenden, freuen uns jetzt darüber, daß wir des Verstorbenen ledig sind; nein, wir trauern um ihn, aber er ist jetzt merkwürdigerweise ein böser Dämon geworden, dem unser Unglück Befriedigung bereiten würde, der uns den Tod zu bringen sucht. Die Überlebenden müssen sich nun gegen diesen bösen Feind verteidigen; sie sind von der inneren Bedrückung entlastet, haben sie aber nur gegen eine Bedrängnis von außen eingetauscht.
It is not to be denied that this process of projection, which turns the dead into malevolent enemies, finds some support in the real hostilities of the dead which the survivors remember and with which they really can reproach the dead. These hostilities are harshness, the desire to dominate, injustice, and whatever else forms the background of even the most tender relations between men. But the process cannot be so simple that this factor alone could explain the origin of demons by projection. The offences of the dead certainly motivate in part the hostility of the survivors, but they would have been ineffective if they had not given rise to this hostility and the occasion of death would surely be the least suitable occasion for awakening the memory of the reproaches which justly could have been brought against the deceased. We cannot dispense with the unconscious hostility as the constant and really impelling motive. This hostile tendency towards those nearest and dearest could remain latent during their lifetime, that is to say, it could avoid betraying itself to consciousness either directly or indirectly through any substitutive formation. However, when the person who was simultaneously loved and hated died, this was no longer possible, and the conflict became acute. The mourning originating from the enhanced tenderness, became on the one hand more intolerant of the latent hostility, while on the other hand it could not tolerate that the latter should not give origin to a feeling of pure gratification. Thus there came about the repression of the unconscious hostility through projection, and the formation of the ceremonial in which fear of punishment by demons finds expression. With the termination of the period of mourning, the conflict also loses its acuteness so that the taboo of the dead can be abated or sink into oblivion.
Es ist nicht abzuweisen, daß dieser Projektionsvorgang, welcher die Verstorbenen zu böswilligen Feinden macht, eine Anlehnung an den reellen Feindseligkeiten findet, die man von letzteren erinnern und ihnen wirklich zum Vorwurf machen kann. Also an ihrer Härte, Herrschsucht, Ungerechtigkeit, und was sonst den Hintergrund auch der zärtlichsten Beziehungen unter den Menschen bildet. Aber es kann nicht so einfach zugehen, daß uns dieses Moment für sich allein die Projektionsschöpfung der Dämonen begreiflich mache. Die Verschuldungen der Verstorbenen enthalten gewiß einen Teil der Motivierung für die Feindseligkeit der Überlebenden, aber sie wären unwirksam, wenn nicht diese Feindseligkeit aus ihnen erfolgt wäre, und der Zeitpunkt ihres Todes wäre gewiß der ungeeignetste Anlaß, die Erinnerung an die Vorwürfe zu wecken, die man ihnen zu machen berechtigt war. Wir können die unbewußte Feindseligkeit als das regelmäßig wirkende und eigentlich treibende Motiv nicht entbehren. Diese feindselige Strömung gegen die nächsten und teuersten Angehörigen konnte zu deren Lebzeiten latent bleiben, das heißt sich dem Bewußtsein weder direkt noch indirekt durch irgend eine Ersatzbildung verraten. Mit dem Ableben der gleichzeitig geliebten und gehaßten Personen war dies nicht mehr möglich, der Konflikt wurde akut. Die aus der gesteigerten Zärtlichkeit stammende Trauer wurde einerseits unduldsamer gegen die latente Feindseligkeit, anderseits durfte sie es nicht zulassen, daß sich aus letzterer nun ein Gefühl der Befriedigung ergebe. Somit kam es zur Verdrängung der unbewußten Feindseligkeit auf dem Wege der Projektion, zur Bildung jenes Zeremoniells, in dem die Furcht vor der Bestrafung durch die Dämonen Ausdruck findet, und mit dem zeitlichen Ablauf der Trauer verliert auch der Konflikt an Schärfe, so daß das Tabu dieser Toten sich abschwächen oder in Vergessenheit versinken darf.
Having thus explained the basis on which the very instructive taboo of the dead has grown up, we must not miss the opportunity of adding a few observations which may become important for the understanding of taboo in general.
Haben wir so den Boden geklärt, auf dem das überaus lehrreiche Tabu der Toten erwachsen ist, so wollen wir nicht versäumen, einige Bemerkungen anzuknüpfen, die für das Verständnis des Tabu überhaupt bedeutungsvoll werden können.
The projection of unconscious hostility upon demons in the taboo of the dead is only a single example from a whole series of processes to which we must grant the greatest influence in the formation of primitive psychic life. In the foregoing case the mechanism of projection is used to settle an emotional conflict; it serves the same purpose in a large number of psychic situations which lead to neuroses. But projection is not specially created for the purpose of defence, it also comes into being where there are no conflicts. The projection of inner perceptions to the outside is a primitive mechanism which, for instance, also influences our sense-perceptions, so that it normally has the greatest share in shaping our outer world. Under conditions that have not yet been sufficiently determined even inner perceptions of ideational and emotional processes are projected outwardly, like sense perceptions, and are used to shape the outer world, whereas they ought to remain in the inner world. This is perhaps genetically connected with the fact that the function of attention was originally directed not towards the inner world, but to the stimuli streaming in from the outer world, and only received reports of pleasure and pain from the endopsychic processes. Only with the development of the language of abstract thought through the association of sensory remnants of word representations with inner processes, did the latter gradually become capable of perception. Before this took place primitive man had developed a picture of the outer world through the outward projection of inner perceptions, which we, with our reinforced conscious perception, must now translate back into psychology.
Die Projektion der unbewußten Feindseligkeit beim Tabu der Toten auf die Dämonen ist nur ein einzelnes Beispiel aus einer Reihe von Vorgängen, denen der größte Einfluß auf die Gestaltung des primitiven Seelenlebens zugesprochen werden muß. In dem betrachteten Falle dient die Projektion der Erledigung eines Gefühlskonfliktes; sie findet die nämliche Verwendung in einer großen Anzahl von psychischen Situationen, die zur Neurose führen. Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen, sie kommt auch zu stande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem z. B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat. Unter noch nicht genügend festgestellten Bedingungen werden innere Wahrnehmungen auch von Gefühls- und Denkvorgängen wie die Sinneswahrnehmungen nach außen projiziert, zur Ausgestaltung der Außenwelt verwendet, während sie der Innenwelt verbleiben sollten. Es hängt dies vielleicht genetisch damit zusammen, daß die Funktion der Aufmerksamkeit ursprünglich nicht der Innenwelt, sondern den von der Außenwelt zuströmenden Reizen zugewendet war, und von den endopsychischen Vorgängen nur die Nachrichten über Lust- und Unlustentwicklungen empfing. Erst mit der Ausbildung einer abstrakten Denksprache, durch die Verknüpfung der sinnlichen Reste der Wortvorstellungen mit inneren Vorgängen, wurden diese selbst allmählich wahrnehmungsfähig. Bis dahin hatten die primitiven Menschen durch Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ein Bild der Außenwelt entwickelt, welches wir nun mit erstarkter Bewußtseinswahrnehmung in Psychologie zurückübersetzen müssen.